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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Fred Radewaldt
Lehrer am Johanneum
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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften      Römer          


Tacitus: Ein Großprojekt:
Flußregulierung des Tiber

Einleitung

Lateinischer Text

  Übersetzung

tab Schluß


oben Tiber (51K) Einleitung

Tacitus (Annalen I 79) schildert eine Senatsverhandlung aus dem Jahre 15 n. Chr., in der die Senatoren Ateius Capito und Lucius Arruntius ein Bauvorhaben beantragen, das die Umleitung verschiedener Seen und Flüsse vorsah, um den verheerenden Überschwemmungen des Tibers in Rom vorzubeugen. Der Text spricht das Problem naturzerstörender Großprojekte an, deren Nutzen und Sinn damals wie heute umstritten sind. Die Durchführung der geplanten Flußregulierung hätte zudem auch nur geringe Auswirkungen auf den Wasserstand des Tiber gehabt, da neben Regenfällen und Schneeschmelze vor allem die Abholzung weiter Waldgebiete im Einzugsbereich des Tibers und die daraus folgende Bodenerosion zu den Überschwemmungen in der Hauptstadt geführt haben dürfte.

oben Lateinischer Text

Ein Großprojekt: Die Flußregulierung des Tiber (Tacitus, Annalen I 79)

Actum deinde insenatu ab Arruntio et Ateio, an ob moderandas Tiberis exundationes verterentur flumina et lacus, per quos augescit. auditaeque municipiorum et coloniarum legationes, orantibus Florentinis, ne Clanis solito alveo demotus in amnem Arunum transferretur idque ipsis perniciem adferret. Congruentia his Interamnates disseruere: pessum ituros fecundissimos Italiae campos, si amnis Nar - id enim parabatur - in rivos diductus superstagnavisset. Nec Reatini silebant, Velinum lacum, qua in Narem effunditur, obstrui recusantes, quippe in adiacentia erupturum: optume rebus mortalium consuluisse naturam, quae sua ora fluminibus, suos cursus, utque originem, ita fines dederit; spectandas etiam religiones sociorum, qui sacra et lucos et aras patriis amnibus dicaverint; quin ipsum Tiberim nolle prorsus accolis fluviis orbatum minore gloria fluere. Seu preces colonarium seu difficultates operum sive superstitio valuit, ut in sententiam Pisonis concederetur, qui nil mutandum censuerat.

oben Übersetzung

Weiter wurde im Senat von Arruntius und Ateius angeregt, ob man nicht, um die Überschwemmungen des Tiber einzuschränken, die Flüsse und Seen ableiten könne, die ihn zum Anschwellen bringen. Man hörte hierzu Abordnungen aus den Landstädten und Kolonien. Dabei baten die Florentiner, man solle sie nicht durch die Ableitung des Clanis aus dem gewohnten Bett in den Arno in eine verhängnisvolle Lage bringen. Eine damit übereinstimmende Ansicht trugen die Interamnaten vor: zugrundegehen würden die fruchtbarsten Gefilde Italiens, wenn der Nar, - das nämlich plante man - in Kanäle geleitet einmal übertrete. Auch die Reatiner schwiegen nicht, indem sie sich dagegen wehrten, daß der See Velinus da, wo sich sein Ablauf in den Nar ergießt, abgedämmt werde; dann werde er das angrenzende Land überfluten: auf beste habe für das Wohl der Menschen die Natur gesorgt, die den Flüssen Ihre Mündung, ihren Lauf und wie die Quelle, so auch das Ziel angewiesen habe; beachten müsse man auch die religiösen Vorstellungen der Bundesgenossen, die den heimischen Flüssen Heiligtümer, Haine und Altäre gewidmet hätten; ja der Tiber selbst wolle nicht seiner Nebenflüsse gänzlich beraubt in minderer Herrlichkeit dahinströmen. Die Bitten der Kolonien oder die Schwierigkeitendes Unternehmens oder auch die religiösen Bedenken gewannen die Oberhand, so daß man der Meinung des Piso beitrat, der beantragt hatte, daß nichts geändert werden dürfe.

Schlußbemerkung

Aufschluß über das Verhältnis der Römer und ihrer Bundesgenossen zur Natur geben die Gründe, die gegen die Durchführung dieses Großprojektes vorgebracht werden: Die Bundesgenossen fürchten einerseits Überflutungen, andererseits auch Wassermangel und entsprechend negative Folgen für die Landwirtschaft. Auch erscheint die technische Realisierung erschwert. Nach der Vorstellung der Reatiner lassen die Pläne einen Mangel an Ehrfurcht vor der Natur erkennen, da allein die Natur am besten für das Wohl des Menschen sorge. Die Umleitung des Tibers wird zudem als Frevel aufgefaßt und stehe im Widerspruch zu göttlichen Ordnung, da die Bundesgenossen den heimischen Flüssen Heiligtümer und Altäre gewidmet hätten.

Der Versuch, ein Umweltproblem durch ein zweifelhaftes Großprojekt zu lösen, wird im Senat abgelehnt. Der massive Eingriff in die Umwelt unterbleibt aufgrund des Widerstandes der Betroffenen und aus Ehrfurcht vor der Natur.

Fazit, Textausgaben und Literatur


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Autor Fred Radewaldt   Datum: Oktober 98. Letzte Änderung am 25. Mai 2002
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