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Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassungen             

Glaube und Naturwissenschaft, ein Projekt des Kurses Evangelische Religion Jg. 13

Goethes Farbentheologie

2.0. Fragestellungen
2.1. Johann Wolfgang von Goethe (Kurzbiographie)
2.2. Goethes Religionsverständnis
2.3. Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre
2.4. Versuchsanordnungen Newtons und Goethes
2.5. Goethes Farbentheologie und die Ketzergeschichte Arnolds

2.0. Fragestellungen:

Besonders seit dem 19. Jahrhundert gibt es immer wieder Kritik an der Naturwissenschaft und die Suche nach einem alternativen Naturverständnis inklusive einer „alternativen Naturwissenschaft“. Dazu gehörten Goethes Bemühungen um die „richtige“ Erfassung und Erklärung der Farbenerscheinungen in der „Farbenlehre“ und deren ehrfurchtsvolle Tradierung in der Anthroposophie Rudolf Steiners. Welche Motive, Interessen und Anschauungen trieben Goethe zu seiner 20-jährigen Beschäftigung mit der „Farbenlehre“ ? Wie tragfähig sind ihre Ergebnisse heute? Was hat die Farbenlehre mit Religion zu tun ? Was sagt sie uns über Goethes Naturverständnis?

Gruppenbericht:

2.1. Johann Wolfgang von Goethe (Kurzbiographie)

* 28. August 1749 in Frankfurt am Main
+ 22. März 1832 in Weimar
Vater: Johann Kaspar Goethe
Mutter: Katharina Elisabeth, geb. Textor
1765: Beginn des Jurastudiums in Leipzig
1768: Rückkehr nach Frankfurt
1770: Studienzeit in Straßburg, Begegnung mit der "Sturm - und Drang - Bewegung"
1771: Advokatur in Frankfurt
1775-86: Goethe lebt am Hofe des Herzogs Karl August in Weimar
1790: "Chromatische Bekehrung" (Hinwendung zur Beschäftigung mit den Farben)
1791-1817: Leitung des Weimarer Hoftheaters
1794: erste Kontakte mit Schiller
1810: Fertigstellung der "Farbenlehre"
1832: kurz vor seinem Tode Abschluß des "Faust"-Dramas Goethe stirbt 82-jährig in Weimar

2.2. Goethes Religionsverständnis:

Goethe war zwar christlich erzogen worden und hielt sich in bestimmten Phasen seines Lebens für christlich gläubig, doch waren diese Phasen meist von kurzer Dauer. Er hat Zeit seines Lebens seine religiösen "Überzeugungen" recht häufig gewechselt, zudem ließ er sich nur selten schriftlich zu diesen Themen aus, so daß wir nur ungenügende Zeugnisse über Goethes religiöse Ansichten besitzen. Informationen hierüber können wir also meist nur indirekt über seine dichterischen Werke erfahren, was stets vage bleibt.
Gesichert ist, daß Goethe in seinen jungen Jahren eine pantheistische Naturauffassung besaß, die sich auch in seinen damaligen Werken widerspiegelte. Auch die Hinwendung zum Christentum vor allem während seiner Frankfurter Zeit gilt als belegt. 1782 jedoch bezeichnete sich Goethe wiederum als "dezidierter (entschiedener) Nichtchrist".
Immer hat Goethe der Mystizismus stark fasziniert, was zum Teil auch in seinen naturwissenschaftlichen Studien einen Anklang findet. Diese Faszination war vielleicht ausschlaggebend für sein Interesse an der alten Sekte der Hypsistarier, der er sich in hohem Alter zuwandte. (Die Hypsistarier waren eine seit dem 4. Jht. n.Chr. in Kappadozien vorhandene religiöse Gemeinschaft, deren Lehre von der „Anbetung des höchsten Gottes“ eine Mischung aus jüdischen und hellenistischen Glaubenselementen darstellte. Sie verehrten auch Feuer und Lichter)
Goethe vertrat eine eigene (an Leibniz`sche Vorstellungen angelehnte) Reinkarnationstheorie, die auf einer Rangordnung der einzelnen "Seelenarten" basierte.
Den ursprünglich naturwissenschaftlichen Kampf gegen Newtons Farbentheorie führte Goethe schon bald im Stile eines religiösen Glaubenskampfes, mit den entsprechenden Mitteln wie Verleumdung, polemischen Kampfschriften etc. (Zitat: „Wer aber das Licht in Farben will spalten, den mußt du für einen Affen halten“)

2.3. Johann Wolfgang von Goethes Farbentheologie

Materialien:

Goethes Farbenlehre aus: C.H. Beck Verlag, Hamburger Ausgabe in 14 Bänden
Rüdiger Safranski „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie"
Carl Friedrich von Weizsäcker „Einige Begriffe aus Goethes Naturwissenschaft"
Goethe begann mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Farben hauptsächlich aus zwei Gründen:
1. Goethe wollte selbst malen („nicht nur mit dem Herz, sondern mit dem Auge dichten"). Da ihm sein Talent aber ungenügend erschien, schloß er, „daß man den Farben als physischen Erscheinungen erst von der Seite der Natur beikommen müsse, wenn man in Absicht auf die Kunst etwas über sie gewinnen wolle"(Bd. XIV Farbenlehre, Historischer Teil, S.256). Dabei untersuchte er die Farben zuerst nach physikalischen Aspekten, um später auch ihre psychologische Wirkung zu deuten. 2. Goethe wandte sich mit seiner Farbenlehre gegen das Wirklichkeitsverständnis der analytischen Naturwissenschaften. Für Goethe waren Wirklichkeit und Wahrheit nämlich eine Synthese aus Welt und Geist bzw. eine Harmonie zwischen poetischer und realitätsgerechter Existenz, ratio und Intuition, Abstraktion und sinnlicher Wahrnehmung. Goethe will den „poetischen Geist" in die moderne Naturwissenschaft hineintragen, da für ihn Wahrheit nur einen menschlichen Wert habe, wenn sie an die Sinnlichkeit gebunden sei. Seine Farbentheorie ist also zugleich realistisch als auch idealistisch. Aus diesem Grund verweigerte Goethe auch die Benutzung eines Polarisationsapparates, da dieser eine „Wahrnehmungsprothese" sei, die das dem einzelnen zugeordnete Bild der Welt verfälsche und eine Kluft zwischen Erleben und Erkennen, Mensch und Natur reiße. Zitat aus Goethes Schriften zur Morphologie (Bd. XIII, S.107): „Von andern Seiten her vernahm ich ähnliche Klänge, nirgends wollte man zugeben, daß Wissenschaft und Poesie vereinbar seien. Man vergaß, daß Wissenschaft sich aus der Poesie entwickelt habe, man bedachte nicht, daß (...) beide sich wieder freundlich, zu beiderseitigem Vorteil, auf höherer Stelle, gar wohl wieder begegnen könnten."
Seine ab 1808 in Buchform erschienene Theorie stieß lediglich bei einigen Freunden und Malern auf Resonanz, die wissenschaftliche und politische Welt hingegen zeigte sich nicht interessiert.

Goethes Farbenlehre ist sein umfassenstes Werk; er selbst sah es als „Grundlage seiner Existenz“. Für die Kunstgeschichte ist Goethes Abhandlung auch heute noch wichtig, da Goethe einer der ersten war, der die Farben nicht mehr nur als Zusatz oder Eigenschaft der Gegenstände, oder Mittel zum Zweck in der Malerei (z.B. Symbolfarben) ansah, sondern sie als eigenständige Dimension und selbst wirkende Kraft erkannte. Durch diese Erkenntnis beendete Goethe das „Mittelalter der Farbenlehre“ auf künstlerischer bzw. psychologischer Ebene. Goethe war auch ein Vorreiter in der Lehre der Farbharmonien. Er geht von den „Urfarben“ Gelb (aus dem Weiß) und Blau (aus dem Schwarz) aus. Aus den „Steigerungen“ beider Farben ( Gelbrot und Blaurot) ergibt sich Purpur, das in der Regel bei Goethe das reine Rot darstellt (nur bei Goethes prismatischen Versuchen vorhanden, nicht bei Newtons Lichtspektrum). Grün ist eine einfache Mischung. Die Farbenlehre Goethes und spätere Farbkreismodelle wie z.B. Ittens (1888-1967) sind nicht direkt vergleichbar, da sie von unterschiedlichen Begriffsdefinitionen der Komplementärfarben ausgehen.
(Anzumerken ist, dass Goethes Konzept der Grund- und der Komplementärfarben der heutigen Auffassung und Verwendung in Kunst, Fotografie und Computertechnik wesentlich näher kommt. Siehe dazu Farbtheorie.)
Im „physiologischen Teil“ beschäftigte sich Goethe als erster mit den „Nachbildern“ und wies auf die subjektive Natur der farbigen Kontrasterscheinungen und auf die Täuschungen beim Beurteilen des Helligkeitsunterschiedes zweier Flächen hin. Goethe war allerdings der Auffassung, daß seine Lehre nicht nur künstlerisch und farbpsychologisch richtig sei, sondern auch - gegen Newton - wissenschaftlich beweisbar sei.

2.4. Versuchsanordnungen Newtons und Goethes:

Es wurden einige einfache Versuche Goethes und Newtons (1643- 1727) vorgeführt, bzw. mit einem Overhead-Projektor und einem Glasprisma nachgestellt:

Newtons Versuchsanordnung (1666):

Nach Newton ist weißes Licht aus Farben zusammengesetzt. Man kann diese Farben durch ein Glasprisma sichtbar machen. Die im Lichtspektrum sichtbar gewordenen Farben kann mann in einem weiteren Versuch durch eine Linse wieder zu weißem Licht zusammenführen.

Goethes Versuchsanordnung:

Goethe erklärte die Farben so: Farben entstehen an den Rändern, wo Licht und Finsternis aufeinandertreffen: durch Verschiebung trifft Schwarz auf Weiß und erzeugt Gelb bis Rot (wie beim Abendrot), Weißes über Schwarzem erzeugt Blau (wie beim Himmelsblau, weiße Dünste vor schwarzem Welltall).
(Man kann den Effekt der Himmelsbläue und des Abendrotes anhand eines Glases mit einer milchigen Flüssigkeit zeigen, indem man in einem dunklen Raum das Glas von hinten mit einer Lampe anstrahlt, was eine gelbliche Färbung ergibt; durch Anstrahlung von der Seite entsteht vor dunklem Hintergrund ein schwach bläulicher Farbton. Nach Goethe zeigt sich dadurch das berühmte „Gesetz der Trübe“).






Obwohl Newton nach heutigem wissenschaftlichem Stand auch nicht vollständig Recht hatte, war er der wissenschaftlichen Wahrheit natürlich ungleich näher als Goethe, dessen Erklärung eigentlich schon damals nicht mehr wissenschaftlich genannt werden konnte. Damit ist über den ästhetischen Teil der Farbenlehre noch kein Urteil gesprochen.
Unbeirrt beharrte Goethe dennoch auf seiner Selbsteinschätzung, er bilde sich auf alles, was er als Poet geleistet habe, gar nichts ein. Er sei aber auf dem schwierigen Gebiet der Farbenlehre „unter Millionen der einzige, der ...allein das Rechte wisse“. Warum glaubte Goethe so fest daran, daß das Licht unteilbar sei?

2.5. Goethes Farbentheologie und die Ketzergeschichte Arnolds:

Schon im Jahre 1768 las Goethe die „Unpartheyische Kirchen- und Ketzer- Historie, Vom Anfang des Neuen Testaments biß auf das Jahr Christi 1688“ des pietistischen Autors Gottfried Arnold. Arnold beschreibt darin den Verfall der christlichen Kirche. Nach Arnold gab es eine reine christliche Urgemeinde, deren reiner Geist aber zunehmend seine Kraft verlor. Aus der reinen Kirche wurde durch Infizierung mit heuchlerischen und durch den Einfluß autoritärer und gewaltvoller Kräfte eine falsche und unreine Gemeinde. Nach Goethe hatten schon die alten Griechen die reine Theorie der Farben erkannt, d.h. daß alle Farben aus Licht und Finsternis entstehen. Diese Lehre wurde aber verworfen. Dem von Arnold gezeichneten Verlauf der Kirchengeschichte entsprechend habe eine Verderbnis und Verdrängung der von den Griechen überlieferten ursprünglichen Lehre eingesetzt, die ihren Höhepunkt in der Farbtheorie Newtons gefunden habe. So wie die ursprüngliche Lehre von der Einheit Gottes durch die Durchsetzung des Dogmas von der Trinität (d.h. der Drei- einigkeit Gottes) aufgegeben worden sei, so daß sich die Kirche gegen die Ketzerei des Arianismus wenden mußte, so verstand Goethe die Newton'sche Lehre von der Zersplitterung des Lichts als Zeichen für den Verfall der Wissenschaft. Goethe sah nun seine Aufgabe darin, die Farblehre wieder „reinzuwaschen“ und Newtons „krankhafte“ Theorie endgültig wissenschaftlich zu widerlegen. Er sah sich durchaus als den „Ketzer“ der Wahrheit, als „Zeugen der Wahrheit“ und verfocht seine Lehre von der „Achromasie“, der göttlichen Einheit des Lichtes, mit vollem Bewußtsein gegen eine vermeintlich dogmatische „Kirche“ der damals herrschenden physikalischen Lehrmeinung. Dementsprechend interpretierte er Newtons Versuchsanordnung in der Dunkelkammer mit Spaltblende, Prisma und Linse als „experimentum crucis“, also als Kreuzigung der Natur durch den Forscher, der das Licht mit seinen künstlichen Instrumenten foltert und es zur vermeintlichen Spaltung zwingt, damit er zum gewünschten Ergebnis kommt. (“Experimentum crucis“ hieß bei Francis Bacon 1620 dasjenige Experiment, das die Wahrheit über zwei konkurrierende Theorien erweist; abgeleitet von den Kruzifixen an Wegkreuzungen). So entsprach die Einheit des Lichts sowohl seiner pantheistischen religiösen Anschauung von der Einheit Gottes mit der Welt als auch seiner Erkenntnistheorie, nach der wir mit unseren natürlichen Augen und Sinnen unverfälscht die Natur in ihren „Gestalten“ erkennen können. Deshalb kann man Goethes Farbenlehre besonders in ihrem historischen und polemischen Teil eine „Farbentheologie“ nennen.
(Literaturhinweis: Schöne, Albrecht: Goethes Farbentheologie, Verlag Beck, München 1987)
Spätere „Rettungsversuche“ der Goethe'schen Farbenlehre sind u.a. von Rudolf Steiner , dem Begründer der Anthroposophie, und von Werner Heisenberg unternommen worden. Rudolf Steiner behauptete, Goethe habe gar nichts Physikalisches aussagen wollen und seine Theorie beginne erst dort, wo die Physik aufhöre. Diese Deutung ist allerdings nachweislich falsch, da Goethe ,- wie oben gezeigt - , sich für einen größeren Wissenschaftler als einen Dichter hielt und Newtons Physik als Irrtum bezeichnete. Auch der Physiker Werner Heisenberg meinte, Newtons und Goethes Theorie handelten von verschiedenen Dingen. Wenn man die Quantentheorie (Unschärferelation /siehe unter 3.) anwende, so entziehe sich die Natur letztlich der genauen Festlegung. Damit wird aber ein in der Atomphysik geltendes Prinzip auf die ganze Physik übertragen. C.F. v. Weizsäcker steht beiden Rettungsversuchen mit Sympathie gegenüber, wobei ihn aber Steiners Lösung an „fromme Fälschungen des Mittelalters“ erinnert und Heisenbergs ihm als zu wenig ausgearbeitet erscheint. Weizsäcker kommt über eine holistisch interpretierte Quantentheorie zu einer positiven Würdigung der intuitiven Wahrnehmung der Natur durch Goethe. Es würde zu weit führen, v. Weizsäckers Philosophie einer genaueren Analyse zu unterziehen.
Glaube und Naturwissenschaft, Kursverlauf und Projektvorbereitung
nahSchöpfung und Natur in anderen ReligionennahGoethes Farbenlehre nahQuantenphysik, Esoterik und Religion
nahEvolution, Chaos, Selbstorganisation und christlicher GlaubenahChristlicher Glaube und GentechniknahBewertung der Gruppenarbeit



obenAutoren: Jg. 13 (Abi99), Lehrer Gerhard Glombik   Datum: Mai  99. Letzte Änderung am 25. Mai 2002
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