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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften   Homo Faber   Faber erfindet seine Welt

Max Frisch: Homo Faber als Erfinder seiner eigenen Welt, Variation 3, Klasse 11-3 im Sommer 1999 mit Ulrich Schulz

Fabers Erfindung des menschlichen Körpers

Gruppe: Johannes Hausen, Oliver Frank, Steen Hargus, Nabil Elschami, Jan-Kristof Hohenstein.

  1. Fabers Auffassung von der Konstruktion des Körpers
  2. Fabers Verharmlosung seiner Magenbeschwerden
  3. Fabers Magenkrebserkrankung
  4. Fabers Verhältnis zur Sexualität
  5. Fabers Änderung der Einstellung zu seinem eigenen Körper

1) Fabers Auffassung von der Konstruktion des Körpers

Faber hält den menschlichen Körper für eine mögliche, aber nicht sehr solide Konstruktion, die aus einem sehr ungünstigen Material (HF: S.171 "Fleisch ist ein Fluch") besteht. Er hasst die Erscheinungen des Körpers, die er nicht kontrollieren kann ,wie z.B. Bartwuchs, Schweißausbrüche oder Magenbeschwerden. Er findet diese Erscheinungen eklig und möchte sie am liebsten abstellen. Er bekämpft diese Erscheinungen, indem er sich täglich rasiert und sich sehr häufig die Hände wäscht. Wenn er schwitzt, duscht er den ganzen Tag lang (HF: S.38 "Ich duschte mich von morgens bis abends, ich hasse Schweiß...") Auch gewisse Körperteile gefallen ihm nicht besonders, da sie für ihn unangenehm sind.

Dies sind seine Zähne, die er nicht mag, weil sie "verwittern"(HF: SW.171) und ständig neue Beschwerden mit sich bringen (HF: S.171 "Zahnstein, Granulom"). Auch seine Nase ist ihm lästig, weil sie in ungelegenen Momenten läuft und Bakterien ausstößt. Wenn er die Konstruktion des Körpers gerade noch akzeptiert, dann ist für ihn das Material dieser Konstruktion, Fleisch, absolut unbrauchbar. Es ist leicht verletzlich und schwer zu reparieren und bringt viele Probleme mit sich . Es ist also aus der Sicht des Technikers unpraktisch. Die ganze Fehlkonstruktion des menschlichen Körpers zeigt sich bei ihm durch das Auftreten des Magenkrebses, dem er hilflos ausgeliefert ist. Die Konstruktion des menschlichen Körpers, die Faber immer verfluchte, hat also gerade bei ihm versagt und ihm wohl den Tod gebracht.

 

Johannes Hausen


2) Fabers Verharmlosung seiner Magenbeschwerden

Faber, welcher nicht viel redet, durch seinen Beruf stark gestresst ist und sich nicht über seine Probleme äußert, sondern sie in sich hineinfrisst, ist für Magenkrebs stark gefährdet - was Faber aber nicht wahrhaben möchte.

Faber selbst ignoriert häufig seine Magenbeschwerden (HF S.10).

Er versucht, wenn er mal wieder seinen Magen spürt, für sich selbst Ausreden zu finden.

Entweder bildet er sich dann ein, dass es ihm nur an frischer Luft oder etwas Bewegung fehlt, oder es ist die Umgebung schuld, wie z.B. das Neonlicht am Flughafen (S.11)

Weiterhin hält Faber an der Illusion fest, dass er bisher nicht krank war (nur einmal Blinddarm; HF S.98f.) und deshalb auch in Zukunft nicht krank sein wird.

Und als er dann doch etwas Einsicht zeigt und sich vornimmt nicht mehr zu rauchen (S.11), damit die "lästigen" Magenbeschwerden verschwinden, tut er es kurze Zeit später doch wieder.

Und auch das Vorhaben in Paris zum Arzt zu gehen (HF S.89) scheitert, da Faber es einfach "vergißt" (HF S.99).

Als Faber dann aber im Krankenhaus liegt und weiß, dass er Magenkrebs hat, wird ihm auf einmal der Wert seines Lebens bewusst. Er sagt, dass er an seinem Leben hängt wie noch nie und auf jeden Fall noch leben möchte und wenn es nur noch ein paar Tage sind (HF S.198).

Faber spürt nun am eigenen Körper, dass die Technik von der er überzeugt war und für die er gelebt hat, nicht immer der Natur überlegen ist.

Faber verdrängt von Anfang an seine Magenbeschwerden, da er Angst vor dem Tod hat bzw. es nicht wahrhaben möchte, dass er sterben muss.

Schon die Begegnungen mit Professor O. (HF S.102ff, S.193) z.B. ruft bei Faber eine Vorahnung hervor, dass Krankheit und Todesnähe eine Veränderung der Persönlichkeit mit sich bringen (Herzlichkeit von Professor O.) und dass sein Technik-Ideal im Bezug auf das "Leben" hinfällig ist.

Da Faber aber diese Andeutungen nicht wahrnimmt oder sogar ignoriert, indem er keine Gemeinsamkeit mit Professor O. sieht und nicht mit ihm ins Café gehen möchte, sondern statt dessen mit Sabeth, dem dreißig Jahre jüngeren Mädchen, verreist, als wolle er seine Vitalität beschwören, besteht für ihn keine Hoffnung auf Rettung mehr, als der Magenkrebs diagnostiziert wird.

 

Jan-Kristof Hohenstein


3) Fabers Magenkrebserkrankung





Im gesamten Verlauf der Geschichte treten immer wieder, zum Ende hin häufiger, Magenbeschwerden bei Faber auf. Er weiß, daß eine Operation diesbezüglich nahe bevorsteht. Den Risiken der Operation sieht er eher gelassen entgegen, da er von Statistiken weiß, die eine hohe Überlebenschance voraussagen (HF S.164). Solch ein Vertrauen auf das Rationale wie Statistiken ist typisch für den technikorientierten Faber, der keinerlei Wert auf Gefühle legt und meint, dass er völlig gefühllos handelt (sprichwörtlich: nicht aus dem Bauch heraus handeln). Der todbringende Magenkrebs bei Walter Faber ist wie folgt deutbar: Faber verdrängte sein Leben lang seine Gefühle; als er nun die Liebe neu entdeckt, "beginnen die Irrtümer seines Weltbildes transparent zu werden, am meisten der Irrtum seiner Einsamkeit" ( Köpfe d. 20. Jahrh.S.72/ 73). Der Tod stellt eine moderne Form der Entsühnung dar, vorweggenommen in den letzten Zeilen, die Faber aufschreibt: "Verfügung für den Todesfall: alle Zeugnisse von mir wie Berichte u. Briefe sollen vernichtet werden, es stimmt nichts." (Köpfe d. 20. Jahrh.S.74/ 75) Der Magenkrebs steht in dem Buch als etwas noch nicht vollständig Erforschtes. Selbst die Technik, auf die Faber sein Leben lang vertraut hat, kann ihm gegen den Krebs nicht mehr helfen. Die Statistiken sind zwar vielversprechend, wann der Krebs sich jedoch wie auswirkt, entscheidet letzten Endes immer der Zufall. Faber verliert in diesem Teil der Geschichte den Kampf gegen die Natur.

Steen Hargus


4) Fabers Verhältnis zur Sexualität

Faber sieht den menschlichen Körper als "Schauplatz beängstigenden natürlichen Geschehens" Von aussen betrachtet findet Faber es absurd sich mit dem Unterleib zu paaren (Hain: S. 42/43). Faber ist verschreckt von dem Gedanken, wie Mann und Weib sich paaren.(HF S. 93)

"Der Unterleib, Sitz der Geschlechts- und Ausscheidungsorgane , widersetzt sich allen Bemühungen, den Körper zu zivilisieren und ihn mittels Hygiene und Kosmetik zu einem sauberen, keimfreien, anorganischen "Ding" zu machen"(Hain: S. 42/43).

Für Faber bleibt der Unterleib für die längste Zeit Ausdruck für das Unkontrollierbare des Körpers , für die "gefürchtete, triebhafte, unvernünftige Seite" (Hain: S. 42/43) in ihm.

Faber möchte sich nicht an seine erste sexuelle Erfahrung erinnern, denn mit ihr bringt er Unrecht und Betrug in Verbindung (es war die Frau seines Mathematiklehrers). Im Übrigen scheint er das Liebesspiel auch nicht gemocht zu haben ("Sie kam mir wie eine Irre oder wie eine Hündin vor!"; HF S. 99). "Erst in Kuba, als er bereits begonnen hat, sich mit dem in der Inzestliebe aufgebrochenen Teil seines Wesens auszusöhnen , ändert sich seine Haltung zur Sexualität, und er kann seine Begierde (HF S. 173) ohne Abscheu wahrnehmen" (Hain: S. 42/43).

Nabil Elschami


5) Änderung der Einstellung zu seinem eigenem Körper

Der Techniker Walter Faber ist insgesamt auf einem Weg der Wandlung. Dabei ändert sich auch die Einstellung zu seinem Körper. Auslöser hierfür ist unter anderem das zufällige Treffen mit seiner Tochter Elisabeth. Während er anfangs die Sexualität ablehnt und für absurd hält (HF: Seite 93: "Wieso gerade mit dem Unterleib? Es ist absurd, (...) geradezu pervers.") ändert sich seine Einstellung dazu langsam. Durch die praktizierte Inzestliebe mit Sabeth und seinen Gefühle zu ihr ändert sich die Wahrnehmung seiner Begierde. Er nimmt sie nun ohne Abscheu wahr. (HF: S. 173: " Meine Begierde- warum kommt sie nicht einfach?" ; S. 178: "Meine Wolllust, zu schauen- Meine Begierde- Vakuum zwischen den Lenden") Ihm ist es jetzt auch möglich, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Anfangs bezeichnet Faber sie nur als "Nervosität" und brachte sie nicht zum Ausdruck. Dies ändert sich, nachdem er seine Tochter getroffen hat. Durch sie hat er gelernt, seine Gefühle zu zeigen. (HF S. 181: " ... ich schaukle und lache. Ich schaukle und singe.")

Man kann also sehen, dass der technikorientierte Mensch Walter Faber langsam sich und auch seine Einstellung zum Körper ändert.

Oliver Frank


Literatur:

Eisenbeis, Manfred: "Lektürenhilfen - Max Frisch Homo Faber", Stuttgart 1987 Suhrkamp

Frisch, Max: Homo Faber, Fa M 1957 Suhrkamp

Hain, Hildegard: Lektüre Durchblick Homo-Faber, München 1995

Peterson, Carol:Köpfe des 20. Jahrhundert Max Frisch, Berlin 1978 Colloquium

Stäuble, Eduard: Max Frisch, St. Gallen 1971 Erker Verlag



obenKlasse 11-3 mit Ulrich Schulz Datum: Mai 99. Letzte Änderung am  30. Januar 2000
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