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Die Natur als Erfindung des Menschen
Entartete Kunst   Deutsch  


Sansibar

Darstellung des nationalsozialistischen Kunstverbotes im Roman

Die Romanhandlung ist in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt, die erzählte Zeit von etwa drei Tagen gehört in das Jahr 1937.

Obwohl der historische Rahmen, d.h. der Terror des Nationalsozialistischen Regiems konstitutiv für das Romangeschehen ist, hat Andersch doch (fast) jedes zeitgeschichtliche Vokabular vermieden. So werden z.B Begriffe wie "NSDAP", "Nationalsozialismus" und "Gestapo" an keiner Stelle als solche benannt, sondern als die "Anderen" und ihre Leute bezeichnet.

Diese Vermeidung der konkreten historischen Bezüge macht den Roman zu einer "poetischen Parabel von der Willensfreiheit und der Verantwortung des Menschen".

Namen und Bezeichnungen nationalsozialistischer Institutionen und Machtapparate sucht der Leser daher in der folgenden Textstelle vergeblich, ebenso wie die perfide Stigmatisierung moderner Kunstwerke als "Entartete Kunst".

"Ich soll sie (die Holzfigur) den Anderen abliefern. Sie wollen sie mir aus der Kirche nehmen. Sie muß nach Schweden in Sicherheit gebracht werden.

(...)

Sie können sich darauf verlassen, Herr Pfarrer, daß die Figur bei uns sorgfältig magaziniert wird, hatte der junge Mann aus Rostock gesagt. Helander geriet in Zorn, wenn er an den Besuch des jungen Herrn Doktor gestern abend dachte. Keiner von den Anderen, sondern ein Geschickter, Wendiger, ein Karrierist, der sich durchschlängelte, einer, für den es nur Taktik gab und der im übrigen >das Beste wollte<. - Sie wollen den >Klosterschüler< wohl konservieren, Herr Konservator, hatte Helander höhnisch geantwortet, es ist aber unnötig, ihn einzuwecken, er bleibt auch so frisch. - Wir wollen ihn schützen, Herr Pfarrer. - Sie wollen ihn einsperren, Herr Doktor. Er steht nun einmal auf der Liste, und wir haben den Auftrag . . . - Auf welcher Liste? - Auf der Liste der Kunstwerke, die nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden sollen. Und da ist es besser. . . - Der >Klosterschüler< ist kein Kunstwerk, Herr Doktor, er ist ein Gebrauchsgegenstand. Er wird gebraucht, verstehen Sie, gebraucht! Und zwar in meiner Kirche. - Aber begreifen Sie doch, hatte der alte junge Mann, der geduldig war wie ein Greis, erklärt, wenn Sie ihn nicht uns geben, holen ihn die Anderen übermorgen früh einfach aus der Kirche heraus. Und was dann mit ihm geschieht? - Vielleicht müßte man ihn vernichten? Vielleicht ist es besser, der >Klosterschüler< stirbt, als daß er - wie sagten Sie vorhin? - ach ja, als daß er magaziniert wird. Glauben Sie an das ewige Leben, Herr Doktor? Auch an das ewige Leben einer Figur, die gestorben ist, weil sie nicht ausgeliefert wurde? - Aber es war hoffnungslos gewesen. - Es wird sehr unangenehme Folgen für Sie haben, Herr Pfarrer, Folgen, vor denen wir Sie dann nicht mehr schützen können. Der junge Mann, der Taktiker, war unfähig, an etwas anderes zu denken als an das, was er >die Folgen< nannte. - Sagen Sie in Rostock, ich würde dafür sorgen, daß der >Klosterschüler< in der Kirche bleibt! - Der junge Mann hatte die Achseln gehoben." (28/29)



obenAutoren: Klasse 10F2 Web: R. Bechstedt Datum: Frühjahr 98. Letzte Änderung am 14. März 2001
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