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Die Natur als Erfindung des Menschen
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Oskar Schlemmer

Oskar Schlemmer wurde 1888 in Stuttgart geboren. Er stammte aus einer Familie des Mittelstandes. Der Vater, in wechselnden Berufen tätig, schrieb nebenher einige Lustspiele, die selten zur Aufführung kamen. Die Mutter war streng protestantisch, voller Pflichtgefühl und Ernst. Bei Kriegsausbruch hatte Schlemmer, wenn auch im geringem Maße, Anerkennung auch über regionale Grenzen gefunden.

Was ihn von seinen Kollegen wesentlich unterschied: die moderne Lehre hatte bei ihm keinen Widerhall gefunden. Er malte keine Heroen, keine Kampf- und Katastrophenbilder, keine üppigen Vollblutweiber und keine Abenteuer im fernen Westen. Schlemmer wurde von den Ereignissen an der Front und dem Einbruch der Moderne anders getroffen als andere Künstler seiner Generation. Er hatte sich immer um die Kontrolle der Natur und seiner Gefühle bemüht. Sein Ziel war es, die innere Zerrissenheit des modernen Menschen durch einen Gegenentwurf aufzuheben, in dem Geist und Materie sich in harmonischen, geometrischen Formen verbanden.

Gefühlsausbrüche waren und blieben ihm zeitlebens fremd. Er wird als zurückhaltend und stets auf Ausgleich bedacht beschrieben; ängstlich jemanden zu verletzen – und selbst verletzt zu werden. 1906 trat er in die Stuttgarter Kunstakademie ein und orientierte sich sieben Jahre später am Vorbild des Kubismus. Die abstrakten Formen erlaubten es, die Natur kontrolliert im Bilde nachzubauen. Da er von Kunst mehr erwartete, meldete er sich 1914 zum Sanitätsdienst, um Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Im Sommer 1915 wurde er verwundet und erhielt Urlaub bis zum Januar 1916. In diesen Monaten suchte er verstärkt nach einer Geistigen Grundlage für seine Kunst und seine Person. So liess er sich den Kopf kahlrasieren um von nichts beeinflußt zu werden. 1920 siedelte Schlemmer nach Weimar über, wo er im Bauhaus Wandmalerei und später Aktzeichnen unterrichtete. Nachdem Schlemmer das Bauhaus im Jahre 1929 verlassen hatte, ging er zunächst an die Kunstakademie in Breslau. Aufgrund einer Notverordnung der preußischen Regierung wurde die Akademie am 1. April 1932 geschlossen. Schlemmer nahm einen Ruf an die Vereinigten Staatsschulen für Kunst in Berlin an. Unter dem Druck der politischen Ereignisse wurde er dort im April 1933 zunächst zwangsweise beurlaubt, im August schließlich fristlos entlassen. Mit seiner Familie zog er sich auf ein Haus in der Nähe von Badenweiler zurück. Gedrückt von materiellen Sorgen mußte er ansehen, wie seine Bilder der Ächtung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fielen. 1940 fand er in einer Lackfabrik in Wuppertal Zuflucht. Ausgelaugt von materiellen Beschwerden starb er dort Anfang 1943.

Fünf Figuren

Dieses Gemälde wurde von Oskar Schlemmer im Jahre 1925 mit Öl auf Leinwand gemalt. Es hat ein Zusatztitel "Römisches", ist 97 x 62 cm groß und hängt bei den öffentlichen Kunstsammlungen im Kunstmuseum in Basel.

Hier zeigt Oskar Schlemmer typische Haltungen der Geschlechter während der schrittweisen Erkenntnis ihrer Bestimmung. Der karge Bauhausraum, "abstrakter Raum der Zukunft", wird zum Ort von weltlichen Initiationsriten.

Beginnen wir mit der weiblichen Rückenfigur draussen auf der Terrasse, die wohl nicht zufällig an jene des C. D. Friedrich erinnert. Oskar Schlemmer fühlte sich der mystischen Haltung des Romantikers verbunden. Diese junge Frau wendet sich also dem freien Himmel zu, der hier ganz sicher nicht das grosse Licht, sondern aufgrund seiner blaugrünen Färbung eher die Natur bedeuten dürfte.

Das lange, offene Haar dieser Figur lässt wohl auch den Schluss zu, sie sei noch nicht zurechtgemacht, um die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Dass auch diese Naturzuwendung nicht ohne Distanz ist, lässt sich am Terrassenboden ablesen: die junge Frau steht einige Meter vom Geländer entfernt, sie betrachtet die Natur aus einem gewissen Abstand.

Ganz anders verhält sich die zweite weibliche Figur innerhalb des Zimmers. Sie wendet sich dem Betrachter und den beiden jungen Männern im Vordergrund zu. Ihr Haar ist in Wellen gelegt, sie hat sich im Unterschied zu der anderen Frau zurechtgemacht. Ihr Blick geht geradeaus, ihre Hand liegt über dem Herzen. Sie macht den Eindruck, als hätte sie etwas erworben, das es bis zu dem Zeitpunkt zu bewahren gälte, da jemand sich ihr, sie selbst sich einem anderen zuwenden kann. Abwartend steht sie nahe der Tür, die nach draußen führt, die Beziehung zur Natur also keineswegs ganz ablegend. Das männliche Pendant zu der weiblichen Rückenfigur draussen findet man links vorne. Dieser junge Mann betrachtet freilich nicht die Natur, sondern ein Wand- oder Spiegelbild. Darin erscheint die fünfte Figur, auf die der Bildtitel verweist. Es ist nun bezeichnend, dass diese Figur an der Wand das Gegenüber eines Mannes ist, sei sie nun Spiegelbild oder Kunstfigur. Beschreiben wir nämlich die Figurationen des Bildes als die verschiedenen Stufen der Selbstfindung und Ausrichtung bei Mann und Frau, dann findet sich die Frau vor der Natur, der Mann hingegen vor seinem Ebenbild oder einem Idealbild, welches das Ergebnis seiner Selbstfindung vorwegnimmt. Schlemmer selbst ist diesen Weg gegangen, wie wir aus seinen Tagebüchern und seinem Werk wissen: aus dem archaischen Torso wurde im Spannungsfeld zwischen männlich und weiblich, Kunst und Natur, die kleine Figur in der "Komposition auf Rosa". Als Patron eines synthetischen Prozesses innerhalb der Familie erschien sie in der "Tischgesellschaft". Das Schema an der Wand in diesem Bild dürfte jenen Figuren wesensverwandt sein. Auch in manch anderen Gemälden Schlemmers taucht sie im Hintergrund auf. Die vorhin beschriebene Rollenverteilung zwischen Mann und Frau schliesslich entspricht der, die manch einer schon von der "Tischgesellschaft" kennengelernt hat. Der Frau kommt auch hier abwartende, bewahrende, sammelnde Funktion zu. Ihr Gegenüber ist nicht die Kunst, sondern die Natur.

Ist nun die männliche Rückenfigur schwarz gehalten, legt sie die rechte Hand auf die Schulter als Geste der Betroffenheit oder Konzentration, dann hebt sich die andere männliche Figur in Farbe, Gestus und Orientierung deutlich von ihr ab. Dieser Mann hat sich von seinem bildlichen Gegenüber abgewandt und schreitet nun nach rechts aus dem Bild, aus dem Raum der anderen heraus. Leuchtet er weiss auf, weil er seine Mission erkannt hat, wie Schlemmer sagen würde? Weil er jetzt seine Bestimmung, seinen Weg, seine Richtung kennt? Jedenfalls setzt ihn die Farbe Weiss nicht nur von seinem Vordermann, sondern auch von den beiden Frauen ab und gibt ihm in diesem Bild eine Sonderstellung. Rechnet man seine Körperhaltung und seine Ausrichtung mit ein, dann trennt ihn die helle Farbe vom ganzen Zusammenhang. Die anderen, so könnte man sagen, mögen irgendwann zueinander finden, auf ganz natürliche Weise. Der rote Boden verbindet sie. Dieser eine aber geht einen besonderen Weg, der ihn aus der Gruppe der anderen herausführt.

Solche Vereinzelung einer Figur ist allerdings in Schlemmers reifem Werk nur selten anzutreffen. Im allgemeinen ist er bemüht, die wechselseitige Ergänzung von einzelnen Figuren zu einer Gruppe, einer Gemeinschaft darzustellen. Hatte er doch auch das Bauhaus als Schule im weitesten Sinne verstanden. Nicht nur die künstlerischen Mittel zu einer Neugestaltung der Welt sollte es entwickeln, sondern auch neue Formen menschlichen Zusammenlebens und Zusammenwirkens.

Anton Abaschin Dominik Drozdowski



obenAutoren: Klasse 10L Mai 98  Letzte Änderung am 30. Januar 2001
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