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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften   Lyrik-Malerei

Natur und Stadt in Lyrik und Malerei, ein Projekt in Deutsch und Kunst, Klasse 10 F 1 Frühjahr 1999

22.2. - 8. Std. und 23.2. - 9. Std.

Im Kunstunterricht war inzwischen die "Toteninssel" von Böcklin besprochen worden. Zu diesem Bild sollten die SchülerInnen möglichst lyrische Texte verfassen. Diesmal stellten wir zunächst eine Materialsammlung zum Schreiben nach Anleitung zusammen, und zwar nach folgenden Anweisungen:

Wähle einen Standort, von dem aus du das Geschehen betrachten willst!

Halte Gegenstände/ Personen fest, die du von dem Standort aus genau siehst!

Ordne ihnen eine Farbe zu!

Finde einen Vergleich/ Vergleiche dazu!

Geht von den Gegenständen/ Personen eine bestimmte Musik aus?

Finde Metaphern!

Schreibe in Stichwörtern das Gefühl auf, das du an deinem Standort hast!

Der Text musste in Ich-Form geschrieben werden.

Die Stunde diente dem Textverfassen. Die Hausaufgabe war den eigenen Text zu überarbeiten und ihn schön abzuschreiben (weißes Papier, Rand und optische Gliederung).

Die meisten wählten das Boot als Standort, einige das andere Ufer oder die Insel selbst. Natürlich ist das Ergebnis keine veröffentlichungsfähige Lyrik. Aber die meisten begannen sich in eine Stimmung zu versetzen, Gefühle zu verdeutlichen. Offensichtlich schuf das Bild die nötige Distanz und Nähe zugleich, Gefühle konnten hier auch so verstanden werden, das eigene Innere nicht preiszugeben. Es bestand keine Schwierigkeit die eigenen Texte in der nächsten Stunde vorzulesen. Die Aufgabe den eigenen Text zu bearbeiten wurde nur bedingt ernst genommen, doch kann ein Beispiel zeigen, dass eine Verdichtung des Textes, in meinen Augen eine deutliche Verbesserung, dadurch erreicht wurde.

Gedichte zu Böcklins "Toteninsel"

Ein Beispiel für Materialsammlung, Erst- und Zweitfassung sei von Cordula Trebbin mitgeteilt.

Materialsammlung

Ich stehe vor den Bäumen (bei den Bäumen)

ich kann die Bäume (1) genau sehen, die Felsen (2) zum Teil, wenn ich mich umdrehe, sehe ich das Wasser (3) und das Boot (3a), aber ich kann im Boot niemanden erkennen, einige Fenster (4) in dem Felsen sehe ich auch noch genau, die anderen undeutlich.

(1) dunkelgrün, fast schwarz, dunkle Stämme

(2) hellbraun - beige - gelblich, sandfarben mit dunklen Einschlüssen

(3) dunkelblau - dunkelgrün, fast schwarz

(3a) hellbraun, unten weiß (am Kiel)

(4) gelbe Farbe wie Felsen

(1) Zypressen ragen auf wie emporgestreckte Hände/ Finger

(2) Felsen sehen aus wie eine Schutzmauer, wie hohle Hände, die etwas schützend umschließen

(3) wie eine dunkle undurchsichtige Glasscheibe (glatt)

(3a) Boot sieht aus wie eine Nussschale

(4) wie Fenster eines Hauses

(1) leise, traurig klingende Töne, die konstante Tonlage haben

(2) helle, fröhliche Töne, die die traurigen zu umschließen scheinen

(3) ruhige, dunkle Töne, die langsam verebben und neu beginnen

(3a) Klopfen, leise, nähert sich, klopfende Töne werden immer lauter

(4) wie singende Frauenstimmen, die aus dem Fenster tönen

(1) betend emporgestreckte Hände

(2) schützende Mauer

(3) glatte, undurchdringliche Glasplatte

(3a) in die Glasplatte sicher eingebettete Nussschale

(4) Fenster eines Hauses

Ich fühle mich von den Felsen um mich herum beschützt, die dunklen Bäume machen mir mit ihren klagenden Tönen jedoch Angst. Das Boot scheint schlechte Nachrichten zu bringen. Die Bäume wirken wie klagende und betende Geister, die unglücklich sind. Deshalb fühle ich mich dort unwohl. Die Felsen um mich herum wirken jedoch wie eine schützende Mauer. Ich fühle mich sicher wie in einem Haus. Die Fenster in den Felsen sehen aus wie Fenster eines Hauses, die einladend aussehen. Das ferne Boot auf dem spiegelglatten Wasser wirkt traurig und verloren.

Gedichte zu Böcklin, Die Toteninsel

Fassung I

Bäume machen mir mit ihren klagenden Tönen jedoch Angst.
Das Boot scheint schlechte Nachrichten zu bringen.
Die Bäume wirken wie klagende und betende Geister,
Die unglücklich sind. Deshalb fühle ich mich dort unwohl.
Die Felsen um mich herum wirken auf mich jedoch wie eine schützende Mauer.
Ich fühle mich sicher wie in einem Haus.
Die Fenster in den Felsen sehen aus wie wie die Fenster eines Hauses,
Die einladend ausssehen. Das ferne Boot auf dem spiegelglatten Wasser
wirkt traurig und verloren.

Fassung II


Bäume, wie betende Hände emporgestreckt, recken sich vor mir auf.
Felsen, die wie ein schützendes Haus wirken, umschließen mich.
Ich stehe dort und staune und lasse meiner Fantasie freien Lauf.
Die Fenster der Felsen werden zu Fenstern in Häusern,
Sie schweigen nicht.
Ein fernes Boot, einer Nussschale gleich,
Nähert sich langsam der Insel selbst.
Das Wasser, in dem es fährt, seicht,
Du von weitem für eine Glasplatte hälst.
Wenn ich meine Gedanken schweifen lasse, fern und ferner,
Und dann auf die Insel zurückkehre,
Merke ich, wie klein ich bin, wie machtlos und doch trotzdem
Bat (ich), mir Einblick zu gewähren.
Nun stehe ich andächtig, leise und stumm,
Bestaune alles um mich und schweige verzaubert.

Die Vielfalt der gewählten Standpunkte und Zugänge zu dem Bild mögen die Beispiele zeigen. Sie reicht von einer fast sachlichen Beschreibung über die Anwendung geübter Technik (Akrostichon) zur Wahl einer Rolle (Fährmann) bis hin zum Finden poetischer Bilder.

Bildbeschreibung


Vor mit liegt eine Insel
gelbe Berge außen,
grüne Zypressen innen,
davor ein Boot mit zwei Menschen,
eine weiße Gestalt,
eine braune Gestalt und
ein weißer Sarg.
Im Fels Graböffnungen,
dunkle Schächte führen
ins Innere - ins Unendliche.
Die Zypressen strecken ihre Zweige in den Himmel -
Frieden, Stille, Trauer
Erlösung, Ruhe, Geborgenheit.
Die Erfüllung meiner Träume.

Anja Malone

Die Toteninsel

Tiefe Stille, schwarze
Ohnmacht,
Trauer
Ein Ruhebett für Menschen;
Nicht für kurze Zeit, für
Immer.
Noch bin ich der Insel fern,
Spüre jedoch meinen Schatten langsam zu ihr wandern;
Einsamkeit begleitet mich auf dem nicht mehr
Langen Weg dorthin.

Kristina Scheske

Ich stehe am Ufer;
vor meinen Füßen ist eine Schwärze,
Etwas unergründlich Schweigendes.
Das Wasser ist so dunkel wie die Nacht.
Ich bin ängstlich.
Ich sehe einen Kahn,
ungestört von der Finsternis des Himmels.
Gestalten so weiß wie Kreide
Stechen in mein Auge.
Ich werde neugierig.
Ich sehe Klippen,
Umringt von schwarzem Gestein,
So spitz wie ein Messer.
Ich bin erschrocken.
Die Gestalten fahren geradeaus ins Ungewisse
Umschwirrt von ruhigen dunklen Tönen.
Ich bin abenteuerlustig!
Nehmt mich mit!-

Ramona Wenzel

Der Fährmann

Ein Fährmann des Todes bin ich
Die Toten zu ihrer letzten Rast bringend.
In mein Gesicht spritzt die Gischt.
Vor mir erhebt sich das steinerne Grab,
Eine Insel umringt von steinernen Riesen
Um die Toten zu hüten.
Dunkle Schatten fallen auf Zypressen,
Die wie spitze Dornen in den Himmel ragen.
Und in mir eine bodenlose Leere,
Die meine Gefühle verschlingt.
Ein weiterer Tag meines Lebens,
Die vielen Tage,
Denn ich bin der Fährmann des Todes.

Sebastian Mintner

Die Toteninsel


Rechts auf dem Felsen bin ich.
Ich sehe die Bäume rechts von mir.
Und die Grabkammern unter mir.
Dunkles, türkisgrünes Laub verdeckt die Baumstämme.
Gelblich beige Grabkammern auf einem sandig weißen
Untergrund, stellenweise verdeckt von trocknen Kräutern.
Ich lausche dem Gesang der Vögel,
Dem Knacken der vom Wind hin und her bewegten Bäume,
Dem dunklen Pfeifen des Windes
Und dem Echo, das es verbreitet.
Die mächtigen Riesen,
Die nur durch den Wind geweckt werden,
Bewegen sich im Rytmus des Luftzuges.
Und das kalte Haus der Ewigkeit
Steht einsam auf verlassener Insel.
Ich will hier weg!

Julia Borbus

Toteninsel

Ich stehe hier
Auf diesem Boot,
Unterbrach die Fahrt um zu sehen,
Zu sehen, wie sie kommt
Ihren Sohn zu Grabe zu bringen,
Engelsgleich, eine Madonnenfigur
Wie die Begleiterin zur letzten Ruhestätte
In ihrem weißen Gewand
Ich stehe hier und sehe
Die letzten Ruhestätten,
Gehauen in Fels,
Wie Fenster, die einen Blick
In die Ewigkeit gewähren.
Die dunklen hochaufragenden Zypressen,
Wie Finger greifen sie in den Himmel,
Als wollten sie einen begleiten,
Die Seele auf dem Weg zu IHM.
Die Madonna, begleitet von ihrem Diener.
Von ihr geht etwas aus,
Ich glaube es zu hören.
Helle glockenartige Töne,
Geformt zu einer zauberhaften Melodie.
Doch es kommt noch etwas hinzu,
Das gleichmäßige, dumpfe Aufschlagen der Ruder,
Erinnernd an die Trauer, die sie empfindet.
Ich stehe hier
Auf diesem Boot,
Unterbrach die Fahrt um zu fühlen,
Zu fühlen und die Atmosphäre aufzunehmen.
Ich fühle mich ruhig entspannt.
Ich habe Respekt vor der Frau,
Die so aufrecht und stolz ihre Trauer trägt.

Marion Kokerbeck

Ich stehe am anderen Ufer und sehe einen
dunklen grün-blauen Himmel vor mir, der
eintönige Töne von sich gibt.
Hohe schwarze Bäume ragen zu ihm wie
Türme; eine Nachtigall singt.
Die hell- braunen Felsen ruhen in sich und
tragen in ihrem Innern Grabkammern, die
wie schweigende Fenster erscheinen. -
Mein Blick wird nach unten gezwungen:
Vor der Insel befindet sich ein "badewannen-
artiges" Boot auf dem tiefen, dunklen
Wasser, aus dem tiefe dunkle Töne rauschen.
In diesem braunen Boot steht eine weiße
Person, die die ganze Dunkelheit zerreißt.
Aufrecht, zielstrebig.
Sie erinnert an eine Mumie oder an eine
erstarrte Statue.
Leise singt sie vor sich hin; ohne Angst.
Vor ihr liegt ein weißer Sarg, der immer lauter schweigt.
Plötzlich wird alles still -
Ruhe durchströmt mich -
Alle Gedanken lösen sich auf -
Alle Sorgen fliehen.
Es wird immer heißer im Herzen.
Nur das beklemmende, erdrückende
Gefühl bleibt:
Ich will da nicht hin!
Langsam beginnt eine Melodie zu spielen
und hört nie mehr auf, nie mehr.



obenKlasse 10 F1 Gisela Müller  Rolf Wyrwas  Datum: Mai 99. Letzte Änderung am 08. August 2002
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