Das Dreieck - kunstgeschichtlich betrachtet

Die geometrische Grundform eines gleichseitigen Dreiecks kann sowohl Ruhe und Ebenmäßigkeit als auch Über- bzw. Unterordnung symbolisieren, wenn man das Verhältnis von Spitze und Basis betrachtet. Die Mittelsenkrechte auf der Basis teilt das Dreieck in zwei symmetrische Hälften. Dreiecke betonen meist die Bildfläche, können in Ausnahmefällen jedoch auch eine Tiefe andeuten. Vor allem in der kunstgeschichtlichen Epoche der Renaissance wurde die Form des Dreiecks von zahlreichen Künstlern, insbesondere im Hinblick auf die Darstellung religiöser Themen als Kompositionsfigur verwendet. In der durch die geometrische Form des Dreiecks verkörperten Klarheit sahen die Künstler ein hervorragendes Symbol zur Darstellung der göttlichen Dreifaltigkeit; es wurde zu einem der wichtigsten christlichen Bildzeichen der damaligen Zeit. Die wichtigsten Ereignisse aus dem Neuen Testament (Geburt und Tod Christi, Maria mit Kind, Kreuzigung) wurden häufig in einer von Dreiecken beherrschten Komposition dargestellt. Die Künstler hofften, damit die spirituelle Bedeutung des Themas zu verdeutlichen. So auch Raphael bei seinem Werk „Die Madonna im Grünen“ von 1505 (Öl auf Leinwand, 113 x 87 cm; Kunsthistorisches Museum , Wien), siehe Beispiel 2.2 a.
Mit der Figur des Dreiecks wird jedoch nicht nur ein religiöser Bezug hergestellt: Paul Cezannes Werk „Die großen Badenden“ (Öl auf Leinwand, 208,5 x 249 cm, Museum Of Art, Philadelphia; Teil eines Zyklus von Badenden, 1898 bis 1905) wird von einem gleichseitigen Dreieck mit Winkeln von 60 Grad bestimmt, das die im Vordergrund ihrerseits in zwei Dreieck-förmige Gruppen zusammengefassten Figuren sozusagen einrahmt. Das Dreieck wird hier nicht als religiöses Symbol eingesetzt, sondern es bringt eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck.
Gleich welche Absicht der Künstler durch den Einsatz einer Dreieckskomposition zu erreichen sucht, allen ist eine angenehm ausgeglichene Wirkung im Sinne eines „Ganzen“, einer harmonischen Ordnung, ebenso aber eine gewisse Statik gemeinsam. Durch kleine Abweichungen von der Dreiecksstruktur kann diese jedoch aufgelockert und eine Art Dynamik erzeugt werden. Zum Beispiel bringt die Verbindung mit einem gleichschenklig-spitzwinkligen oder von einem unregelmäßigen mit einem gleichseitigen Dreieck oftmals mehr Dynamik in die Komposition.