Christo - Der Reichstag






Der Reichstag in Berlin steht für viele Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte. Er wurde von 1884 bis 1894 unter Kaiser Wilhelm II für das Kaiserreich erbaut.
1918 wurde vom Reichstag aus die Republik ausgerufen und 15 Jahre später, 1933, war der Reichstagsbrand der Vorwand für die Nationalsozialisten, auf die Kommunisten Jagt zu machen. 1945 hisste ein Soldat der roten Armee die Fahne mit Hammer und Sichel vor dem Reichstag als Symbol für den Schlußstrich unter das "Tausendjährige Reich".
Die Idee, den Reichstag zu verhüllen, kam Christo 1971. Ein Freund aus Berlin schickte ihm eine Postkarte des Reichstags mit dem Vorschlag, diesen zu verhüllen. Die Idee stammt also ursprünglich gar nicht von ihm, er nimmt den Vorschlag aber an. Die Planungen begannen und man hoffte damals auf die Verwirklichung dieses Projekts im Frühling/Sommer 1973.
Die Absicht, die dahinter steckt, mit der Verhüllung auf den Reichstag aufmerksam zu machen, war 1972 die Ost-West-Beziehung. Christo hat durch seine Flucht aus Bulgarien noch eine tiefe Verbindung zum Eisernen Vorhang. Außerdem hat er schon seit 1958 Beziehungen zur deutschen Kunst- und Kulturszene gehabt. Sein erstgeplantes Projekt für Berlin war nämlich ein "running fence" entlang der Berliner Mauer, was jedoch scheiterte.
Im Frühjahr 1972 waren die ersten Zeichnungen fertig, doch die Politiker, besonders die CDU, stellten sich radikal gegen das Projekt. Sie sahen in der Verhüllung des Reichstags eine Verletzung des bedeutendsten historischen Symbols Deutschlands. Helmut Kohl holte sich in seiner Regierungszeit den Rat von Kunstprofessoren. Diese jedoch betrachten Christos Kunst als illegitim, weshalb auch Kohl gegen dieses Projekt stimmte. Wolfgang Schäuble meint, dass er Christos Kunst grundsätzlich sehr schätze. Seine Projekte seien Experimente, aber mit dem Reichstag, der nicht irgendein Gebäude sei, solle man keine Experimente machen. Rita Süssmuth dagegen war eine große Befürworterin der Verhüllung. Ihrer Meinung nach gebe Christo der Öffentlichkeit damit einen Anstoß, sich überhaupt mit diesem Gebäude auseinanderzusetzen. Die Regierung äußerte auch Bedenken wegen eines unkontrollierbaren Menschenauflaufs, aber ist so ein wichtiges öffentliches Gebäude nicht dazu da, Menschenmassen anzuziehen? fragt Christo.
Seit der Wiedervereinigung ist Christos Absicht, mit der Verhüllung des Reichstags auf die Ost-West-Beziehungen und den Eisernen Vorhang aufmerksam zu machen, ja weitgehend hinfällig geworden. Dieses und die Engstirnigkeit der Politiker halten ihn aber nicht von seinem Vorhaben ab, im Gegenteil, die Wiedervereinigung gibt Christo Hoffnungen, dass seine Verhüllung jetzt vielleicht doch noch genehmigt wird. Christo gibt im allgemeinen nämlich nicht so schnell auf, denn er besitzt die Grundvoraussetzungen, die er für seine Arbeiten in hohem Maße braucht: äußerste planerische Intelligenz, größte Zähigkeit und ungewöhnliche Überzeugungskraft.
Bis zur endgültigen Zustimmung des Bundestags zur Verhüllung des Reichstags vergingen seit der Idee 1971 nunmehr 23 Jahre. Am 25. Februar 1994 stimmten die Abgeordneten ganz knapp mit 292 Ja-Stimmen, 223 Gegenstimmen und neun Enthaltungen für die Verhüllung des Berliner Reichstags. Für dieses Ergebnis hatten Christo und Jeanne-Claude lange gekämpft. Allein in den Zwölf Monaten vor der Abstimmung hatten die beiden rund 250 Gesprächstermine in Bonn. Die Kosten für die Verhüllung des Reichstags belaufen sich auf etwa 8,5 bis 12 Millionen Mark. Christo wird jedoch, wie bei allen seinen Projekten, finanziell nicht unterstützt. Er beschafft das Geld indem er seine Zeichnungen, Collagen und Modelle verkauft.