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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften   Lyrik-Malerei

Natur und Stadt in Lyrik und Malerei, ein Projekt in Deutsch und Kunst, Klasse 10 F 1 Frühjahr 1999

lch war so glücklich

Ausflug


Mittsommertag.
Um sieben Uhr früh schon
Spritzen die Sprenger
Das glühende Pflaster.
Und um sieben Uhr früh
Bin ich unterwegs
Nach dem Bahnhofe.
Die schönste Rose, die zu erlangen ist
In der Stadt,
Eine mächtige Marschall Niel,
Kauf ich mir im Blumenladen.
Dass sie nicht welkt,
Umschlägt sie die Verkäuferin
Mit weißem Seidenpapier.
Und nun glänzt es
Durch die zarte Umhüllung
Wie schmelzende Butter.
 


Welcher Wirrwarr
Auf dem großen Bahnhofe.
An allen Schaltern Gedränge,
Viele Sprachen umtönen mich;
Rote Reisebücher stechen aus allen Händen.
In den Hallen und Sälen und Fluren
Wartende,
Sich Treffende,
Schwatzende,
Sich Durcheinanderschlingende,
Schupsende,
Entwirrende.
Und im Mittelbau
Wart auch ich,
Umbrandet
Von Menschenwogen.
Und meine Augen
Wandern immerfort wieder
Nach dem Haupteingange:
Jetzt, jetzt muss sie kommen.
Mit schrillem, durchdringenden Tone
Schlägt eine Uhr drei Viertel.
Nur noch sieben Minuten
Und - da ist sie, da ist sie.
Ihr gelbbraunes Jäckchen
Erkenn ich aus Tausenden.
0 Glück, ich fing dich, ich halte dich,
0 Tag, du bist so schön.
Rasch steckt die Rose
An der Brust des liebsten Mädchens.
Nun die Fahrkarten,
Und ins Coupé.
Dem Schaffner ein Trinkgeld
Wir bleiben allein.

Nicht fern unsrer Tür,
Steht der dicke, rotmützige,
Biergesichtige Zugführer.
Er spielt mit seiner elfenbeinernen Pfeife,
Sie ab und zu
An die Lippen bringend, in die Lippen setzend,

Ohne das Zeichen zu geben.
Er schielt zuweilen nach uns hin
Und lächelt,
Lächelt ein wenig maliziös,
Und gutmütig zugleich.
Hol' ihn der Kuckuck.
Jetzt gibt er den Befehl zur Abfahrt.
Endlich!
Die Lokomotive schreit.
Langsam setzen wir uns in Bewegung.

Haltepunkt um Haltepunkt verliert sich hinter uns.
Wir nähern uns dem Ziele.
Vorm Spiegel wird alles in Ordnung gebracht:
Ins zerzauste Haar
Die verloren gegangene
Und wiedergefundene Nadel geheftet,
Das Hütchen zurechtgerückt.
"Nichts vergessen?"
Und: "Bitt'schön, möcht'st du mir net g'schwind
Den Handschuh zumach'n?"
Wir steigen aus.
 


Arm in Arm, o die Seligkeit!
Im fremden Städtchen
Ist Jahrmarkt.
Wir besuchen den Trödel:
Wir reiten im Karussell
Auf Löwen und Schwänen;
Wir bestaunen die "Wunderdame";
Wir lassen uns fotografieren:
"Immer herein die Herrschaften;
In zwei Minuten ist alles fix und fertig.
Die Bilder sind herrlich;
Nur das linke Auge
Des Mädchens fehlt;
Statt dessen zeigt sich ein weißer Fleck
Erbsengroß.

(...)

Was geht den Frauen und Mädchen
Über "die Landpartie"?
Nichts .
Selbst dem kleinen Herzensintrabbringer,
Der sonst so zärtlich behandelt wird,
Wird dann der Rücken gekehrt.
Doch nicht ganz:
Am sanften Abhange,
Am Saume der Hölzung,
Ruhen wir.
Wohlriechender Wegerich,
Hundszunge und Ehrenpreis,
Zittergras und Salbei
Sind unser Teppich.
Goldamseln umhüpfen uns.
Und alles ist wie ein Traum.

(...)
 


Detlev von Liliencron, 1890

5.2. - 3. Std., 9.2. - 4. Std.

Statt der Besprechung der Hausaufgabe reagierte die Klasse mit Protest, Liliencrons Text sei zu gefühltsbetont und überhaupt kein Gedicht. Zunächst einmal sammelten wir die Merkmale eines Gedichtes, die die Schüler für unumgänglich hielten: Versmaß, Reim und Strophengliederung wurden genannt. Gegenübergestellt wurde, was in dem Gedicht anders ist. Somit konnte durch einen kurzen Lehrervortrag klargemacht werden, dass die Dichter um 1900 beginnen Normen bewusst zu verletzen. Der Begriff Naturalismus wurde nicht definiert.

Bei der Untersuchung des Verhältnisses von lyrischem Ich und Natur gelang es dann, das Interesse auf die Sache zu lenken, sodass schließlich eine hinreichende Interpretation des Gedichts erfolgte, die auch noch in der 4. Und 5. Std. fortgesetzt wurde. Dabei führten die Schülerinnen und Schüler mit der Referendarin Frau Grüger nochmals am 9.2. eine intensive Diskussion über ihr Lyrikverständnis.



obenKlasse 10 F1 Gisela Müller  Rolf Wyrwas  Datum: Mai 99. Letzte Änderung am 06. Februar 2000
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