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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Alphabetischer Index unten
Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassung     Natur über alles?        


Allgemeine Einführung

Der Referent

Die Begründung des Vortrags

Kurzbiografie von Prof. Meyer - Abich

Begriffsklärungen

Gliederung des Vortrag

Der Referent

Studienrat Gerd Glombik ist Lehrer für Religion, Politikwissenschaften und Geschichte am Johanneum. Er unterrichtet auch Werte und Normen. Sein Interesse gilt dabei verschiedenen philosophischen Systemen.

Für die EXPO-Bewerbung  wurde die Naturphilosophie Meyer-Abichs als Grundlage der Begründung verwendet. Außerdem lernten Interessierte Professor Meyer- Abich bei einem Vortrag in der Universität Lüneburg kennen. Die Auseinandersetzung mit dessen Naturphilosophie dient Herrn Glombik gleichzeitig der kritischen Auseinandersetzung mit dem EXPO-Thema des Johanneums.

Prof. Meyer-Abich (groß) hierhinEinleitung und Begründung des Vortrags

Sehr geehrte Eltern, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn einige von Ihnen sich durch die Formulierung des Themas meines Vortrages ein wenig provoziert gefühlt haben, weil mit der Anspielung auf die erste Strophe des Deutschlandliedes böse Erinnerungen an die jüngste deutsche Geschichte wach werden, so kann ich Sie einerseits beruhigen, denn das war meine Absicht. Themen und Titel sollen zuerst die Aufmerksamkeit erregen. Andererseits liegt es mir fern, Meyer- Abich mit solchen Unterstellungen zu disqualifizieren. Der Dichter des Deutschlandliedes, Hofmann von Fallersleben (1841), war, von einigen chauvinistischen Äußerungen einmal abgesehen, allenfalls ein glühender Nationalist , der die Deutschen dazu aufrufen wollte, die politische Einigung Deutschlands als ihr wichtigstes Ziel „über alles“ andere zu stellen - natürlich nicht im Sinne einer Weltherrschaft, denn so mißverstanden es die Nazis. Man könnte in Übertragung dieses Gedankens auf die Philosophie Meyer- Abichs die These aufstellen, daß das Ziel seines Denkens genau das ist, nämlich uns dazu aufzufordern, die Natur in das Zentrum unserer Gedanken und Gefühle, ja unseres ganzen Lebens zu stellen.

Wenn Sie sich beim Lesen der Einladung gefragt haben: „ wer ist eigentlich Meyer - Abich?“ , dann kann ich Sie ebenfalls beruhigen. Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß der Name Meyer- Abichs, der in der Bewerbung des Johanneums zur EXPO 2000 im September 1997 auftauchte, nur wenigen bekannt war. Auf die Hintergründe der Formulierung der Bewerbung möchte ich hier nicht eingehen; aber ich glaube, daß einer breiten Schulöffentlichkeit die Philosophie Meyer-Abichs nicht bekannt ist, und ich möchte dazu beitragen, dieses Defizit zu verringern und auch die inhaltliche Debatte über das Verhältnis des Menschen zur Natur anregen. Meyer- Abich hat neben anderen Büchern, die teilweise vergriffen sind, sein neuestes Werk „Praktische Naturphilosophie“ (1997) vorgelegt, mit dem ich mich heute beschäftigen möchte. Im Juni dieses Jahres konnten einige Kolleginnen und Kollegen Herrn Professor Meyer- Abich persönlich bei einem Vortrag an der Universität Lüneburg erleben. Ich halte ihn für einen sympathischen, sich verständlich und elegant ausdrückenden Redner.


Tabelle hierhin Kurzbiographie Klaus Michael Meyer - Abich

1936 in Hamburg; Vater: Adolf Meyer - Abich (1893–1971 Begründer des naturphilosophischen Holismus, gleichzeitig auch einer seiner philosophischen Lehrer);
Mutter: Siever Johanna Meyer - Abich , Schriftstellerin

1964 Abschluß des Studiums der Physik und der Philosophie; einer seiner Lehrer: Carl Friedrich von Weizsäcker; philosophische Lehrer: Platon, Nikolaus von Kues, Goethe, Herder, Niels Bohr u.a.

1964-69 Mitarbeiter von C.Fr.v. Weizsäcker
ab 1969 am Max-Planck-Institut in Starnberg
1979-82 Mitglied der 2. energiepolitischen Enquête- Kommission des Bundestages
1982 Umweltminister im Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten H. Jochen Vogel
1984 „Wege zum Frieden mit der Natur“ (vergriffen)
1984-87 Senator für Wissenschaft und Forschung in Hamburg (von ihm selbst als „Praktikum“ bezeichnet )
1987-92 Mitglied der 2. klimapolitischen Enquête - Kommission des Deutschen Bundestages
seit 1972 Professor für Naturphilosophie an der Universität - Gesamthochschule Essen
Projekt am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein- Westfalen (Kulturphilosophie der Natur)


Meyer - Abich beantwortet die Frage, wer er ist, so: Er sei Natur, die Mensch geworden ist (wie alle Menschen), und der von der Natur Kraft, Nahrung und Freude bekommen habe, um dieses Buch zu schreiben, und der sich am Ende des Buches „Praktische Naturphilosophie“ bei vielen Menschen, Tieren und Pflanzen , aber auch bei dem Haus, wo die Erde ihm Raum gab, für das Erscheinen des Buches bedankt. Dies gibt uns einen ersten Eindruck von der inneren Einstellung Meyer- Abichs.

Im Folgenden werde ich in einem ersten Schritt die Philosophie Meyer - Abichs darstellen und in einem zweiten Schritt in eine kritische Auseinandersetzung eintreten.


Tabelle hierhinKlärung der Begriffe „Holismus“ und „Physiozentrismus“

In dem platonischen Dialog „Charmides“ taucht die Frage auf, was eigentlich Kopfschmerz sei und wie man ihn am besten behandeln könne. Ausgehend vom Rat des Sokrates, man müsse dabei Körper und Seele behandeln, formuliert Meyer- Abich das Problem so: Eigentlich bin ich es selbst, der sich wehtut, denn wer soll es sonst sein? Der Teil sei nur durch das Ganze zu verstehen, der Schmerz also kein von mir als Person getrenntes Phänomen, sondern müsse irgendwie mit mir als Ganzem zusammenhängen. Es gibt also irgendwelche Verbindungen zwischen Teilen und dem Ganzen, denn schließlich besteht ja das Ganze aus den Teilen. Das Ganze heißt auf Griechisch to olon , davon ist der Begriff Holismus abgeleitet, eine Anschauung, die die Einzelphänomene mit Blick auf das Ganze erklären möchte (vgl. auch Holographie ). Aber - und das ist die etwas schwer zu verstehende Seite des Holismus - in jedem Teil ist auch das Ganze enthalten: Das Auge, die Hand und der Fuß dienen also nicht nur dem Körper, sondern Hand und Fuß sind auch im Auge enthalten. Der Kopfschmerz ist also nicht nur in meinem Kopf enthalten und bereitet mir ein Problem, sondern im Kopfschmerz sind auch die Probleme meines Kopfes, meiner Seele und meines Körpers , also meiner ganzen Person enthalten ! Überträgt man das Schema des Teils und des Ganzen auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, so kann der Mensch als Teil der Natur angesehen werden, der nicht ohne die Natur verstanden werden kann. Aber er ist eben nur Teil der Natur, er spielt keine Sonderrolle in der Natur. Die Natur ist als ganzes Universum auch in ihm enthalten, jeder Mensch spiegelt das ganze Universum wieder. Der Mensch verliert so seine zentrale Stellung in der Welt, stattdessen steht die Natur als ganzes im Zentrum (Physiozentrismus), was aber eigentlich ein Widerspruch ist. Da die Natur alles ist, hat sie weder ein Zentrum, noch kann sie selbst in ein Zentrum rücken. Es bleibt nur die Möglichkeit, Mensch und Natur als gleichwertig und gleichgewichtig anzusehen, das heißt, die Natur nicht nur als „Umwelt“ des Menschen, sprich: „ für den Menschen“ , sondern als „natürliche Mitwelt“ des Menschen zu betrachten. Im Gegensatz zum herkömmlichen Bild, in dem der Mensch im Zentrum steht (Anthropozentrismus) , nimmt der Mensch im Physiozentrismus das „Mitsein“ der anderen Lebewesen , Tiere und Pflanzen als gleichberechtigt an. Sogar die unbelebte Natur ist mit einbezogen, der Fluß, der Stein , der Berg und das ganze Universum . Damit verändert sich also das Verhältnis des Menschen zur Natur. Der Mensch kann sich nicht mehr in der Position des Subjekts gegenüber dem Objekt der Natur sehen (cartesianischer Subjekt-Objekt-Dualismus) .

Tabelle hierhinTabelle 1: Anthropozentrismus und Physiozentrismus in der Sicht Meyer-Abichs

Anthropozentrismus Holismus/Physiozentrismus
Mensch steht im Mittelpunkt der Welt bzw.Natur


Mensch sieht sich von der Natur getrennt

Herabsetzung der Natur (“Humanegoismus“)

Verlust des Paradieses (“Sündenfall“) wird als Bruch mit der Natur verstanden;

Folge: übersteigerter Konsumwahn als Kompensation und Regression

Menschheit kann nicht erwachsen werden

Mensch steht mit der „natürlichen Mitwelt“ auf einer

Stufe , keine Sonderstellung des Menschen

Mensch sieht sich und Natur als Einheit

Gleichwertigkeit von Mensch und Natur

Austritt aus dem „Paradies“ als Emanzipation des Menschen;

Bewußtwerdung des Menschen

Ziel: Erwachsenwerdung der Menschheit


Das neue Buch Meyer-Abichs hat den Untertitel „Erinnerung an einen vergessenen Traum“. Wie das Titelbild zeigt, meint der Autor mit diesem Traum einen Menschen, dessen Gestalt in der Natur aufgeht, sich kaum von ihr abhebt. Ständig wiederholend kritisiert Meyer-Abich , wie wir Menschen uns heute wie die „interplanetarischen Eroberer“ in unserer Welt benehmen, als seien wir fremde Wesen. Wir haben vergessen, daß wir ursprünglich von dieser Erde bzw. Natur kommen. Deshalb sollen wir wieder in ihr heimisch werden. Wir sind aus dem Paradies vertrieben worden und befinden uns nun in der „Jugendkrise der Menschheit“, sozusagen in der Pubertät, wo man noch auf der Suche nach einem richtigen Bild von sich selbst und seinem Verhältnis zur Umwelt ist und auch noch allerlei ausprobiert und vieles falsch macht.

Damit stellen sich nun drei Fragen oder Fragenkomplexe


Tabelle hierhinI. Was ist der Inhalt des „vergessenen Traumes“ ?

Wie war das, als wir noch heimisch in der Natur waren?
(Antike Mythologie,Naturreligionen, Platon)
Wie soll der Mensch wahrhaft sein ? ( Platon/ Menschenbild Meyer-Abichs)
Wie soll sein wahres Verhältnis zur Natur sein ? (Ethik Meyer-Abichs)

hierhinII. Warum haben wir diesen Traum „vergessen“ ?

Warum und wie sind wir in die Lage gekommen, daß wir uns quasi außerhalb der Natur fühlen
und uns benehmen wie die wilden „interplanetarischen Eroberer“ ?
(Fehlentwicklungen der menschlichen Kultur- und Geistesgeschichte:
Die jüdisch- christliche Religion
Die Renaissance; Aufklärung; Industrialisierung )

hierhinIII. Wie finden wir den „vergessenen Traum“ wieder ?

Wie gelangen wir auf der Basis einer sich weiterentwickelnden Menschheit zu einer Harmonie,
die den Ansprüchen des Erwachsenwerdens der Menschheit gerecht wird ?
Wo sind Alternativen in der Geistesgeschichte, vergessene Nebengleise und verborgene
Unterströmungen, an denen man sich neu orientieren kann ?
(Cusanus, Goethe; eine neue Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft, Kultur)

Praktische Forderungen

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