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Das Lesetagebuch - eine Methode zur Bearbeitung von Lektüre am Beispiel von Jugendbüchern

5. Aufgabe: Schreibe eine Tagebuchseite über die Selbstmordgedanken der Mutter!

25. Juli 1908


Als ich heute aus der Schule kam, sah ich wieder einen Zettel auf dem Küchentisch, auf dem stand: „Leb wohl, mein lieber Junge!“ Sofort schmiss ich meinen Schulranzen in eine Ecke und jagte auf die Straße.
Wo konnte sie nur sein? Voller Angst hetzte ich auf die steinernen Brücken zu. Mein Herz hämmerte. Ich konnte nicht mehr, aber ich musste weiter, also zwang ich mich noch schneller zu laufen. Plötzlich stolperte ich und fiel in einen Passanten. Der schimpte wie ein Rohrspatz, aber ich rappelte mich hoch und lief weiter. Meine Tränen flossen unaufhaltsam. Meine Gedanken jagten sich gegenseitig in meinem Kopf: Wo ist sie denn nur? Werde ich sie finden können? Ist ihr etwas zugestoßen? Hat sie sich etwas angetan? Oder ist sie sogar von einer Brücke gesprungen? Werde ich es noch rechtzeitig schaffen?
„Mutti“, rief ich immer wieder. Aber sie war nicht zu finden. Doch auf einmal sah ich sie. Auf einer der Brücken stand sie. Regungslos und wie in Trance starrte sie auf das Wasser. Spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken von einer Brücke zu springen? Was würde aus mir werden? Ich kann ohne sie doch nicht leben!
Dann schrie ich ihren Namen, doch sie bewegte sich noch immer nicht. Ich packte und schüttelte sie. Meine ganze Verzweiflung wollte aus mir heraus. Ich weinte und schrie immer noch. Endlich erwachte sie. Erst jetzt bemerkte sie, wo wir waren und erschrak. Erst jetzt erkannte sie mich. Sie drückte mich fest an sich. Dann gingen wir nach Hause. Nach ein paar Schritten sagte sie: “Es ist schon wieder gut!“ Es war die schrecklichste Situation, die ich je erlebt habe.
Manchmal kommt es vor, dass ich sie nicht finde. Dann jage ich durch die Straßen, zu den Brücken und wieder nach Hause, um zu sehen, ob sie wieder da ist, wieder durch die Straßen und wieder zu den Brücken. Ich habe Angst, Boote zu entdecken, die mit Stangen nach jemanden fischen. Danach kehre ich immer verzweifelt und niedergeschlagen zurück. Ich werfe mich auf ihr Bett und weine, bis ich vor Erschöpfung einschlafe. Wenn ich aufwache, sitzt sie neben mir und streichelt meinen Kopf und sage: “Es ist schon wieder gut!“
Ich frage mich oft, was sie zu solchen Gedanken treibt. Ist es die viele Arbeit? Oder die unglückliche Ehe? Oder vielleicht, weil andere sie egoistisch oder kaltherzig finden? Aber das ist sie nicht! Sie blickt nicht nach rechts oder links, nur geradeaus und da bin ich. Sie liebt mich und nur mich. Da hat sie für andere nichts übrig.
Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann! Ich werde mich auf jeden Fall in der Schule anstrengen, damit sie auf mich stolz sein kann!! Vielleicht werde ich Herrn Dr. Zimmermann noch um Rat fragen, denn ich fühle mich mit meiner Angst um sie allein. Ich mache mir Sorgen, dass ich etwas falsch mache.

26. Juli 1908

Heute war ich bei Dr. Zimmermann. Er hat mir gesagt, dass meine Mutter überarbeitet sei. Wir sollten einmal Urlaub machen!! Ich hoffe so sehr, dass ihr das hilft



obenAutoren dieser Seite: Katharina Wiens und Müller .  Datum: Januar 99.  Letzte Änderung am 08. März 2000
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