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Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassungen   Griechisch         

Die Entwicklung von Naturbegriff und Freiheit

Ein Spannungsverhältnis von den Griechen bis heute

Apollon-Tempel in DelphiHeute sieht man die Natur im allgemeinen als den Teil der Umwelt an, der nicht vom Menschen geschaffen wurde und durch die sogenannten Naturwissenschaften weitgehend berechenbar ist. "Übernatürliche" Wesen und Phänomene finden in dieser Vorstellung keinen Platz.

Das war nicht immer so.

Der älteste uns durch schriftliche Zeugnisse überlieferte Begriff der Natur ist mythisch bestimmt. Im Mythos werden Welt und Natur aus einem Ursprung erklärt.

Eine solche Ursprungserzählung stellt der griechische Dichter Hesiodos (7.Jh. v.Chr.) in seiner "Theogonia" vor, worin er die Entstehung der Welt aus dem Chaos schildert.

DephiAlles, was zunächst entsteht - also Himmel und Erde, Tag und Nacht, Berge und Meer - sind für ihn Götter, da sie dem Menschen unverfügbar und seinem Handeln entzogen sind. Die allgemeine Ordnung der Natur wird im Bilde göttlichen Handelns anschaulich gemacht.

So erklärt Hesiod zum Beispiel den alljährlichen Wechsel der Jahreszeiten, indem er beschreibt, wie Persephoneia (eine Vegetationsgottheit) vom Hades in die Unterwelt entführt wird. Ihre Mutter Demeter protestiert daraufhin bei Zeus. Auf dessen Urteil hin muß sie von nun an ein Drittel des Jahres in den Gefilden der Toten verbringen, die restliche Zeit jedoch auf dem Olymp. So seien die fruchtbaren Jahreszeiten entstanden, wenn nämlich Persephoneia in der Oberwelt weilt, und eine Zeit der Kälte und Unfruchtbarkeit, wenn sie im Hades ist.

Entsprechende Erklärungen finden sich über die Phänomene Tag und Nacht, Gewitter oder Erdbeben.

Dieses mythische Naturverständnis wurde über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren hinweg abgelöst von einer Weltauffassung, die den logoV (Logos) als Grundlage hat.

Dieser Prozeß beginnt mit dem "Sich Wundern" über die Natur und ihre Phänomene, dem qaumazein (thaumazein). Als Begründer dieses Prozesses kann man die ionischen Natur-philosophen des 6. Jh. v. Chr. ansehen.

Sie gingen davon aus, daß der Natur bestimmte Gesetzlichkeiten zugrunde liegen, daß es Prinzipien gibt, die die Welt sozusagen "zusammenhalten".

Ihre Bedeutsamkeit für die weitere griechische Philosophie und für uns liegt weniger in der Art und Weise, wie sie dies im einzelnen zu erklären versuchten, sondern in der Tatsache, daß sie erstmalig den Versuch machten, an diese Frage unvoreingenommen und mit naturwissen-schaftlichem Denken heranzugehen.

So versuchten sie, die Vielfalt der Naturerscheinungen auf ein Prinzip zurückzuführen. Diese Vorstellung änderte das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt fundamental:

War sie früher bevölkert von Göttern, Dämonen und Nymphen, vor denen man sich in acht nehmen mußte, so sah man sie jetzt eher als einen großen Organismus, dessen Gesetze man herauszufinden suchte. Die Ehrfurcht vor der Natur blieb durch diese Entwicklung zunächst ungetrübt.

Während die ionischen Naturphilosophen das Grundprinzip der Welt in einem Urstoff (z.B. dem Wasser) suchten, nahm ein anderer Philosoph - Pythagoras aus Kroton (580-500) ein Urgesetz an: die unveränderlichen zahlenmäßigen Beziehungen unter den Bestandteilen der Welt. In den Zahlen sah er das eigentliche Geheimnis und die Bausteine des Kosmos.

Herakleitos von Ephesos (540-475) war schließlich der erste, der ein umfassendes philoso-phisches System formulierte. Die Welt besteht für ihn in ewigem Wandel, einer steten Weiterentwicklung, die durch die Dynamik gegensätzlicher, miteinander kämpfender Kräfte (Winter und Sommer, Tag und Nacht, Krieg und Frieden) angetrieben wird.

Dieser Kosmos der Gegensätzlichkeiten beruht bei Heraklit wie bei den ionischen Natur-philosophen auf einer einzigen Ursubstanz. Allerdings spricht er nicht vom Wasser, sondern von einer Art Urfeuer (als Symbol der ewigen Wandelbarkeit), einer Urenergie, aus der sich die Vielfalt der Welt nach einem einheitlichen Gesetz bildet. Anthropomorphen Gottesvor-stellungen bleibt bei Heraklit kein Raum mehr.

Dieses universale Naturgesetz bezeichnet er erstmalig als logoV - eine alles durchwaltende Weltvernunft. Aufgabe des Menschen ist es, ihre Gesetze zu erkennen und sich ihnen zu beugen, da er ein Teil des Weltenorganismus ist.

Ein besonders scharfsinniger Denker lebte zwischen 470 und 360 v. Chr. im thrakischen Abdera - Demokritos.

Weitgereist und gebildet wie kaum ein anderer seiner Zeit gilt er als Schöpfer des materialistischen Weltbildes. Aus leerem Raum , Materie und Gravitation baute er den gesamten Kosmos auf - eine Vorstellung, die sich in der modernen Naturwissenschaft wiederfindet.

Von Ewigkeit her bewegen sich unzählige kleinste Teilchen - die sogenannten Atome - im unendlichen leeren Raum. Ballen sich diese in großer Zahl zusammen, so entstehen die sicht-baren Dinge, lösen sich die Ansammlungen auf, vergehen sie wieder. Auch die Seelen der Lebewesen bestehen nach Demokrit aus Atomen. Eine solche Welt fordert keinen planenden und lenkenden Geist mehr, wie etwa bei Heraklit, es herrscht lediglich das mechanische Prinzip von Ursache und Wirkung, das aller Materie immanent ist.

Dem Menschen kommt nur ein verschwindend geringer Anteil am Kosmos zu.

Mit dem Aufblühen der griechischen Klassik im 5.Jh. rückt mehr als die Natur der Mensch ins Zentrum des philosophischen Denkens.

Protagoras (490 - 420), berühmtester Begründer der Sophistik und wie Demokrit in Abdera geboren, schreibt: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge." Die Natur wird hier nur in bezug auf den Menschen betrachtet - ein genauer Gegensatz zu Demokritos.

So findet sich bei den Sophisten, deren erklärtes Ziel die erfolgreiche Lebensführung ist, beispielsweise die Ansicht, daß die natürlichen Gesetze höher einzuschätzen seien als die positiven (d.h. von den Menschen aufgestellten) Gesetze, denn die Ordnung der Natur gilt ihnen als göttlich.

Text aus Klett: Kantharos Schule von Athen
Raffael malte 1505 in der stanza della segnatura im Vatikan das heute berühmte Bild "Die Schule von Athen". Vor der Toröffnung Platon, nach oben zur Welt der Ideen deutend; daneben Aristotles, auf die Erde weisend, die Lehrerin der Wahrheitssuchenden. Links diskutiert Sokrates, auf der Treppe Diogenes.

In noch stärkerem Gegensatz zu Demokritos steht Platon (427 - 347), dessen Werk (gemeinsam mit dem des Aristoteles) in seinem ganzen Umfang als Gipfel der griechischen Philosophie angesehen wird. Er vereinigt viele Ansichten der früheren Denker in sich.

Für ihn sind alle sichtbaren Dinge nur unvollkommene Abbilder von transzendenten Urformen. Diese Urformen - von Platon als "Ideen" bezeichnet - existieren in einer höheren Welt, dem Menschen unzugänglich und nur schwer erahnbar. Nur die unsterbliche Seele wird nach dem Tod dorthin zurückkehren.

Die wahrgenommene Natur ist somit nichts als ein Trugbild (vgl. der Film "Die Matrix" 1999), während ihre Ideen die eigentliche Wirklichkeit darstellen. Sie sind ebenso zeit- und raumlos und unveränderlich wie die mythischen Erzählungen, jedoch weitaus abstrakter und können in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden.

Ein mindestens ebenso großer Philosoph war Aristoteles (384 - 322), der, anfänglich bester Schüler Platons, später zu seinem schärfsten Kritiker wurde.

Er wandte der Umwelt, die Platon als Schein verachtete, sein ganzes Interesse zu. Alles, was die Erfahrung lehrte, was an Erscheinungen vorhanden war, suchte er mittels scharfsinniger Logik in Kategorien einzuteilen.

Unter Natur versteht Aristoteles all jenes, was das Prinzip der Bewegung und Veränderung in sich hat. Dabei unterscheidet er zwei grundlegende Aspekte: den Stoff , die gestaltlose Materie, aus der alles Seiende besteht, und die stofflose Form, die ein Naturding in allen Eigenschaften bestimmt und auf deren Verwirklichung alle natürlichen Prozesse als ihr Ziel hinauslaufen. Letztendlicher Initiator aller Bewegungen ist Gott - die reinste Form - , der als unbewegter Beweger außerhalb der Natur steht.

Er ordnete den Kosmos so in eine Hierarchie von fünf Klassen:

1. Unbelebtes (tote Gegenstände)

2. Vegetatives (Pflanzen)

3. Sensitives (Tiere)

4. Geistiges (Mensch)

5. Göttliches

Der Mensch, der mit den Funktionen seines Körpers und den niederen Seelentätigkeiten in der Reihe der anderen Lebewesen steht, ragt durch seinen Verstand über diese hinaus, in dem Aristoteles etwas Göttliches glaubt. Geprägt vom Gedanken der Teleologie sieht er den Menschen als Krönung der Natur.

Hieraus läßt sich jedoch keinesfalls ein Herrschaftsanspruch über diese ableiten.

Genau wie die Tiere und Pflanzen einen Zweck haben, der ihren Eigenheiten entspricht, so liegt die besondere Bestimmung (Entelechie) des Menschen in dem, was ihn vor den anderen auszeichnet: Er soll seinen Verstand vervollkommnen, um so zu seiner spezifischen Vollendung zu gelangen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß weder der mythische noch der logische Naturbegriff der Antike dazu taugen, die Natur für den Menschen beherrschbar und für die Technik im heutigen Sinne verfügbar zu machen, da der Mensch hier noch stets innerhalb der Natur steht und somit ihren Gesetzen unterworfen ist.

Die Naturphilosophie ermöglicht es dem Menschen lediglich, seine herkömmlichen Bedürf-nisse, Lebenspraktiken und Erfahrungen in einen verständlichen, großen Rahmen einzuordnen.

Das Ende dieses Verhältnisses zwischen Mensch und Natur kündigte sich erst in der Spätantike mit dem Aufkommen eines neuen Naturbegriffs an, der einen entscheidenden Wendepunkt markierte, als gotische, pythagoreische und platonische Lehren durch die Einflüsse orien-talischer Mystik eine neue, religiöse Deutung erfuhren. Diese Lehren sind nichts weniger als einheitlich - unausgeglichen stehen die verschiedensten Theoreme nebeneinander. Doch insgesamt stellen sie eine Synthese des mythischen und logischen Denkens dar, durchsetzt mit religösen Elementen, die vor allem aus Ägypten, Syrien und Persien stammen.

Die Welt ist nach dem Plan Gottes in viele Sphären gegliedert, in denen je eine besondere Energie wirkt, die jedoch auch alle miteinander verbunden sind. Die bindende Energie bewirkt eine ständige Mutation der Stoffe, die durch eine fortschreitende Neuorganisation der Elemente zustande kommt.

Vorstellungen von Kräften der "Sympathie und Antipathie" unter den Naturelementen sowie einer alles bezwingenden Kraft (nämlich der des Feuers) waren in der späten Antike ebenso verbreitet wie der Gedanke, daß die Kenntnis dieser Kräfte es erlauben würde, natürliche Verbindungen willkürlich zu lösen und neue Verbindungen herzustellen.

Die sich anschließenden alchimistischen Theorien stellen bereits einen Naturbegriff zur Verfügung, durch den es möglich wurde, in die Natur manipulierend einzugreifen, das heißt, die Kräfte der Natur in den Dienst des Menschen zu stellen.

Und hiermit ist das alte Verhältnis des Menschen zur Natur unwiederbringlich verloren: die im Mythos selbstverständliche und im Logos nur begriffene und in ein System gefaßte Eingebun-denheit des Menschen in die Natur hat sich aufgelöst, und der Mensch ist der Natur auf einmal gegenübergestellt und so aus ihr wie aus einem zweiten Paradies vertrieben.

Die Natur erscheint jetzt als das Andere und dem Menschen Fremde und wird so überhaupt als "Natur" überhaupt erst erfahrbar.

Wenn sich aber Natur und Mensch entzweien, so muß dieser sein Verhältnis zu ihr bestimmen. Die konkrete Gestaltung dieses Verhältnisses ist zunächst offen und kann somit als Freiheit, der Freiheit nämlich, sich selbst in eine Beziehung zur Natur zu setzen, interpretiert werden.

Die Problematik dieser Möglichkeit wird von nun an das weitere Verhalten des Menschen gegenüber der Natur bestimmen. Da der Mensch nun die Macht der Natur, sofern sie nicht seinen Zwecken konform geht, als destruktiv und feindlich empfindet, ist ihre Aneignung und der Versuch ihrer Beherrschung geradezu die logische Konsequenz.

Die Natur sich anzueignen heißt aber auch, ihre Fremdheit und Eigenständigkeit wieder aufzuheben: Anstelle der ursprünglichen Natur entsteht eine menschlich überformte Natur.

Dieser Prozeß führte schon im Mittelalter zu einer Technik- und Wissenschaftsangst, die in der Idealisierung der "ursprünglichen Natur" als eigentlicher Heimat des Menschen gipfelte.

Weiter noch als die Alchimisten des Mittelalters mit ihrer Intention der Naturbeherrschung ging die Renaissance mit einem magischen Naturbegriff, den vor allem Paracelsus und Giordano Bruno vertraten: Für sie ist die Natur eine durch den himmlischen Geist geformte Matrix, deren Vollendung allerdings erst durch den Menschen erfolgt. Er erzeugt in der Natur mit Hilfe der "natürlichen Magie" Wirkungen, die es ohne sein Eingreifen nie gegeben hätte. Die Natur wird dadurch zur Spielwiese der schöpferischen Erfindungskraft des Menschen.

Im Bestreben, die Natur dafür zum Gegenstand exakter Berechenbarkeit zu machen, begann man, sie quantitativ zu untersuchen; und zwar auf der Grundlage empirischer Versuche. In der Überführung des magischen in einen mathematischen Naturbegriff entstand eine Auffassung von Naturwissenschaft, die bis heute Bestand hat.

Dieses Verhältnis des Menschen zur Natur wurde auch nicht durch die Veränderungen in der Physik der Gegenwart erschüttert - im Gegenteil sogar noch verstärkt, ermöglichen sie doch noch effizientere Methoden der Naturbeherrschung.

Bleibt die heutzutage oft gestellte Frage, ob es nicht wünschenswert sei, zum ursprünglichen Naturverhältnis zurückzukehren. Allerdings kann man die Entwicklung nicht ungeschehen machen - man kann es auch nicht wollen.

Mensch und Natur sind entzweit, und wir haben nicht mehr die Möglichkeit, uns zu ihr nicht in ein bestimmtes Verhältnis zu setzen und so unsere Freiheit aufzugeben. Ein solches Dasein wäre, wie es Homer in seiner mythischen Erzählung von den Lotophagen beschreibt, nur ein unbewusstes, unreflektiertes und selbstvergessenes Dahinvegetieren in einer bloßen Scheinidylle.

Die Frage allerdings nach der Gestaltung der Naturbeherrschung bleibt bestehen.

 

7. Januar 2000 Andrea Schoke, Johannes Jochum und Torben Frank


Anmerkung 1

Dieser Beitrag verdankt wesentliche Erkenntnisse - vor allem in den Ausführungen zum Mittelalter und zur Neuzeit - dem Vortrag "Naturbegriff der Renaissance zwischen Antike und Neuzeit", den Norbert Wokart beim Symposion in Loccum vom 8.-11.9. 1986 gehalten hat.

Anmerkung 2

Anmerkung 1



obenAutoren: Jg. 13 (Abi99) Anregung: Dr. Werner Meincke   Datum: Januar 2000. Letzte Änderung am 01. April 2000
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