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Die Natur als Erfindung des Menschen
Naturauffassungen   Seneca          


Seneca und Meyer-Abich Facharbeit Latein Diane Meyer, Fachlehrer Fred Radewaldt

4. Vergleich der Naturphilosophie Senecas und Meyer-Abichs

5. Stellungnahme

Literaturliste

4. Vergleich von Senecas und Meyer-Abichs Naturphilosophien

Die Naturphilosophien Senecas und Meyer-Abichs unterscheiden sich nur in wenigen Prinzipien. Insgesamt sind sie sich jedoch sehr ähnlich, obwohl sie unterschiedliche wirtschaftliche und kulturelle Voraussetzungen haben.
Seneca legt in seiner vom Stoizismus geprägten Einstellung sehr viel Wert auf die geistige Verbesserung und Entwicklung des Menschen. Er meint, dass es das wichtigste sei, weise zu werden. Um diesen Zustand zu erreichen, müsse man einsichtig sein und erkennen, dass man naturgemäß und vernunftgemäß leben soll.
Der Mensch solle nach dem Gesetz der Natur leben und für ihre Gaben dankbar sein.
Meyer-Abich sieht das etwas differenzierter. Lange habe er sogar geglaubt, dass der Mensch die Herrschaft in der Natur ausüben dürfe und auch solle; jedoch nur so, dass er sich dafür vor Gott verantworten kann und gerecht gegenüber der Natur lebt.
Mittlerweile sei er zu der Ansicht gekommen, dass wir mit der Natur als Ganzes leben sollten und uns nicht über sie stellen dürften.

Wir sollten immer bedenken, was wir von der Natur haben, und dass wir uns auch in kultureller Hinsicht holistisch verhalten müssen, weil wir ein Teil ihrer sind.
Heutige Wirtschaftsprozesse seien nicht mehr naturgemäß und im Interesse des Ganzen. Da nennt er z.B. die Luft- und Wasserverschmutzung, die Verstädterung und den Lärm, welcher zur Beeinträchtigung der Lebensqualität und der Arbeitsproduktivität durch Konzentrationsdefizite führt.

Diese Probleme waren, wenn auch in einem anderem Maße, schon zu Zeiten Senecas vorhanden und wurden von vielen antiken Philosophen wie u.a. Ovid viel diskutiert. Seneca selbst macht in seinem 90. Brief auf die Wohlstandsschäden aufmerksam, die durch den Standard, den sich die Gesellschaft setzt, entstanden sind. Er kritisiert, dass die Menschen Bäume fällen, um nicht nur Häuser zu bauen, sondern sich sogar den Luxus zu genehmigen, Speisesäle zu bauen (ep. 90,9).
Die Reichen würden immer reicher und die Armen immer ärmer werden. So sollte der Einzelne sich von den vielen befreien und nach dem Gesetz der Natur ein einfaches Leben führen und nicht nach den gesellschaftlich festgesetzten Normen.

Dieser Meinung ist auch Meyer-Abich. Man solle nach der eigenen Natur leben, müsse sich aber den Anderen gegenüber kooperativ benehmen.
Man solle die Freude Anderer teilen und mit ihnen auch freundschaftlich umgehen. Senecas Prinzip in der stoischen Philosophie war auch schon, die Menschenliebe zu erhalten und Freundschaften zu pflegen.

Also gehöre es nach Meyer-Abich genauso dazu, nicht zu Lasten Anderer zu leben und den Nachfahren keine Schäden zu hinterlassen. Das beinhaltet natürlich, nicht im Überfluss und Konsum zu leben. Es dürfe nichts auf Kosten der natürlichen und menschlichen Lebensbedingungen gehen. Von daher müsse auch heute nach der modernen Naturphilosophie der Mensch versuchen, ein höheres Niveau auf der kulturellen Ebene zu erreichen, insofern, als dass man weiß, wie man durch Naturveränderungen Schäden anrichten kann, und Methoden findet und anwendet, dass z.B. Energiegewinnung keine Nachteile mit sich bringt.

Seneca war in der Antike schon der Grundlagenforschung gegenüber positiv eingestellt. Er hielt es für nötig, zu wissen, wie Naturereignisse und andere Dinge geschehen, lehnte es aber ab, diese Grundlagen anzuwenden. Er hielt auch nur die Fortschritte der Seele für gut, sonstige Fortschritte verachtete er (Villy Sørensen, Seneca - Ein Humanist an Neros Hof, S.206,Z.11).
Er war sich auch dessen bewusst, dass die Menschen sich wundern würden, wie wenig in der Antike erforscht war (Villy Sørensen, Seneca - Ein Humanist an Neros Hof, S.205,Z.40).
Laut Seneca müssten in der Forschung Grenzen gesetzt werden, so dass der Mensch nicht unwissend die Natur zerstört, denn diese könne uns, wenn wir uns selber verderben, schließlich auch nicht helfen.
Meyer-Abich vertritt die Meinung, dass die Fehler, die bisher gemacht wurden, in Zukunft vermieden werden sollten.
Im Gegensatz zu früher sei es heutzutage ein noch viel größerer Schritt, den die Menschheit zurücklegen müsse, um die Fehler wieder in Ordnung zu bringen, wenn das noch möglich ist.
Meyer-Abich ist jedoch nicht so extrem gegen die Kultur eingestellt wie Seneca.
Er ist der Ansicht, dass der Mensch doch Kultur brauche, um leben zu können. Es sei nur abzuwägen, in welchem Maße und darüber nachzudenken, ob der Mensch sich nicht mehr zurückhalten könne als er es bis jetzt tue.

Seneca aber ist auf jeden Fall gegen die Kultur und betont, dass der Mensch von den Erträgen leben könne, die die Natur von selbst gibt, beispielsweise die Erde, die Gemüse hervorbringt, und dass das ausreiche.
Sobald der Mensch aber eingreife in das selbständige Wachstum der Pflanzen und allgemein der Natur, sei dies nicht mehr zu rechtfertigen.
Seneca befürwortet immer wieder in ep. 90 das "goldene Zeitalter", das Leben, bevor die Menschen mit der Kultur begannen.

Insgesamt ist daraus zu schließen, dass die beiden Naturphilosophien trotz der verschiedenen und deshalb eigentlich nicht zu vergleichenden wirtschaftlichen Ebenen für das Leben in der Gesellschaft und der Natur, damals genauso wie heute das gleiche bedeuten. Die Kultur war für die antiken Verhältnisse schon weit fortgeschritten, genauso wie wir es von der heutigen Wirtschaft denken.
In beiden Einstellungen geht es prinzipiell darum, mit der Natur im Einklang zu leben und sich ihr gegenüber gerecht zu verhalten, ohne sie zu vernichten.
Letztlich bestehen die Unterschiede nur darin, dass Seneca direkt nach den natürlichen Gesetzen zu leben empfiehlt, Meyer-Abich jedoch dieses Thema weniger orthodox und moderner betrachtete.
Er behauptet, dass "eine Welt mit Wäldern und Kulturlandschaften schöner" sei als bloße Waldlandschaften (Praktische Naturphilosophie, S. 392, Z. 11).
Insoweit respektiert er die Kultur, wenn es darum geht, dass der Mensch nicht nur seinen Lebensstandard erhöhen möchte, sondern sie sogar zum Leben braucht.
Zivilisatorische Eingriffe in die Natur seien gerechtfertigt, wenn sie allem in der Natur zugute kämen.

5. Stellungnahme

Aus den im Vergleich aufgeführten Gründen bin ich der Meinung, dass Meyer-Abich im Prinzip die naturphilosophischen Ansichten Senecas vertritt, diese aber durch den heutigen hochindustriellen Zustand nicht mehr so extrem ausfallen können.
Senecas Einstellung könnte somit als Grundlage für Meyer-Abichs Ansicht bezeichnet werden, weil sie noch einen Schritt extremer dargestellt wird. Sie ist sozusagen eine Idealvorstellung.

Daher halte ich beide Naturphilosophien für glaubwürdig. Ihnen ist aber nur zu folgen, wenn man sich ganz aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzieht, weil die Mehrheit der Menschen sich schon an den Standard gewöhnt hat, und diesen Schritt als Rückschritt ansehen würde. Ob man sein Leben nach der Naturphilosophie Senecas ausrichten möchte, muss sich jeder selber überlegen, denn es wäre wirklich kaum möglich, so zu leben. Dann müssten alle materiellen Dinge wegfallen. Sich alleine in das Leben zu begeben, wäre nicht nur ein Ernährungsproblem, weil man sich dann nur von Pflanzen, die man findet, ernähren und natürliches Wasser trinken dürfte. Man müsste auch allein Naturgefahren bekämpfen.
Dies wäre aber bei Meyer-Abich kein Problem, weil er nicht von der absoluten Isolation in der Natur ausgeht.

Seneca erwähnt zwar die Menschenliebe, doch müsste dann der gesamte Umkreis nach denselben Prinzipien leben, um seine Theorie vollständig ausleben zu wollen.
Als Beispiel möchte ich die indigenen Stämme Amerikas nennen. Obwohl sie es lange geschafft haben, sich naturgemäß zu verhalten, sind auch die meisten von ihnen mittlerweile von der Zivilisation der Gesellschaft eingeholt worden. Es scheint also nicht zu gehen, wenn ein anderer Teil der Menschen diese Einstellung nicht nachvollziehen kann oder will.

Deshalb finde ich, dass es möglich ist, Meyer-Abichs Philosophie zu realisieren bzw. wirklich als Vorbild zu nehmen.
Diese Vorstellung können wir Schritt für Schritt ausführen, indem wir uns von dem Konsum Richtung Kultur zu bewegen, und es wäre nicht besonders schwierig oder utopisch.
Senecas Ansicht, uns ganz der Natur zu unterwerfen, ist in den heutigen Verhältnissen nicht mehr möglich, behaupte ich. Aber sie regt wenigstens an, was er zu seiner Lebenszeit in der Bevölkerung bei den Lesern seiner Briefe erreichen wollte. Sie sollte wohl den Lesern, vor allem den Einwohnern Roms, die besonders weit von dem naturgemäßen Leben entfernt waren, vor Augen führen, wie weit die Menschen es mit der Kultur gebracht haben, und dass es weder auf die Natur noch auf die Menschen besonders gute Auswirkungen hat.

3585 Wörter

Literaturverzeichnis

K.-M. Meyer-Abich, B. Schofeld, "Die Grenzen der Atomwirtschaft" (München: Verlag C. H. Beck, 1986)

K.-M. Meyer-Abich, "Praktische Naturphilosophie: Erinnerung an einen vergessenen Traum (München: Verlag C. H. Beck, 1997)

L. A. Seneca, "Epistulae morales ad Lucilium" in: "Philosophische Schriften", M. Rosenbach ed. (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1984)

Villy Sørensen, "Seneca - Ein Humanist an Neros Hof" (München: C. H. Beck, 1984)

H. J. Storig, "Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Bd. 1" (Stuttgart, 1980)

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obenAutorin: Diane Meyer, Abi 2000  Datum: April 99. Letzte Änderung am 25. Mai 2002
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