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Die Natur als Erfindung des Menschen
Geisteswissenschaften   Goethe: Faust


Aula - Café zum Goethejahr , ein Projekt des Leistungskurses Deutsch, Jg. 12, 11.2.99

Bildungskanon im Mittelalter

Bildungskanon des Mittelalters

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

 

Im Rahmen des EXPO-Projektes "Liebe, Leiden, Wissenschaft" versuchte der Leistungskurs Deutsch das Universalgenie Goethe in seiner ganzen Vielfalt einem breiten Publikum vorzustellen. Grundlage unserer Arbeit war "Faust I", hieraus ist auch das oben genannte Zitat entnommen, in dem Faust seine wissenschaftliche Laufbahn kurz umreißt.

Genaugenommen hätte es ausgereicht, Faust spräche an dieser Stelle nur von seinem Theologiestudium, welches er absolviert habe. Der mittelalterliche Lehrplan baut, ganz im Gegensatz zum heutigen Schul- und Fächersystem, streng aufeinander auf. Die verschieden Fächer wurden nicht parallel unterrichtet.

Einer der gängigsten Lehrpläne des Spätmittelalters vergleicht den Werdegang des Schülers mit dem Besteigen eines Turmes, an dessen Spitze die Theologie steht. Der Schüler hat folglich jedes Stockwerk zu durchlaufen, um überhaupt die Befähigung zu erlangen, Theologie zu studieren!

Die Begründung dieses Systems läßt sich schon sieben Jahrhunderte früher bei Augustinensis (ca. *1090 -U 1130), ebenfalls Verfasser eines Lehrplanes, nachlesen:

"Unwissenheit ist das Exil, die Weisheit die Heimat des inneren Menschen [...]"

Der Weg von diesem Exil zur Heimat ist die Wissenschaft, die sich auf die natürlichen Dinge bezieht, während in den göttlichen die Weisheit betrachtet wird. [...] Nachdem man die freien Künste durchlaufen hat, gelangt man zur Heimat; das ist die wahre Weißheit, die in der heiligen Schrift aufleuchtet und in der Anschaunug Gottes ihre Vollendung findet..."

Der Lernende sollte also die Schöpfung Gottes, also seine Gegenwart, erst kennenlernen, ums sie dann als Gottes Schöpfung auch zu erkennen.

Um bis zur Theologie zu gelangen, musste der Schüler das geamte Wissen der abendländischen Welt, wenn es denn als solches von der Kirche anerkannt worden war, durchnehmen. Zuerst musste er die Schriftzeichen erlernen, um dann in die elementare Grammatik eingeführt zu werden, welche den Unterbau für alle Stufen des Turmes darstellt. Hiernach konnte er ein Stockwerk höher zur hohen Grammatik gelangen. Das nächste Stockwerk bilden Logik, Rhetorik und Arithmetik.1

Fast geschafft hat es der Schüler, wenn er ins nächste Stockwerk gelangt, in dem er in Musik, Geometrie und Astronomie unterrichtet wird.

Schließlich, über den weltlichen Wissenschaften thronend, folgt die Theologie.

Faust bringt hier also seinen Unmut darüber zum Ausdruck alles, aber auch wirklich alles, was an Wissen vorhanden war bzw. als solches anerkannt wurde, aufgenommen zu haben und dennoch seinem Ziel zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, keinen Schritt näher gekommen zu sein.

"Und sehe, daß wir nichts wissen können!"

/sup>In abgewandelter Reihenfolge sind die septem artes aufgenommen, das Trivium Grammatik, Rhetorik, Dialektik, das Quadrivium Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie.

Jonas Haase



obenLeistungskurs 12 Gisela Müller  [Dr. Dörte Haftendorn Datum: Februar 99. Letzte Änderung am 15. April 2000
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