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Die Natur als Erfindung des Menschen
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Homo Faber - Natur - Technik, Variation 1, Klasse 11-1 im Frühsommer 1998 mit Alfred Blohm

Walter Fabers Wandlung

Um feststellen zu können, ob sich Walter Faber innerhalb des Romans verändert, muß man den Bericht als Ganzes betrachten. Man kann aber auch seine Wandlung an einigen wenigen Stellen des Berichtes erklären. Wir haben uns dazu folgende Textstellen herausgesucht:

Die Wandlung Walter Fabers läßt sich nur dann erfassen, wenn man sein Verhalten am Anfang und am Ende des Romans gegenüberstellt. Das impliziert natürlich Fabers Einstellung zur Natur, seine Art zu Denken und seine eigene Weltanschauung. Am Anfang seines Berichts ist Faber ein "Technokrat", der alles Erlebte in seiner eindimensionalen Sprache beschreibt. Er besitzt eine rationale Denkensweise, die nur auf mathematische Formeln und Analysen besteht. Faber unterdrückt bzw. verdrängt seine Gefühle. Walter Faber kennt die Nichtbeherrschbarkeit der Welt, die Unwägbarkeiten des Lebens oder die fundamentalen Risiken der Unordnung. Er wehrt sich nur, und nach seiner Meinung völlig zu Recht, gegen die Mystifikation des Unwahrscheinlichen, denn das ist nach der von Faber angewandten Wahrscheinlichkeitsrechnung "nichts Höheres ..., keinerlei Wunder oder derartiges, wie es der Laie so gerne haben möchte", und er weiß aber auch, daß die Wahrscheilichkeitsrechnung keinerlei Garantie bietet ("Was interessiert es mich, daß am gleichen Tag, wo ich ins Meer stürze, 999 Maschinen tadellos landen ?"). Faber hat gleichwohl ein einseitiges Naturell, das seine Befriedigung daraus zieht, das Ungefügte zum Funktionieren zu bringen. Kurz er sorgt dafür, daß "alles klappt" - einschließlich seiner Sexualität, die kurz vor Schluß zu seinem Entsetzen auch noch versagt, wobei ein Gutteil desselben daraus resultiert, daß er sie nicht reparieren kann, wie zuvor seinen Rasierer. Für Walter Faber war bis zu diesem Zeitpunkt alles auf der Welt reparierbar.
Was sich ihm auf diese Weise verschließt, ist vor allem die Dimension des Tragischen. Genauer gesagt, Faber begreift diese Möglichkeiten des Schicksals erst, als er das handelnde Opfer einer Tragödie wird. Er kann seinen Freund Joachim nicht vor dem Selbstmord retten, er schläft unwissentlich mit seiner Tochter und leistet einen maßgeblichen Beitrag zu ihrem Tod.
Seine Schuld ist äußerst gering, und doch ist er der Täter. Dies alles trifft Walter Faber nicht nur als aktiven Verursacher, sondern auch, und das ist entscheidend, als einen Menschen, der die Existenz des Tragischen leugnet.
Die Tragödie erfährt noch eine Steigerung dadurch, daß Faber nicht auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann. Diese Ereignisse wandeln Walter Faber zu einem Menschen, der alles in Frage stellt, woran er bisher geglaubt hat. Er sieht die Natur jetzt nicht mehr als ein 100% ig mathematisch berechenbares Objekt an. Wichtig dabei ist, daß er sich, wie er viel zu spät in Havanna erkennt, nie auf die Natur eingelassen hat. Es ekelte ihn die "schleimige Sonne" des Dschungels in Guatemuala und das Gewimmel der Molche in den tropischen Tümpeln. Als der junge Künstler Marcel den "American Way of Life als Versuch kennzeichnet,das Leben zu kosmetieren", winkt er ab, doch am Ende seines Berichts hat er, man könnte sagen, eine Art Wutausbruch gegen eben diesen seinen naturfeindlichen Lebensstil:
"Klimbim, infantil, Reklame für Optimismus als Neontapete vor der Nacht und vor dem Tod". Während man am Anfang des Berichts Walter Faber als rationalen Menschen erlebt, der gerne fliegt, hat man am Ende einen Walter Faber vor sich, der "nie wieder fiegen" will und den "Wunsch hat Heu zuriechen" und "die Erde zugreifen".

Fazit:

Walter Faber wandelt sich im Laufe des Romans eindeutig. Natürlich weiß jeder, daß die Welt nicht beherrschbar ist und daß zur Totalität des Menschen mehr gehört als Technik; umgekehrt sollte er, wenn er von der Technik spricht, tunlichst wissen, wovon er redet. Faber ärgert sich nach unserer Meinung zu Recht über "Künstler, die sich für höhere oder tiefere Wesen halten, bloß weil sie nicht wissen, was Elektrizität ist". Dieser Zorn bzw. diese Verärgerung erhält gesamtgesellschaftlich spätestens dann seine Rechtfertigung, wenn man den unsäglichen Dilettantismus der Diskussionen über Tschernobyl oder Harrisburg und deren Folgen erlebt hat.


oben Autoren: Christoph Mädge, 11-1 und Alfred Blohm, Web: Kai Lahmann Datum: Mai 98 Letzte Änderung am 29. Juli 2004
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