Erläuterung am Beispiel
Beispiel: „Der Maler im Atelier (Lob der Malerei)“ von Jan Vermeer van Delft, ca. 1665, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien

Besonders gut lässt sich die Bedeutung und Wirkung des „Goldenen Schnitts“ an einem Werk des Niederländers Jan Vermeer van Delft verdeutlichen. „Der Maler im Atelier“ zeigt einen Maler in spätmittelalterlicher Kleidung, der sein Modell porträtiert. Es stellt Clio, die Muse der Geschichtsschreibung dar (Trompete und einen Band aus dem Werk von Thukydides in den Händen). An der Wand ist eine Karte der Niederlande zu sehen, allerdings vor der religiösen Teilung im Jahre 1648.

Das Bild preist die Malerei - möglicherweise besonders jene v o r der Trennung des Landes. Das Bild strahlt eine faszinierende Ruhe aus. Alles scheint irgendwie geordnet zu sein. Das ist es auch: es ist eingeteilt in eine Liniennetz, das dem „Goldenen Schnitt“ folgt. Horizontal und vertikal verlaufen jeweils zwei Geraden parallel zu den Bildkanten, bzw. orientieren sich bestimmte Bildelemente an diesen imaginären Linien. (Siehe Abb. 4.2b). Interessant ist vor allem die Tatsache, dass van Delft die Ellenbogen des Malers genau auf eine der beiden waagerechten Geraden gesetzt hat; die den Maler zu stützen scheinen. Van Delft war nämlich der Ansicht, dass der „Goldene Schnitt“ die Stütze der Malerei sei. Sein Werk ist also in der Tat eine Hommage an die Malerei, insbesondere an ihre Vollkommenheit und Harmonie.