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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Alphabetischer Index unten
Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassung     Natur über alles?        


Kritische Auseinandersetzung mit der Naturphilosophie Meyer - Abichs

Das Bild von Natur und Geschichte

Das Menschenbild

Der Holismus

Der Platonismus und "ethischer Zwang"

Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft

Schlussbemerkungen eines Theologen


Das Bild von Natur und Geschichte

Daß die Natur etwas Gefährliches sein könne und auch das Bild vom „Kampf ums Dasein“ und vom „Fressen und Gefressenwerden“ eine wenigstens teilweise zutreffende Beschreibung der Natur darstelle, ist Meyer-Abich bereit zuzugestehen. Das gleiche gelte auch für idyllische Beschreibungen der Natur. Dennoch neigt er dazu, die grausame Seite der Natur, (die von dem nur einmal in seinem Buch erwähnten Schopenhauer so herausgestellt wurde), abzuschwächen mit der Vorstellung von der Veredelung, die bei der „Verarbeitung“ von getöteten Lebewesen geschehe (vergleiche das „Märchen vom Flachs“ von H.Chr.Andersen). Schon fast makaber ist sein Beispiel einer Mücke, die einem Vogel im Fluge zum Opfer falle, aber in der Freude des Vogels am Fluge eine höhere Metamorphose erfahre. Der Begriff „Feindlichkeit der Natur“ zählt für Meyer-Abich schon unter die Verfälschungen des Verhältnisses von Mensch und Natur, denn gefährlich sei die Natur nur dann, wenn sich Menschen in Situationen begeben, in denen sie mit Gefahren rechnen müssen. Hier liegt m.E. ein Widerspruch vor: Denn entweder lebte der Mensch in früheren Zeiten noch notgedrungen viel mehr in und mit der Natur als heute, dann war er natürlicherweise und zwangsläufig den Gefahren der Natur eher ausgesetzt als heute. Oder aber er hätte sich aussuchen können , ob er sich den Naturgefahren aussetzten will , was aber eher dem von der Natur isolierten „erdenfernen interplanetarischen Eroberer“ entspricht. Konnten sich frühere Generationen etwa aussuchen, ob sie sich dem Hochwasser, dem Erdbeben, dem Sturm oder der Dürre aussetzten ? Man sollte ein Meer eben nicht bei Sturm befahren, denn damit sei nicht zu spaßen, lautet die einfache Antwort des sich mit dem Meer verbunden fühlenden Meyer-Abich. Infektionsgefahren erscheinen nach Meyer-Abich zwar oft wie Naturgefahren, seien aber eher zivilisationsbedingt. Im Gesamtbild seien sogenannte Gefährdungen heute ausschließlich vom Menschen erzeugt. Damit verharmlost Meyer-Abich die echten Konflikte zwischen Mensch und Natur. Er vergißt zum Beispiel die unendlichen Mühen und Plagen, die die Menschen in Auseinandersetzung mit der Natur auf sich nahmen und heute in vielen Teilen der Welt noch nehmen, weil sie überleben wollen. Wer nicht sehen will, welche Knochenarbeit in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Bergbau der vorindustriellen Zeit nötig war, und welche Entlastungen von harter Arbeit die Industrialisierung langfristig mit sich brachte, geht unhistorisch und intellektuell abgehoben vor.

hierhinMeyer-Abich ist außerdem geneigt, die Zeit vor der industriellen Revolution zu verklären. Diesen Zug hat er mit anderen historizistischen Philosophien gemeinsam. Es ist eine Idealisierung der vorindustriellen Zeit, wenn ich mich fragen soll, ob der Baum für meinen Holzlöffel oder der Stein für mein Haus der richtige sind, da hier das Bild eines angeblich nichtentfremdet arbeitenden Handwerkertums vorausgesetzt wird, das es so nie gegeben hat. Ich scheue mich hier nicht, auf den Realismus zu pochen, den Meyer-Abich als Ausweichmanöver oder als Rechtfertigung des „Humanegoismus“ kritisiert. Das legitime Sicherheitsbedürfnis von Milliarden Menschen besonders in früheren Zeiten aber auch heute sollte nicht einfach in einer erden- und menschenfernen Weise als „Humanegoismus“ diffamiert werden. So entgeht einem ein elementarer Grund, warum Menschen überhaupt Technik entwickelten. Vom Humanegoismus „des Menschen“ zu sprechen abstrahiert also von den unzähligen Einzelschicksalen von Menschen, die es auch mal gerne ein bißchen sicherer und besser gehabt hätten. Bescheidenen Wohlstand und ein längeres Leben gab es für die Massen der Bevölkerung aber erst in der Spätphase der industriellen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts, trotz aller Gefahren, die eine hochentwickelte Technik auch mit sich brachte. Der Faktor Bevölkerungsdruck im Sinne der Notwendigkeit , eine wachsende Weltbevölkerung ernähren und versorgen zu müssen, taucht bei Meyer-Abich weder als Triebkraft der Wirtschaftsgeschichte noch als große reale Sorge um die Zukunft unserer Welt auf . Die Kategorie des Humanegoismus ist ein unhistorischer , „moralinsaurer“ und damit untauglicher Begriff.

TabellehierhinWenn man sich fragt, warum die geistesgeschichtliche, naturwissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung in Europa so gelaufen ist, wie sie sich faktisch abgespielt hat, so findet man hierfür historische und geistesgeschichtliche Gründe, die nur in Europa zu finden waren. Anstatt diese Gründe zu untersuchen, versucht Meyer-Abich zu erklären, warum die Geschichte angeblich in die falsche Richtung gelaufen ist. Dazu muß er, ähnlich wie andere historizistische Philosophen, einen oder mehrere „Sündenfälle“ in der Geschichte festmachen und mit einer Art „Archäologie der anthropozentrischen Moral“ (O.Höffe) die „Leichen aus dem Keller der europäischen Geistesgeschichte holen“. Natürlich hat es Sünden haufenweise in der Geschichte gegeben, auch durch die christliche Religion mitverursachte, z.B. Hexenverfolgungen, oder im 20.Jahrhundert die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus usw. Dafür waren auch falsche Anschauungen, Philosophien und Ideologien, die sogar richtungsweisend für Millionen von Menschen waren, z.B. der christlichen Antijudaismus oder der Marxismus verantwortlich. Viele Irrtümer sind aber im Laufe der Geschichte erkannt oder durch den Lauf der Geschichte - teilweise verbunden mit unsäglichen Opfern von Menschenleben - falsifiziert worden. Diese Irrtümer sind aber auch durch die Tradition der kritischen Vernunft seit der Aufklärung (vgl. Kants „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“) oder durch die Existenz der freien und marktwirtschaftlich organisierten starken Demokratien (USA, England) falsifiziert worden. Es muß sich also hier irgendwie etwas „richtiges Fortschrittliches“ in der Geschichte entwickelt haben, das Meyer-Abich aber von seinem Ansatz her nicht in den Blick bekommen kann. Stattdessen gilt ihm bereits die freie Marktwirtschaft des Ökonomen Adam Smith mit ihrer ungebändigten Rücksichtslosigkeit als eine Voraussetzung des Faschismus (S.460). Er kann aber umgekehrt auch nicht erklären, warum sich die von ihm favorisierte Philosophie des Cusanus nicht als richtungsweisend für die ganze moderne Geistesgeschichte erwiesen hat.


TabellehierhinDas Menschenbild (Mensch - Tier - Natur )


Alle vorher erwähnten Irrtümer hatten unter anderem eines gemeinsam: in diesen Anschauungen und Ideologien wurde die Menschenwürde nicht jedem Menschen vorbehaltlos zuerkannt. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde als Vorrecht jedes Menschen vor dem Staat und vor anderen Dingen und Lebewesen ist das höchste Gut in unserer Verfassungsordnung. Meyer-Abich dagegen relativiert dieses Vorrecht des Menschen, indem er die Verbundenheit des Menschen mit der Natur und dem Tier als ethisch genauso wertvoll ansetzt. Er erkennt zwar den bürgerlichen Rechtsstaat und die moderne Demokratie an, nennt aber Gedankenspiele, in denen er das prinzipielle Lebensrecht eines Menschen vor dem eines Baumes oder eines Waldes in Frage stellt. Dabei bedient er sich der Wiedergeburtsvorstellung, die er nicht von vornherein ausschließen will (S.366). So kann er formulieren: „Wenn ich (als Mensch wiedergeborener Baum) nur um den Preis überleben sollte, daß ein Wald stirbt, wäre das ein zu hoher Preis“ (S.367). Menschen sollten notfalls auch bereit sein, für Bäume zu sterben. Meyer-Abich ist sich zwar des Grundkonfliktes zwischen dem Lebensrecht des Menschen und dem anderer Lebewesen bewußt. . Der im bürgerlichen Rechtsstaat erreichte Rechtsstandard besteht aber gerade darin, im Konfliktfall immer die Menschenwürde zuerst zu schützen. Hinter diesen Standard kann man m.E. nicht mehr zurück, ohne die Grundlagen der modernen westlichen Verfassungen zu revidieren. Wenn Meyer-Abich die Verwirklichung einer „natürlichen Rechtsgemeinschaft“ zwischen Natur und Mensch fordert und die Formulierung von Rechten der natürlichen Mitwelt und politische Entscheidungsverfahren dafür verlangt, dann müßte er angeben, inwieweit er dabei hinter den westlichen Standard der Garantie der Menschenwürde zurückgehen will. Genauere Angaben darüber aber macht er nicht. Stattdessen spricht er von der „Würde des Lichts“ und der „Würde der Tomaten“ (S.425) und plädiert für die Einschränkung der Individualität (S.450) .


hierhinHolismus


Die Grundaussagen des Holismus, der „Ganzheitsphilosophie“, daß der Teil nur durch das Ganze zu verstehen sei oder daß das Ganze auch in jedem Teil enthalten sei, finden sich - wie schon gesagt - in der griechischen Philosophie , teilweise schon vor Platon; sie sind also schon etwa 2500 Jahre alt, aber m.E. falsch.

Wenn das Ganze grundsätzlich mehr sein soll als die Teile (sowohl quantitativ als auch qualitativ im Sinne von wichtiger/wertvoller) , kann es schon deshalb rein logisch nicht in jedem Teil enthalten sein auch nicht in kleineren Formen oder in nuce. Denn erst durch die Zusammensetzung einzelner Teile ergeben sich neue Qualitäten.

Das Ganze kann dem Teil - in diesem Fall dem Menschen - deshalb unmöglich völlig bekannt sein. Wir kennen das Ganze nicht vor den Teilen, bzw. können laut Kant kraft unserer Vernunft und Wissenschaft niemals das Wesen des Dings (das berühmte „Ding an sich“) und schon gar nicht das Ganze oder dessen Wesen (z.B. Gott) erkennen. Zum Glück ist das so, denn sonst könnten wir noch nicht einmal die einzelnen Teile erkennen. Meyer-Abich vollzieht damit nicht die aufgeklärte Position Kants nach, daß wir das Wesen der Dinge nicht schauen können, und steht damit eher in der Tradition von Schellings und Hegels Geistes- und Ganzheitsmetaphysik. Er begibt sich damit auch in die Nähe des derzeitigen modischen Ganzheitlichkeitswahns der esoterischen Szene (“Alles hängt mit allem zusammen“) , bzw. er leistet keine Abgrenzung zu diesen Erscheinungen und Lehren. Wenn man allerdings nur die Teile betrachtet, muß man natürlich reduzieren und sie vom Ganzen vorläufig trennen. Denn die Welt ist in der Tat zerlegbar ( Quasi- Separabilität), da sie aus unterscheidbaren Grundkräften und Einzelerscheinungen besteht. Schon die Evolution der Organismen mit ihrer ungeheuren Vielfalt von Formen und von Organen ist eine Reaktion darauf. Es gibt dabei zwar unscharfe Grenzen, aber es sind letztlich doch Grenzen vorhanden.

 

TabellehierhinPlatonismus und „ethischer Zwang“


Meyer-Abich stützt seine Philosophie in wesentlichen Teilen auf Platon. Platon hat eine große Faszination auf viele , spätere Philosophen ausgeübt, und man hat sogar die ganze Philosophie nach ihm lediglich als Ausführungsbestimmungen der platonischen bezeichnet. Auch die christliche Theologie blieb davon nicht unberührt: „Eine Theologie oder Philosophie , die die platonische Versuchung nicht kennt, kennt sich selbst nicht, oder aber sie ist ihres Namens nicht wert“ schrieb der Theologe E. Jüngel. Als Schüler eines humanistischen Gymnasiums und als Theologe kann ich ein Lied davon singen. Ich meine deshalb, daß heutzutage jeder, der sich auf so einen umstrittenen Philosophen beruft, auch angeben müßte, welche Fehler und Gefahren eine solche Philosophie mit sich gebracht hat bzw. mit sich bringen würde. Das gilt genauso für Christen: Ich kann mich als Christ nicht mehr naiv auf die Bibel berufen nach alledem, was durch richtige oder falsche Interpretation von Bibelworten an Unheil über die Menschen gekommen ist. Auch die Bibel ist vor Irrtum nicht sicher. Wer Platon so grundlegend für seine eigene Philosophie nutzbar macht, sollte in einem 500 Seiten dicken Buch wenigstens einige Zeilen auf die problematischen Seiten der platonischen Philosophie verwenden oder zumindest Auskunft darüber geben, wo man nicht mit ihr übereinstimmt, insbesondere dann , wenn man andere Anschauungen wie das Christentum oder Kant als zu einseitig kritisiert. Warum verschweigt Meyer-Abich, daß Platon im Gegensatz zu den Vorstellungen Meyer-Abichs ein typischer Philosoph der Trennung von Vernunft und Gefühlen bzw. Trieben ist, daß Platon eigentlich Idealist in dem Sinne ist, daß die Ideen nicht aus der Natur hergeleitet sind und daß Platon ein Staatsmodell entwarf, das man nur als autoritär und elitär bezeichnen kann, in dem nur die Philosophen herrschen durften und andere Bevölkerungsschichten wie die „Wächter“ oder der „Nährstand“ sich unterzuordnen hatten ? Die natürliche Gerechtigkeit in diesem Staate bestand bei Platon darin, daß jeder der drei Stände in strenger Arbeitsteilung und Trennung ihrer Lebensvollzüge gemäß der platonischen Seelenlehre seine Spezialaufgabe unter Anwendung spezialisierter Fachkenntnisse auszuführen hatte. Das Ganze wurde hauptsächlich durch die Philosophenkaste garantiert, die den Überblick über alles hatte.

hierhinDurch die platonische Philosophie zieht sich m.E. ein mehr oder weniger latenter Zwang , und ich glaube, daß dieser auch in der modernen Interpretation Meyer- Abichs noch spürbar ist. Meyer-Abich versucht mit Hilfe von Platon ein natürliches , d.h. wahrhaft wesenhaftes Bild vom Menschen zu entwickeln, das angeblich auf dem naturhaften Sein des Menschen gründet. Daraus wird dann das ethische Sollen des Menschen natürlicherweise abgeleitet. Das aber , was das natürliche Wesen des Menschen ist, ist nicht so einfach festzustellen. Meyer-Abichs Analyse des Seins des Menschen ist schon ethisch beeinflußt und deshalb zirkulär. Es handelt sich zwar nicht direkt um den sogenannten berüchtigten „naturalistischen Fehlschluß“, der von bloß beschreibenden Fakten und Gegebenheiten auf ethische Normen schließen will, aber sein Vorgehen ist damit verwandt. Jede Ethik steht vor dem Dilemma, wirksame Motive für das ethische Handeln zu finden, die von möglichst vielen nachvollzogen werden können. In diesem Fall aber wird durch eine angebliche Verortung der Ethik im Wesens des Menschen ein „ essentieller Druck“ ausgeübt, der dem Menschen m.E. seine ethische Freiheit zur Verantwortung nimmt.

Weitere Kritikpunkte am Platonismus könnte man dem bekannten Buch Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1941) entnehmen; dieser Philosoph wird in Meyer-Abichs Buch nicht ein einziges Mal erwähnt. Ich möchte hier nur noch anmerken, daß sich auch der Gedanke des Niedergangs in der Geschichte (s.o.) bei Platon als Gesetz des Verfalls findet; denn auch Platon konnte natürlich nicht wirklich erklären , warum die angeblich wahre Seinsordnung sich nicht in der realen Welt und Gesellschaft verwirklicht.


TabellehierhinErkenntnistheorie und Naturwissenschaft


Wollte man Meyer- Abich folgen, müßte eine völlige Umorientierung in den Naturwissenschaften angestrebt werden. Meyer-Abich sieht die von Forschern gefundenen Naturgesetze nicht als echte Beschreibungen und Modelle der Natur an, sondern als vom menschlichen eigennützigen Interesse nach Herrschaft und Ausbeutung bestimmte Gesetze. Wir betrachten die Natur demnach auch und besonders in der Wissenschaft anthropozentrisch und subjektivistisch, wenn auch nicht völlig subjektiv. Daß Wissenschaft nie völlig wertfrei ist, wissen wir zwar schon seit dem sogenannten „Positivismusstreit“ der sechziger Jahre. Interessen müssen deshalb diskutiert und bewußtgemacht und aus dem Erkenntnisprozeß durch kritische Überprüfung , so weit es eben geht, herausgehalten werden, wenn sie den Erkenntnisprozeß fehlerhaft beeinflussen. Wie aber Galilei sein Fallgesetz anders hätte formulieren sollen, wenn er sich die Frage nach einer möglichen Verwendung zur Berechnung der Flugbahn von Kanonenkugeln gestellt hätte oder sich an die Philosophie des Nikolaus von Kues gehalten hätte, vermag ich nicht zu sehen. Eine chemische Formel wird immer die gleiche sein, ganz gleich ob ein Christ, ein Platonist oder ein Atheist sie findet. Zwei Forscher, die sich in der Beurteilung der Gefahren von Kernkraftwerken unterscheiden, werden dennoch in den Meßergebnissen von Radioaktivität übereinstimmen, wenn sie ehrlich sind. Die Objektivität oder besser die Intersubjektivität der Messung ist für beide eine Notwendigkeit. Meyer-Abich bemüht nun aber jedes mögliche Argument, um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft zu relativieren und sie an seine Naturphilosophie anzubinden. Dieses kann letztlich nur der Wissenschaft insgesamt schaden, denn schon im Zeitpunkt ihrer Entstehung als moderne Naturwissenschaft bei Galilei mußte sie sich nicht nur von der Theologie, sondern auch von der Philosophie verabschieden, um erfolgreich zu sein. Die geforderte Aufhebung des starren Verhältnisses von Subjekt und Objekt, (die Meyer-Abich mit dem sonst von ihm kritisierten Konstruktivismus gemeinsam hat ), halte ich für wenig fruchtbar. Er benutzt hier auch die psychologisierende Argumentation Victor von Weizsäckers, der den Drang nach Objektivität in der Wissenschaft als Reaktion auf die pathogene Verdrängung des Eros betrachtet. Um auf das Beispiel mit dem Kopfschmerz zurückzukommen, halte ich es nur in Ausnahmefällen für ertragreich, „mich zu fragen warum ich mir wehtue“, z.B. bei psychologischen Störungen. In anderen Fällen sehe ich keinen Erkenntnisgewinn in einem solchen Vorgehen. Verrückterweise sitzt der Schmerz nämlich in meinem Erkenntnisorgan, dem Gehirn, und , obwohl Subjekt und Objekt in diesem Fall fast zusammenzufallen scheinen, kann das Gehirn mir durch keine Methode des Fragens erklären, warum es eine Schmerzempfindung in ihm gibt. Dagegen hilft nur die Spezialkenntnis eines Arztes, der sich mir und meinem Kopf wie ein Subjekt dem Objekt nähert und mit allen möglichen Fragen, Mitteln und Geräten eine Diagnose stellt. Meine Person, meine eigene Subjektivität, sehe ich durch eine solche „ technische“ Behandlung weniger entwürdigt als durch den Schmerz . Meyer- Abich erkennt aber an keiner Stelle seines Buches die Leistungen der „normalen“ auf naturwissenschaftlichen Methoden basierenden Medizin an (S.75), sondern fordert eine andere Medizin. Diese Haltung ist m.E. in der heutigen Zeit mit ihren esoterischen Versuchungen nur noch fahrlässig zu nennen, zumal Meyer-Abich hier keine Abgrenzungen vornimmt.

hierhinDer von Meyer-Abich geforderte Primat der Ethik vor der Wissenschaft ist in der fundamentalen Form , d.h. für die ganze Grundlagenforschung, m.E. nicht praktikabel, wenn man Wissenschaft nicht grundsätzlich verhindern will. Wenn sich jeder Naturwissenschaftler, egal ob er über schwarze Löcher, Quarks oder Evolution forscht, fragen sollte, ob er für die Folgen voll die Verantwortung übernehmen kann, so wäre er völlig überfordert und könnte sein Labor schließen. Folgen sind - falls erkennbar- allenfalls durch spätere ethische und politische Entscheidungen in gewisse Bahnen zu lenken, was ja auch bereits geschieht ( z.B. Embryonenschutzgesetz.).


TabellehierhinSchlußbemerkungen eines Theologen


Erlauben Sie mir in einem letzten Abschnitt eine Stellungnahme aus der Sicht des Christen und Religionslehrers. Meyer- Abich ist ein Philosoph, der das Christentum kritisiert. Ich bin der Meinung, daß das Christentum wirklich viel Kritik verdient hat. Aber wenn man sich diese Art von Kritik anschaut, muß ich Einspruch erheben. Seit dem Fall Galilei bis ins 20.Jahrhundert hat man der christlichen Religion vorgeworfen, sie sei rückständig und bremse die Entwicklung der modernen Gesellschaft inklusive der Naturwissenschaft und Technik. Nun aber, wo es so etwas wie ökologische Gefahren gibt, wird dem Christentum (und Judentum) vorgeworfen, es sei sogar maßgeblich als Urheber an allen schlimmen Entwicklungen beteiligt. Irgendetwas kann da nicht stimmen. Ich glaube, daß vor 2500 - 3000 Jahren in Zeiten des Ringens des Menschen mit der kargen , aber übermächtigen Natur und in Zeiten politischer Unterdrückung des Volkes Israel eine Aufwertung des Menschen in Form des Zuspruchs der Gottesebenbildlichkeit eine ungeheure Stütze und Hoffnung war, die man rückblickend positiv bewerten muß. Die moderne Naturwissenschaft und Industrie sind vom christlichen Glauben her nicht mit Begriffen wie „zerstörerische Krankheit der industriellen Wirtschaft“ und die „Krankheit des Ganzen“ (S.63) zu disqualifizieren. Diese Phase hat das Christentum bereits mit Mißerfolg praktiziert. Es verbietet sich also die Predigt mit erhobenem Zeigefinger nach dem Motto „wir haben es ja schon immer gesagt, der Mensch will nur Gott spielen !“ Das Christentum kann auch nicht aus modischen Gründen plötzlich Naturkräfte vergöttlichen und cusanisch - pantheistisch werden oder ein bißchen die Wiedergeburtslehre als Denkspiel und als Drohhilfe benutzen oder Weltuntergangspanik verbreiten. Frage: Warum dürfen alles dieses neuerdings wieder die Philosophen ? (obwohl es auch Theologen gibt, die das gleiche tun) . Insbesondere wenn Philosophen quasireligiöse Gedankengänge als Argumente benutzen, muß man als Theologe hellhörig werden. Wenn Meyer- Abich mit Gedankenspielen der Wiedergeburt Einfühlungsvermögen für Bäume erzeugen will, macht er indirekte Anleihen bei einer religiösen Tradition, die er nicht in der gleichen Weise hinterfragt wie das Christentum. (Schon Platon war auf eine Wiederverkörperungslehre angewiesen; eine Verschmelzung von Platonismus und Christentum ist unmöglich). Als Philosoph muß man m.E. ebenso bei seinem Leisten bleiben wie als Theologe , oder fairerweise alle Religionen nach verschiedenen Gesichtspunkten kritisch würdigen. Alles dies spricht nicht gegen eine christliche Verantwortung für die Schöpfung, die aus dem ersten Glaubensartikel und den ersten Kapiteln der Bibel hervorgeht. Die Verantwortung für die Schöpfung sollte sachlich wahrgenommen werden . Aber hinter eine Verantwortlichkeit des Menschen in erster Linie für den Menschen kann das Christentum m.E. nicht zurück. Die Verantwortung hierfür beginnt u.a. theologisch dort, wo man versucht, das Menschsein auf bestimmte Wesenheiten festzulegen, sei es durch die Wissenschaft, durch die Philosophie oder durch die Religion selbst. Hier hat das Christentum selbst bereits genügend schlimme Beispiele in der Geschichte hinterlassen. Religion hat zwar etwas mit Bindung zu tun, aber nur in freier Glaubensentscheidung. Gerade die Theologen haben gelernt, daß wir den Menschen nicht zu solchen Entscheidungen drängen dürfen, sondern das Menschenbild offenhalten müssen. Den Holismus Meyer - Abichs zu einer Art Programm unserer Schule zu erheben würde ich deshalb genauso ablehnen wie den Versuch, das Johanneum in eine christliche Schule zu verwandeln. Ich danke für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.

Zum Anfang dieses Vortrags    nahSeneca und Meyer-Abich, ein Vergleich ihrer Naturphilosophien



obenVortrag von Gerd Glombik  26. 11. 98. Letzte Änderung am 25. Mai 2002
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