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Sansibar

Eine Skulptur Barlachs als (sechste) Romanfigur

Einleitung

Lesender Klosterschüler"Sie saß klein auf einem niedrigen Sockel aus Metall, zu Füßen des Pfeilers schräg gegenüber. Sie war aus Holz geschnitzt, das nicht hell und nicht dunkel war, sondern einfach braun. Gregor näherte sich ihr. Die Figur stellte einen jungen Mann dar, der in einem Buch las, das auf seinen Knien lag. Der junge Mann trug ein langes Gewand, ein Mönchsgewand, nein, ein Gewand, das noch einfacher war als das eines Mönchs: einen langen Kittel. Unter dem Kittel kamen seine nackten Füße hervor. Seine beiden Arme hingen herab. Auch seine Haare hingen herab, glatt, zu beiden Seiten der Stirn, die Ohren und die Schläfen verdeckend. Seine Augenbrauen mündeten wie Blätter in den Stamm der geraden Nase, die einen tiefen Schatten auf seine rechte Gesichtshälfte warf. Sein Mund war nicht zu klein und nicht zu groß; er war genau richtig, und ohne Anstrengung geschlossen. Auch die Augen schienen auf den ersten Blick geschlossen, aber sie waren es nicht, der junge Mann schlief nicht, er hatte nur die Angewohnheit, die Augendeckel fast zu schließen, während er las. Die Spalten, die seine sehr großen Augendeckel gerade noch frei ließen, waren geschwungen, zwei großzügige und ernste Kurven, in den Augenwinkeln so unmerklich gekrümmt, dass auch Witz in ihnen nistete. Sein Gesicht war ein fast reines Oval, in ein Kinn ausmündend, das fein, aber nicht schwach, sondern gelassen den Mund trug. Sein Körper unter dem Kittel mußte mager sein, mager und zart; (...)." (42)

Diese Beschreibung einer Holzplastik findet sich in dem 1957 erschienenen Roman Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch. In einer Mischung aus personaler und auktorialer Erzählhaltung liefert diese Darstellung so viele objektive Details, dass man in ihr die Holzplastik "Der Lesende" bzw. "Der lesende Klosterschüler" von Ernst Barlach erkannt hat.

Wer sich einmal die Mühe macht, das Original bzw. eine Fotografie dieser Holzskulptur zu betrachten und die genannte Textstelle im Hinblick darauf zu prüfen, wird keinen Zweifel mehr daran haben, dass Andersch genau diese Barlach-Figur in seinem Roman gemeint hat.

Der "Lesende" ist, wie viele Plastiken Barlachs, vor der Vernichtung durch die Nazis bewahrt geblieben. Der Kunsthändler und Freund Barlachs, Bernhardt Böhmer, selbst Nationalsozialist, hat viele der als "entartet" gebrandmarkten Werke des Künstlers ins Ausland oder an private Interessenten verkauft. So auch den "Lesenden", der heute im Barlachhaus in Güstrow zu sehen ist.

Andersch hat dieser Holzplastik Barlachs eine zentrale Rolle in seinem Roman Sansibar gegeben, wobei der Künstler Barlach ungenannt bleibt. In Bezug auf die Thematik von Widerstand und individueller Freiheit nämlich sind die konkreten historischen Zuordnungen nicht von Bedeutung, wie wir im Folgenden auch im Hinblick auf den historischen Hintergrund des Romans sehen werden. Das Symbolische der Fiktion tritt so stärker hervor.

Die zentrale Rolle des "Lesenden" soll im Folgenden anhand der Romankonzeption und der Figurenkonstellation näher analysiert werden.

Andersch hat seinem Roman eine klare äußere Struktur gegeben, indem er nicht etwa die übliche numerische Kapiteleinteilung gewählt hat, sondern indem er einzelne Abschnitte den Hauptfiguren seines Romans zuordnet. So finden wir als Überschriften : "Der Junge", "Gregor", "Knudsen", "Helander", und "Judith", oder aber eine Kombination einiger dieser Figuren.

Hiermit sind bereits die Protagonisten genannt, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.

Der Junge

"Der Junge", dessen Namen wir nicht weiter erfahren, ist Sohn eines auf See verschollenen Fischers aus Rerik und Schiffsjunge auf dem Boot des Fischers Knudsen.

Sein sehnlichster Wunsch ist es, aus dem kleinen Fischerdorf Rerik herauszukommen, dessen Langeweile und Enge er entfliehen möchte. Er wünscht sich, auf große Fahrt zu gehen und "Sansibar" zu sehen, auf das sein Blick beim Betrachten einer Landkarte fällt. Diese im Romantitel genannte Insel ist Chiffre für Freiheit und Abenteuer.

Rerik

Knudsen

Knudsen ist Fischer und besitzt ein eigenes kleines Fischerboot. Wie einige andere Fischer Reriks ist er Kommunist und Mitglied der KP. Während sich die anderen jedoch unter dem zunehmenden Druck der Nationalsozialisten aus der aktiven Parteiarbeit zurückgezogen haben, kann sich Knudsen nicht entschließen, den Widerstand ganz aufzugeben. Obwohl er der Partei kritisch gegenübersteht, da sie die Machtergreifung der "Anderen" nicht verhindert haben, und obwohl er eine geistig nicht gesunde Frau hat, die er gefährden könnte, trifft er sich als letztes Mitglied der KP Reriks mit dem Instrukteur Gregor.

Gregor

Gregor, etwa 30 Jahre alt und junger K.P- Funktionär, kommt nach Rerik, um einen Parteiauftrag auszuführen. Zu diesem Zweck soll er sich mit Knudsen in der Georgenkirche der Stadt treffen. Gregor selbst will nach der Erfüllung seines Auftrages aus der politischen Arbeit "aussteigen" und versuchen, von Rerik aus ins Ausland zu fliehen. Er empfindet kritische Distanz zur Partei und ihrer Dogmatik, möchte aber auch ein neues, angstfreies Leben beginnen.

Judith

Judith ist Jüdin und gelangt nach Rerik, um von dort aus ins Ausland zu fliehen. Ihre körperlich behinderte Mutter hat sich das Leben genommen, um ihrer Tochter die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen und selbst dem Zugriff der Nazis zu entkommen. In einem Wettlauf mit der Zeit versucht die bis dahin sehr behütet aufgewachsene Judith nun ihre Flucht zu organisieren.

Helander

Helander, Pastor der Georgenkirche von Rerik, wird uns als Zweifler und Gottsuchender vorgestellt. Gerade in der Zeit des Terrors lebt er in der verzweifelten Hoffnung auf ein Zeichen für die Existenz Gottes. In seiner Kirche steht die Skulptur des "Lesenden", die von den "Anderen" beschlagnahmt werden soll. Helander will dies unbedingt verhindern und die Figur ins Ausland schaffen lassen. Er versucht, den Fischer Knudsen für seinen Plan zu gewinnen; dieser weigert sich jedoch standhaft. Helander selbst leidet an einer Kriegsverletzung und ist auf ärztliche Hilfe angewiesen. Seine Weigerung, die Holzplstik herauszugeben, würde für ihn die Internierung in ein Konzentrationslager bedeuten und damit den sicheren Tod.

"Der Lesende"

Der "Lesende Klosterschüler", auch einfach als "der Lesende" bezeichnet, erscheint in der äußeren Romankonzeption nicht als eigenständige "Romanfigur" in der oben genannten Form, (dass einzelne Romanabschnitte nach ihm benannt werden).

Anders jedoch sieht es im Hinblick auf die Gesamtkonzeption des Romans aus.

Zunächst einmal stellt der Klosterschüler die Figur dar, in welcher die verschiedenen Handlungsstränge zusammengeführt werden: Gregor wird bei seinem Treffen mit Knudsen in der Kirche auf die Holzfigur aufmerksam und erfährt durch Helander von der bevorstehenden Beschlagnahmung. Im Folgenden nimmt er sich dieses Problems an und bedrängt Knudsen, den lesenden Klosterschüler mit seinem Schiff außer Landes zu bringen. Als Gregor wenig später Judith kennenlernt, will er auch ihr zur Flucht auf Knudsens Boot verhelfen.

Im Zentrum der Handlung steht so der Transport der Holzfigur, zu dem die Protagonisten in ganz unterschiedliche Beziehung treten und für die dieser Transport unterschiedliche Bedeutung erhält: Möglichkeit zur Flucht (Judith, Gregor,der Junge) auf der einen Seite und Akt des Widerstandes gegen das totalitäre System auf der anderen Seite (Helander, Gregor, Knudsen).

Ein weiterer "erzähltechnischer Kunstgriff" des Autors lässt die Holzplastik Barlachs als eigenständige Figur dieses Romans erscheinen. In der Wahrnehmung der anderen Figuren nämlich erfährt der Lesende eine Personifizierung: So lesen wir z.B im Zusammenhang der Beschreibung des Lesenden Klosterschülers durch Gregor, eine Textstelle , die für das hier behandelte Thema von zentraler Bedeutung ist:

" Er (Gregor) durfte offenbar den jungen Mann beim Lesen nicht stören. " (42)

Ähnliches findet sich bei Helander, kurz vor dem Abtransport der Figur:

"Da drinnen sitzt er und wartet jetzt, dachte Helander, mein kleiner Mönch (..)." (98)

Diese Art der Wahrnehmung, die sich durch eine Vielzahl weiterer Textstellen belegen ließe, wird bei einem Zusammentreffen von Gregor, Helander und Knudsen in der Kirche sogar explizit:

" Sie standen die ganze Zeit, während sie miteinander sprachen, neben der Figur. Eigentlich sind wir zu viert, dachte Gregor. " (54)



obenAutoren: Klasse 10F2 Web: R. Bechstedt Datum: Frühjahr 98. Letzte Änderung am 14. März 2001
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