Erläuterung am Beispiel

In seinem Werk von 1505 ist die Heilige Maria mit Johannes, dem zukünftigen Täufer, und dem jungen Jesus dargestellt. Diese Gruppierung bildet als Dreieckskomposition das Zentrum des Bildes. Als Umgebung ist eine umbrische Landschaft zu sehen, ein See, sowie andeutungsweise Städte in den Hügeln am gegenüberliegenden Ufer. Jesu Mutter Maria beherrscht den Bildraum. Sie wirkt zugleich tröstlich und unerschütterlich durch ihre Haltung und Position innerhalb der vorliegenden Dreieckskomposition. Johannes der Täufer reicht seinem Vetter Jesus einen Kreuzstab, was als Vorausdeutung auf Jesu spätere Kreuzigung verstanden werden kann. Die heitere und gelassene Atmosphäre des Bildes wird hiervon jedoch nicht beeinträchtigt. Dadurch, dass Johannes bei der Übergabe kniet und leicht zu Jesus aufblickt, wird die biblische Bedeutung Jesu bereits umrissen. Die drei Hauptfiguren Maria, Jesus und Johannes sind in einer Komposition angeordnet, die aus mehreren Dreiecken besteht. Beherrscht wird sie von einem gleichseitigen Dreieck, dessen Spitze über Marias linkem Auge liegt. Die Basis verläuft entlang den untersten Enden der Gruppe, also der Füße der Kinder, Johannes` Knie bis hin zu Marias nacktem Fuß. Die Seiten B und C folgen im Wesentlichen, wenn auch mit kleinen Überhängen, den Körperkonturen Marias. Dadurch ist Maria die beherrschende, rahmende Figur des Bildes.
Sie beherrscht den Bildraum mit ihrer unerschütterlichen, tröstenden Präsenz. Die Kinder werden durch ihre Konturen eingeschlossen, eingerahmt. Durch ihre Blickrichtung und die leichte Körperdrehung wird die sonst etwas statische Wirkung des gleichseitigen Dreiecks dynamisiert. Nase, Stirn und Haarkranz liegen über dem Dreieck, so dass Maria eine erhabene, majestästische Wirkung erhält.
Aufgelockert wird das große gleichseitige Dreieck überdies sowohl durch die Verbindungen, die zwischen den beiden Kindern und Maria bestehen, als auch durch deren Verbindung untereinander. Bei der Verbindung von Johannes und Jesus durch ein spitzwinkliges Dreieck bleibt die Seite C erhalten, während die Basis durch die Seite B2 verkürzt wird. Sie verläuft von der Spitze des gleichseitigen Dreiecks an der Schulter Jesu vorbei, hinunter bis zu seinem rechten Fuß. Dies wird noch durch den Kreuzstab, dessen Verlängerung genau in der Spitze des gleichseitigen Dreiecks endet, unterteilt. Dies schafft eine Art Grenze zwischen beiden Kindern.
Die Blickrichtungen der beiden Kinder bilden ebenfalls bis zur Spitze ein unregelmäßig-spitzwinkliges Dreieck. Es betont ihre Beziehung untereinander (sie blicken sich so ernst an, als wüssten sie um ihre Bestimmung und ihre Zukunft), und bringt gleichzeitig Dynamik in die Komposition.