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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Alphabetischer Index unten
Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassung     Natur über alles?        


Der Inhalt des vergessenen Traums

Antike Mythologie und Religion

Die Philosophie Platons

Das Menschenbild Meyer - Abichs

Die Ethik Meyer - Abichs

Vergleich der Ethik von Kant und Meyer - Abich

hierhinAntike Mythologie und Religion

In der Antike sieht für Meyer-Abich die Welt noch in Ordnung aus, das heißt, das Denken der Menschen , das sich in der ursprünglichsten Form der menschlichen Selbstdeutung in alten Sagen und Göttergeschichten erhalten hat , spiegelt noch die Einbettung des Menschen in die Natur. Naturgewalten werden in den babylonischen und griechischen mensch.jpg (21234 Byte)Göttersagen als Götter dargestellt. Im babylonischen Mythos Enuma-elisch kämpfenMarduk (groß) Gottheiten bei der Erschaffung der Welt miteinander und aus der Leiche des Ur-Ozeans Tiamath schuf der Gott Marduk den Himmel und die Erde. Aus dem Blut eines anderen getöteten Gottes wurde der Mensch geschaffen. Damit stammen Erde und Mensch beide aus den göttlichen Naturkräften. In der germanischen Edda sind die Menschen aus Bäumen entstanden, und es ist von „Erdensöhnen und Erdentöchtern“ die Rede. Prometheus, der in der griechischen Mythologie die Menschen nach seinem Entwurf formte und ihnen das Feuer brachte, war als Titanensohn mit Gaia und Uranos ( Erde und Himmel) verwandtschaftlich verbunden. Hier konnte noch kein Gedanke an eine Trennung des Menschen von der Natur und den Naturkräften entstehen. (Anders dagegen schildert eine weitere antike Überlieferung die Erschaffung des Menschen: die Bibel. Adam wird zwar von Gott aus dem Ackerboden (adamah) geformt und ist somit auch wesensmäßig aus dem gleichen Stoff wie die übrige Natur. Gott aber ist im Alten Testament eine außerweltliche Größe, die den Menschen „von außen“ mit seinem eingehauchten Atem beseelt und damit aus der übrigen Schöpfung heraushebt. In der jüngeren der beiden biblischen Schöpfungsgeschichten (Gen.1) wird der Mensch als Ebenbild dieses „erdenfernen Gottes“ geschaffen und mit einem Herrschaftsauftrag über die Natur ausgestattet, der zwar nicht die totale imperiale Befugnis über die Natur gestattet, aber dennoch wegen der Gottähnlichkeit des Menschen jede menschliche Schlechtigkeit legitimieren kann. Das Herrschaftsgebot der Schöpfungsgeschichte ist für Meyer- Abich deshalb eine Wurzel der Naturkrise der wissenschaftlich-technischen Welt und somit nicht Inhalt des „vergessenen Traumes“, sondern bereits eine Ursache für dessen Verlust. (Das wird später noch weiter ausgeführt). Meyer-Abich steht also in der Nähe naturreligiöser Anschauungen, die in der Natur heilige göttliche Kräfte sehen, sie als Gottheiten verehren , und die Welt, die Natur und den Menschen als deren Schöpfung betrachten und die verwandtschaftliche Verbundenheit von Mensch und Natur zum Ausdruck bringen.


TabellehierhinAntike Philosophie: Platon (kurze Einführung)

Platon (groß)Platon (427–347 v. Chr.) gilt als der Begründer holistischen Denkens in der griechischen Philosophie, wenn man von der früheren Naturphilosophie einmal absieht. Platon lebte in einer Zeit der Krise, in der Normen und Anschauungen total hinterfragt wurden, z.B. durch die Sophisten, die sagten „der Mensch sei das Maß aller Dinge“ , es gelte das Recht des Stärkeren. Damit gerät auch ein - modern gesprochen- liberalistisches Menschenbild , in dem der Mensch nach der bloßen Kosten-Nutzen-Analyse vorgeht und seine Spezialkenntnisse und Fähigkeiten schult und gewinnbringend einsetzt, in die Schußlinie Platons. Zum andern wandte sich Platon gegen den Subjektivismus und Relativismus, der die Ge-setze(!) als von Menschen gesetzte Normen ansah, die nie endgültig verbindlich und unveränderlich sein können. Wenn der Mensch Normen selbst frei konstruieren könne, führe das auch zu einer Loslösung von der Natur.

Deshalb macht Platon gegen jede Engführung des Menschen durch Spezialisierung und rein technische Fähigkeiten das Ganze des Menschen, das heißt , seine wesensmäßige Struktur, seine eigentliche Aufgabe und seine Einordnung in das Ganze geltend. Es gibt nach Platon eine Grundordnung in der Welt, die durch die Welt der Ideen (der Wesenheiten) vorgebildet ist. Die Ideen gehen den Dingen der Welt voraus, sie sorgen dafür, daß die Dinge der Welt alle ihre ihnen eigene Form erhalten. Die Ideen sind prinzipiell gut und deshalb sind auch alle Dinge und Lebewesen zu etwas gut, nämlich zu dem, was als Idee/Wesen naturgemäß in ihnen steckt. Ein mutiger Mensch z.B. taugt gut zu einem Soldaten. Die höchste Idee im Reich der Ideen, die Idee vom Ganzen, ist die Idee des Guten und, ihr nahestehend, die Idee der Gerechtigkeit, die wiederum darin besteht, daß jedes Ding seine ihm gemäße Aufgabe und Stellung in der Gesamtordnung hat. Geistige und materielle Elemente finden sich in der richtigen Anordnung zusammen, im Menschen beispielsweise Körper und Seele , wobei die Seele Anteil am ewigen Sein der Ideen hat, also nach Platon unsterblich ist. In der Seele hat die Vernunft die Vorherrschaft über den Willen und über die Triebe.


Ideen

(Wesenheiten)

hierhinals Gestaltprinzipien für die Welt


Mensch

Natur/Dinge

Seele

Geist/ Vernunft

 

Willen

Triebe

Körper


TabellehierhinWie soll der Mensch wahrhaft sein ? (Das Menschenbild Meyer-Abichs)


Meyer - Abich knüpft an diese platonischen Vorstellungen folgendermaßen an:

Der Mensch sei schon von seiner Natur her so angelegt, daß er sich als Geistwesen Gedanken über ethische Fragen und das Ganze , also über das Wahre und die Gerechtigkeit mache. Gerechtigkeit als das richtige Verhältnis oder als Gleichmäßigkeit ist nach Meyer-Abich auch schon in der übrigen Natur angelegt und vorgebildet, z.B. ist die ebene Wasserfläche Ausdruck des Ausgleichs gewisser Naturkräfte. Diese Gerechtigkeit gelange beim Menschen über die Sinnenwelt in die geistigen Überlegungen . Im Menschen habe das Geistige und Sittliche kraft seiner Natur Vorrang vor allem anderen. Wir schulden darum unserer menschlichen Natur auch, daß wir diese Rangfolge , bzw. den Zusammenhang der Einzelteile zum ganzen Wesen des Menschen beachten. Wir sollen also etwas Bestimmtes tun, weil wir etwas Bestimmtes von Natur aus sind und für etwas gut sind. Meyer-Abich interpretiert Schuldigkeit innerhalb der übrigen Natur so: Jedes Wesen ist den anderen etwas schuldig (Der Gedanke stammt eigentlich von Anaximander, einem ionischen Naturphilosophen aus dem 6.Jht. V. Chr.).Lebewesen leben von Pflanzen und hinterlassen wiederum Ausscheidungen und ihren toten Körper. Auch wir Menschen haben diese und noch weitere Schuldigkeiten zu erfüllen: Wir als Menschen können erkennen, daß wir keine Rechte an der übrigen Natur haben. Wir als Vernunftwesen können unsere Vernunft gebrauchen, um unsere Grenzen gegenüber der übrigen Natur zu erkennen. Das ist unsere wahre Natur, daß wir unsere Verbindung zur übrigen Natur erkennen. Unser Staat muß deshalb auch auf dem Vorrang des Ethischen und des Gemeinschaftlichen aufbauen.


hierhinWie soll das wahrhafte Verhältnis des Menschen zur Natur sein? ( Grundzüge der Ethik Meyer-Abichs)

Wie wir wirklich in die Welt hineingehören, ist unser vergessener Traum. Unsere Vernunft aber kann erkennen und auch fühlen, daß wir aus der Natur stammen und was wir den Naturelementen, von denen wir herkommen und denen wir ähnlich sind , schuldig sind. Am Beispiel der vier klassischen Naturelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sei dieses verdeutlicht:

Es ist klar, daß der Mensch aus Erde hervorgegangen ist. Haben aber die Erde, der Berg und die leblose Materie noch eine Beziehung zum Menschen ? Geht mich der tote Stein etwas an ? Meyer-Abichs Antwort lautet: Der Berg gebe sich dem Menschen zu erkennen, indem er uns Ruhe oder die Möglichkeit schenke, ihn zu besteigen. Ein Findling an einem Bauernhof stehe genauso naturhaft dort wie in der richtigen Natur, während er dem Menschen seine Schönheit verweigere, wenn er an einer anderen Stelle nicht hinpasse ! Luft habe eine Affinität zur menschlichen Seele. Sie ermögliche uns die Atmung, über die Schallwellen das Hören, also die Kommunikation und der Wind sorge für unterschiedliches Wetter. Jeder weiß, daß der Mensch zu über 80% aus Wasser besteht. Es gebe eine innige Beziehung der Menschen am Meer zu diesem Gewässer, sogar die Kinder würden im Zyklus von Ebbe und Flut geboren. Da Meyer-Abich selbst von einer Gegend nahe der Nordsee herkomme, „fürchte und liebe“ er das Meer und könne deshalb sagen: ich bin auch Meer. Feuer bedeute Energie, Licht, Photosynthese und Wärme. Schon der ägyptische Pharao Echnaton habe vor 3300 Jahren deshalb die Göttlichkeit der Sonne verkündet und Goethe habe im Licht etwas Göttliches gesehen, was Meyer-Abich ausdrücklich unterstützen möchte. Alle diese Naturelemente seien nun in uns Mensch geworden, so wie sie in der Pflanze nach deren Art Pflanze geworden seien. hierhinMeyer-Abich gebraucht hier bewußt den christlichen Ausdruck der Menschwerdung, der aber nichts Besonderes bedeutet und völlig gleichwertig mit dem der Pflanzenwerdung ist. Auch Pflanzen kommunizieren mit den Menschen, allerdings viel sensibler als wir uns das vorstellen können. Liebevoll gepflegte Tomaten bringen nach Meyer-Abich höhere Erträge als nur sorgfältig gegossene. Das zeige die Gemeinsamkeit sogar zwischen Menschen und Pflanzen und was wir ihnen schuldig seien. Deswegen könnte Massenpflanzung in der industriellen Landwirtschaft grundsätzlich nicht besser beurteilt werden als Massentierhaltung, müßte also als „Pflanzenquälerei“ bezeichnet werden. Es sei hier noch einmal an die germanische Sage erinnert, wonach wir Menschen von Bäumen abstammen. Die Tiere sind selbstverständlich auch unsere Verwandten, da wir unmittelbar aus dem Tierreich hervorgegangen sind und das tierische Erbe in uns tragen. Die Katze oder die Graugans seien uns nicht fremder als die aus der menschlichen Geschichte stammenden Kulturgüter der chinesischen Han- Dynastie. In vielen Mythen und in der indischen Anschauung von Tieren als Gottheiten sowie in der Lehre von der Seelenwanderung sei dieser Gedanke der Verwandtschaft ausgedrückt worden. Unsere Vernunft habe - ganz im Unterschied zu der falschen Meinung, die wir oft als kühle Rationalisten von uns haben - großen Anteil an den tierischen Instinkten. Kant habe sich geirrt, die Vernunft als etwas Herausgehobenes zu betrachten. Meyer- Abich hängt nicht ausdrücklich der Lehre von der Seelenwanderung bzw. Wiedergeburt an , aber er benutzt sie als ethisches Argument im „Als-ob-Stil“. Jeder Mensch möge sich klarmachen, wie es ihm erginge, wenn er als Tier wiedergeboren würde : Wie möchte er dann behandelt werden ? Meyer-Abich kann auch wie ein Hindu die Verwandtschaft zum Tier mit der Anrede „Tante Kuh“ zum Ausdruck bringen. Aus alledem ergebe sich das Gefühl, daß die ganze übrige Natur als Mitsein mit mir verbunden und ich als Mensch in sie hineingewoben sei.


TabelleWeizsäcker (groß)hierhinMeyer - Abich nimmt den von Viktor von Weizsäcker geprägten Begriff des Gestaltkreises auf . (Viktor von Weizsäcker ist der Onkel des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, des philosophischen Lehrers Meyer- Abichs ). So wie Arzt und Patient nicht zwei getrennte Individuen seien und nicht das Subjekt Arzt im Objekt Patient eine Krankheit zu erkennen glaube und danach Medizin verschreibe, sondern Arzt und Patient in einem Mitsein , in einer Beziehung, ja Lebensgemeinschaft zweier Personen verbunden seien und nur die Ganzheitlichkeit der ärztlichen Handlung eine echte Heilung des Ganzen erziele - Meyer-Abich verweist auch auf die anthroposophische Medizin - so sei auch der Mensch mit der Natur ganzheitlich verbunden.


Natürlich dürfen wir die Natur verändern, da auch die Natur sich ständig verändert. Unser Bild von der Natur sei allerdings oft verzerrt durch ein falsches Sicherheitsbedürfnis. Die Natur sei zwar oft gefährlich, aber niemals unser Feind. Der Begriff „Kampf ums Dasein“ führe völlig in die Irre. Beim verändernden Eingriff des Menschen in die Natur seien gewisse Kriterien zu beachten. Am Beispiel der Umgestaltung eines Natursteines zu einem Kunstwerk zeigt Meyer-Abich, daß der Künstler, der den Stein in seinem Innersten als Mitsein empfindet, sich fragen müsse, wie er diesem Stein gerecht werden kann, wenn er daraus ein Kunstwerk schaffen will. Welches Kunstwerk darf man diesem Stein zumuten ? So werde menschliche Kunst als wahre Kultur in die Natur hineingetragen. Kultur sei nicht mehr als Gegensatz zur Natur, sondern als schöpferische Arbeit an und mit der Natur zu verstehen. Durch zu Bewußtsein der wahren Bestimmung gekommene Vernunft werde die Natur zu echter Kultur veredelt. Bekannte Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung des Menschen werden in Grundsätze der „Angemessenheit im Umgang mit der natürlichen Mitwelt“ uminterpretiert. Der Grundsatz des Philosophen Hans Jonas, den er in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ formulierte: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens“ , reiche nicht aus, da hier das menschliche Leben seine Sonderstellung beibehalte. Sondern es müsse laut Meyer-Abich heißen: „Laßt uns tun, wofür wir gut sind, so daß die Natur durch den Menschen gewinnt“. Auf lange Sicht sollten wir die Welt so wieder verlassen, als seien wir nie dagewesen. Es gehe nicht einfach nur um herkömmlichen Naturschutz bzw. Umweltschutz , denn dieser reiche als Konzept schon lange nicht mehr aus, sondern es gehe um ein tief verändertes neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur, innerhalb dessen der Mensch sich weitgehend zurücknehmen müsse.


TabellehierhinVergleich der ethischen Imperative

Der kategorische Imperativ Kants

Handle so, dass die Maxime deines Wollens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte.

Hans Jonas Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen averträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens.
Meyer-Abich Lasst uns tun, wofür wir gut sind, sodass die Natur durch die Menschen gewinnt.

 

Hier möchte ich noch einmal zusammenfassen, wie die Ethik Meyer- Abichs auf seiner Naturphilosophie aufbaut . Meyer- Abich gelangt von naturphilosophischen Aussagen über die Natur und das Wesen des Menschen ( seine Natur , sein Dasein) ohne große Übergänge zu ethischen Verhaltensnormen für den Menschen. Vom Sein der Dinge wird automatisch auf das Sollen geschlossen. Es gibt nach Meyer-Abich keine Trennung zwischen einer Beschreibung der Dinge und dem, was sie von mir verlangen, was ich tun soll. Meyer-Abich ist also von der herkömmlichen Sollens-Ethik (etwa im Sinne Kants) zu einer Seins- Ethik übergegangen.


hierhinTabelle 2: Sollensethik und Seinsethik

Sollensethik (z.B. Kant) Seinsethik (Meyer-Abich)
Aus der Beschreibung der Welt z.B. durch Naturgesetze und feststellbare Fakten (= Sein) kann nicht geschlossen werden, was der Mensch tun soll (=Sollen, ethische Norm)

deshalb: Trennung von Sein und Sollen

Der Mensch als einziges verantwortliches Wesen muß versuchen, kraft seiner Vernunft ethische Normen zu entwickeln (z.B. Kants kategorischer Imperativ, Pflichtethik)

Die Beschreibung der Natur weist den Menschen als Teil der Natur aus: Mensch ist Naturwesen. (= Sein)

Wesen des Menschen in der Natur kann und soll erkannt werden :

Seine Aufgabe besteht darin, sein Sein in der Natur als der Natur gleichwertiges und begrenztes zu erkennen und dementsprechend zu handeln ( = Sollen);

Zwischen Sein und Sollen besteht aber ein Zusammenhang, bzw. eine Übereinstimmung: Durch sein Sollen verwirklicht er nur sein wahres Sein


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