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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Fred Radewaldt
Lehrer am Johanneum
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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften      Römer          


Seneca: Lärm macht krank!

Einleitung

Lateinischer Text

  Übersetzung

tab Schluß


Strassenmusikanten in Pompeji (51K) oben Einleitung

Rom war zur Kaiserzeit eine pulsierende Metropole mit über eine Millionen Einwohnern. Die Macht und Bedeutung Roms zog Menschen aus dem ganzen Römischen Reich an. Der Zuzug in die Hauptstadt verursachte eine hoffnungslose Übervölkerung der Stadt mit all ihren negativen Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Das Menschengedränge in den Straßen Roms, das Rumpeln der Fuhrwerke, die Geräuschkulisse der zahlreichen städtischen Handwerksbetriebe, die Geldwechsler und die Lehrer, die ihre Schüler lauthals im Freien unterrichteten, veranlaßten bereits den Dichter Martial (40-102 n. Chr.) zur Flucht aus Rom (Martial, XII 57, 1-17).

Um den Verkehr am Tage in Grenzen zu halten, hatte Caesar 45 v. Chr. ein Tagesfahrverbot für Fuhrwerke erlassen. Die Folge war ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in der Nacht. Der Lärm der Räder auf dem holprigen Pflaster ließ Nachtruhe bei den Stadtbewohnern wohl kaum aufkommen. Diese wurden zusätzlich noch durch Betrunkene und laute Nachbarn ihres Schlafes beraubt. Seneca erlebte auf einer Reise in den Badort Baiae in einem Hotelzimmer, das direkt über einem öffentlichen Bad lag, eine solche Ruhestörung:

oben Lateinischer Text

Lärm macht krank! (Seneca, ep. 56, 1-2 u. 4)4

Peream, si est tam necessarium quam videtur silentium in studia seposito. Ecce undique me varius clamor cirumsonat: supra ipsum balneum habito. Propone nunc tibi omnia genera vocum, quae in odium possunt aures adducere: cum fortiores exercentur et manus plumbo graves iactant, cum aut laborant aut laborantem imitantur, gemitus audio, quotiens retentum spiritum remiserunt, sibilos et acerbissimas respirationes;...Iam biberari varias exclamationes et botularium et crustularium et omnes popinarium institores mercem sua quadam et insignita modulatione vendentis.

Magis mihi videtur vox avocare quam crepitus: illa enim animus abducit, hic tantum aures implet ac verberat. In his, quae me sine avocatione circumstrepunt, essedas transcurrentes pono et fabrum inquilinum et serrarium vicinum, aut hunc, qui ad Metam sudantem tubulas experitur et tibias, nec cantat, sed exclamat: etiamnunc molestior est mihi sonus qui intermittitur subinde quam qui continuatur.

oben Übersetzung

Ich will zugrundegehen, wenn so notwendig ist, wie es scheint, Stille für den in seinen Studien Vertieften. Sieh, von allen Seiten umdröhnt mich vielfältiger Lärm: unmittelbar über einer Badeanstalt wohne ich. Stelle dir nun alle Arten von Geräuschen vor, den der Haß auf die eigenen Ohren verursachen können:: wenn kräftigere Männer trainieren und ihre mit Blei beschwerten Fäuste schwingen, wenn sie sich anstrengen oder so tun, dann höre ich Stöhnen, sooft sie den angehaltenen Atem ausströmen lassen, Zischen und heftiges Aufatmen;...Ferner eines Limonadenverkäufers verschiedene Anpreisungen und einen Wurstverkäufer und Zuckerbäcker und alle Garküchen gehilfen, ihre Ware mit einer Art von persönlich kennzeichnender Tonart verkaufend.

Mehr scheint mir die Stimme abzulenken als ein Geräusch: jene wirkt auf den Geist ein, dies erfüllt nur die Ohren und berührt sie. Zu dem, was mich ohne Ablenkung umrauscht, rechne ich fahrende Wagen, einen Schmied im Haus und einen Sägenden in der Nachbarschaft, oder den, der an der "Schwitzenden Säule" seine Trompete probiert und Flöten, und nicht singt, sondern krakeelt; ferner ist mir lästiger ein Geräusch, das immer wieder unterbrochen wird, als eines, das andauert.

Schlußbemerkung

Der Philosoph Seneca benötigt Ruhe und Stille für seine schriftstellerische Tätigkeit. Durch die Flucht aus der Stadt - und man kann in diesem Zusammenhang ruhig von Umweltflucht sprechen - auf ihre Landgüter konnten antike Literaten den gesundheitsgefährdenden Lärm hinter sich lassen. Der einfache Bürger in Rom besaß diese Möglichkeit nicht. Er mußte in den überteuerten Räumen der Mietshäuser zwischen Gedränge, Gestank, Hitze und Staub sein Dasein fristen. In einer gesunden Umwelt zu leben war damals wie heute auch eine Frage des persönlichen Einkommens.

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Autor Fred Radewaldt   Datum: Oktober 98. Letzte Änderung am 25. Mai 2002
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