Archiv: Diese Seiten werden nicht mehr bearbeitet!
Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Alphabetischer Index unten
Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassung     Natur über alles?        


Das Wiederfinden des Traums

Heilende Alternativen: Cusanus, Goethe

Forderung nach einer anderen Erkenntnistheorie

Praktische Konsequenzen

 

hierhinDie versäumten heilenden Alternativen: Cusanus, Goethe


Für die Antike war schon dargelegt worden, daß nach Meyer-Abich die Philosophie Platons und die alten Mythologien ein noch intaktes Mensch-Natur-Verhältnis repräsentierten und Mensch und Natur angeblich viele Leiden erspart hätten, wäre es dabei geblieben. Auch die mittelalterliche Scholastik, die Religion und Philosophie, Vernunft und Glaube stärker miteinander verknüpfte, wird von Meyer-Abich - ähnlich wie bei Rudolf Steiner- aufgewertet. Für die Umbruchzeit der Renaissance, in der der Mensch vor der Aufgabe stand, ein neues Verhältnis zwischen Ich und Welt aufzubauen, hätte nach Meyer-Abich eine große Alternative in den Anschauungen des Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues, auch Cusanus genannt , gelegen. ( Er ist 1401 in Kues/ heute Bernkastel-Kues an der Mosel geboren, studierte zunächst Jura, dann Theologie, wurde 1430 Priester, 1448 Kardinal, 1450 Bischof in Brixen, seit 1458 in Rom beschäftigt, 1464 in Umbrien gestorben; ein vielseitiger Geist, mathem.-naturwissenschaftlich gebildet, von der Mystik beeinflußt). Cusanus strebte in seinen Gedankengängen eine Versöhnung aller Gegensätze an. Gott dachte er als das Zusammenfallen aller Gegensätze und entwarf das Idealbild einer Weltreligion, in der alle Einzelreligionen unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit zusammenkommen sollten. Er war noch stark von der scholastischen Theologie beeinflußt und versuchte, Platons Philosophie mit der Theologie auszusöhnen, was ihm nach Meyer-Abich als einzigem Denker nach dem Mittelalter gelungen ist. Hier findet Meyer-Abich auch die Lehre (wieder), daß in jedem Lebewesen Gott ganz vorhanden ist. Gott habe seine Ideen in der ganzen Schöpfung, in allen Wesen und Dingen , also in der ganzen Welt, die keine Mitte mehr hat, verwirklicht. Der heilige Geist Gottes habe die Urbilder der Dinge als eine Art göttlichen Samen in das Sein wie in einen fruchtbaren Boden gesteckt, wo sie nun wachsen und Früchte tragen können. So habe jedes Teil seinen Eigenwert, aber auch seine Bedeutung im Zusammenhang der ganzen Ordnung. Diese Vorgänge sind nicht als übernatürlich zu verstehen, als hätte ein transzendenter Gott die Natur von außen geschaffen und sie dann dem Menschen überlassen. Im Menschen als Gottes hierhinAbbild sieht Nikolaus von Cues zwar ähnliche kreative Fähigkeiten, die Gott verwirklichte, als er die Welt schuf, z.B. Mathematik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Aber diesen schöpferischen Kräften werden nach Cusanus Grenzen gesetzt, so daß der Mensch sich nie selbstherrlich zum Schöpfer aufschwingen kann. Wenn beispielsweise der Nußbaum eine Entfaltung Gottes ist, sollte alles, was wir mit diesem Baum machen, als eine weitere Entfaltung dieses göttlichen Ursprungs angesehen werden, d. h. der Löffelschnitzer verwirklicht seine Ideen als Fortsetzung des göttlichen Geistes , so daß der Löffel als menschliches Werk zur Natur des Baumes und seiner göttlichen Idee passen. Nur diejenigen Dinge seien herzustellen, deren Ideen wir uns als von Gott ähnlich gemacht vorstellen können. So wird auch der Mensch als denkendes Wesen in den Zusammenhang des Ganzen , in die Ganzheitlichkeit der Welt gebunden. Der Einzelne besteht nur in der Einheit des Ganzen, das Ganze nur in der Vielheit der Einzelnen.

Goethe (groß)Hätte die Menschheit sich an diese Ideen gehalten, wäre ihr nach Meyer-Abich so manche KriseSteiner (groß) erspart geblieben. Bewahrungen dieses Naturverständnisses sieht Meyer-Abich später bei Goethe und bei Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. (R.Steiners Lehre wird bei Meyer-Abich nicht weiter ausgeführt). Goethes Faust versteht er als Kritik an der menschlichen Selbstsicherheit und als Vorwegnahme des Dramas der Industriegesellschaft. Er nimmt auch Goethes Farbenlehre in Schutz, die dieser ganz bewußt gegen den großen Newton schrieb, weil er glaubte, durch Art und Methoden der Naturwissenschaft werde der Natur die Achtung genommen und diese letztlich zerstört, allein schon dadurch, daß man ihr mit technischen Geräten zu Leibe rücke. (Meyer- Abich bezeichnet diese „falsche“Art des Naturverhältnisses als „Konstruktivismus“).


TabellehierhinNeu zu erfindende heilende Alternativen -

Die Forderung nach einer anderen Erkenntnistheorie, Naturwissenschaft und Kultur


Damit bin ich bei der modernen Naturwissenschaft, die Meyer-Abich zwar nicht in Bausch und Bogen verdammt, - denn schließlich ist er selbst auch ein studierter Physiker- , aber mit verschiedenen Argumenten doch heftig kritisiert und in Frage stellt. „Die Naturwissenschaft ist nicht so wissenschaftlich, wie sie scheint“, ist eine seiner Hauptthesen. Als Galilei das Fallgesetz 1591 entdeckte , habe er aus Neugier geforscht, aber er hätte sich auch die Frage nach den Folgen seiner Entdeckung stellen sollen: könnte man mit der neu gefundenen mathematischen Formel vielleicht auch die Flugbahnen von Kanonenkugeln besser berechnen ? Jedes menschliche Erkennen sei grundsätzlich von Interessen und Gefühlen geleitet, nicht aber wertfrei und rein objektiv. Schon die Neugier , die Leidenschaft des Forschers sei ein Gefühl, das heißt etwas Unwissenschaftliches. Besonders deutlich werde das beim menschlichen Sicherheitsbedürfnis, bzw. der Angst des Menschen vor Krankheiten und vor dem Tod. Meyer-Abich will die Gefühle nun nicht vom Erkenntnisprozeß trennen, da dieses sowieso nicht möglich sei, sondern die Frage nach den richtigen Gefühlen stellen. Man sollte sich beispielsweise fragen, ob Krankheiten immer bekämpft werden sollten, da sie doch oft eher schwer zu verstehende Gesundungsprozesse seien. Die heutige „mechanistisch-naturwissenschaftliche Medizin“, - wie Meyer-Abich sie nennt-, verstelle eher das Wesen der Krankheit, weil sie das persönliche Erleben und Fühlen des Patienten außer Betracht lasse. (Auch gibt es eine Gemeinsamkeit mit Rudolf Steiner). Karrieredenken, Konkurrenz, persönliche Interessen, philosophische und religiöse Gedanken führten oft intuitiv zur Hypothesenbildung, seien also ein unwissenschaftlicher Teil der Wissenschaft. Auch das altbekannte Beispiel der Quantenphysik wird bemüht: Durch die Heisenberg'sche Unschärferelation entscheide der Beobachter durch den Beobachtungsvorgang selbst, welche Zustand oder Impuls ein atomares Teilchen annehme, so daß hierhineine Trennung von Subjekt und Objekt nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Es gebe keine reine Art des Erkennens: Schon die Aussage „da ist ein Baum“ impliziere die Absicht, mit diesem Baum etwas anzustellen, zum Beispiel ihn als Schutz vor Regen oder Sonne, als Kletterbaum oder für den Hund zu verwenden. Wissenschaft sei immer am Leben selbst beteiligt und müsse deshalb Mit-Wissenschaft sein. Insbesondere müsse laut Meyer-Abich die Vorherrschaft der Naturwissenschaft vor den Geisteswissenschaften und die Verdrängung der Ethik aus der Ganzheit des wissenschaftlichen Denkens rückgängig gemacht werden. Die von Wissenschaftlern oft zitierte Freiheit von Forschung und Lehre sei eine Illusion und eine Anmaßung zugleich, da alle wissenschaftlichen Erkenntnisse durch ihre spätere Anwendung die Gesellschaft nachhaltig verändern. Die Erfindungen einiger weniger Forscher im Bereich von Produktionstechniken verändere die Arbeitswelt von Millionen von Menschen und natürlich auch die Natur. Deshalb fordert Meyer-Abich die Bewertung aller wissenschaftlichen Forschung durch die breite Öffentlichkeit . Ziele wie Sozialverträglichkeit und Umweltverträglichkeit sollten deshalb schon von Anfang an als „wahre Interessen“ bei der Forschung berücksichtigt werden. So könnten Wissenschaft und Technik wieder in Einklang mit der Ordnung des Ganzen der Gesellschaft, des Lebens und der Natur gebracht werden. Der Ethik sei deshalb der Primat vor der Naturwissenschaft zu sichern, wie auch Platon es gewollt habe. Der Übergang von der Sollens-Ethik zur Seins- Ethik bedeutet, daß schon im Erkenntnisprozeß die Norm der bestehenden und zu bewahrenden Natur vorgegeben sein muß. Meyer-Abich fordert außerdem eine Erneuerung der Kultur der Industriegesellschaft, deren Motto aber nicht „Zurück zur Natur !“ sondern „Zurück zur Kultur !“ lauten müsse. Diese neue Kultur würdige die Natur und verändere sie nur so, wie es ihr, den Mitmenschen und den nachfolgenden Generationen zuzumuten sei. Dadurch werde die Naturgeschichte angemessen , also ohne Gegensatz zwischen Natur und Kultur weitergeführt. Gegen die auseinanderstrebenden Kräfte des Individualismus, die er als Krankheit der Gesellschaft bezeichnet, fordert Meyer-Abich ein neues Gemeinschaftsdenken. Ziel sei eine Gesellschaft, die sich fragt, wie man mit anderen und der Natur leben könne. Der liberalistische Traum sei endgültig ausgeträumt.


TabellehierhinPraktische Konsequenzen der Naturphilosophie


Was nun konkret getan werden kann, damit der vergessene Traum zurückgewonnen werde, entfaltet Meyer-Abich auf etwa 100 Seiten, also weniger als einem Viertel des Buchumfangs, dessen Titel „Praktische Naturphilosophie“ hieß. Vieles davon ist aber auch bekannt, denn es findet sich natürlich in den Programmen mancher Parteien oder Umweltschutzverbänden wieder (alternative Energien, ökologische Steuerreform, Nachhaltigkeit usw.) . Ich möchte mich deshalb auf wenige Bemerkungen und Beispiele beschränken.
eBeim Wohnen und Hausbau sollte man nicht nur auf ökologische Baumaterialien achten, sondern auch auf die Landschaft, die Himmelsrichtungen (wie werde ich der Landschaft gerecht ? Bsp. friesische Bauernhöfe, italienische Städte auf Bergen).

Der Autoverkehr muß eingeschränkt werden zu Gunsten des öffentlichen Nahverkehrs. Die Straße muß wieder Lebensraum werden, die Grenze zwischen Trottoir und Straße muß aufgehoben werden; statt der Pflicht, einen Autoabstellplatz beim Hausbau nachzuweisen, müsse in Zukunft die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr zur Pflicht gemacht werden.

Eine naturgemäße Technik schaue der Natur ihre Erfindungen ab (z.B. Photosynthese, Windenergie/Vorbild Segelboot) und ziehe daraus Nutzen, ohne die Natur zu schädigen (Freundschaft zwischen Technik und Natur). Die Gentechnik wird immerhin im Rahmen des naturgeschichtlich Bewährten unter strengen Prüfungsverfahren zugelassen.

Artgemäße Behandlung von Tieren und Pflanzen ; Auch Tiere haben eine Würde , wie auch in einem Volksentscheid in der Schweiz 1992 über die „Würde der Kreatur“ durch Abstimmung festgestellt worden sei. Die Menschenwürde werde verletzt, wenn Menschen Tiere oder Pflanzen durch Massenhaltung oder -anbau quälen. Meyer- Abich lehnt aber nicht die Tötung von Tieren generell ab. Die gentechnische Veränderung einer Tomate zu einer langanhaltenden Frische verstoße aber gegen die Würde der Tomaten.

Zur nächsten Seite



obenVortrag von Gerd Glombik  26. 11. 98. Letzte Änderung am 02. Mrz. 99
Exposystem [Naturauffassung] [Natur über alles?] [Dokumentationsteam] [Email s.Ueberblick] Informationssystem