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Das Lesetagebuch - eine Methode zur Bearbeitung von Lektüre am Beispiel von Jugendbüchern

4. Aufgabe: Schreibe eine Tagebuchseite über einen Weihnachtsabend mit seinen Eltern aus der Sicht des jungen Erich Kästner

25. Dezember 1909



Gestern war es wieder einmal so weit. Der Heilige Abend war gekommen und ich saß geduldig in der Küche und wartete darauf, ins Wohnzimmer gerufen zu werden. Wieder mußte ich meine Freude zerlegen, um beiden Eltern gerecht zu werden. Als ich endlich gerufen wurde, hatte ich Angst, Angst die Eltern zu kränken oder zu verletzen.
Die Kerzen des Weihnachtsbaumes brannten, die Geschenke lagen links und rechts vom Baum und an den Seiten standen Mutter und Vater. Beide strahlten übers ganze Gesicht.
Dann begann ich die Geschenke auszupacken, immer auf jeder Seite eines. Nach jedem Geschenk drückte ich meine Mutter oder meinen Vater. Vater schenkte mir einen Rollwagen mit Bierfässern, Klappleitern, Rädern, ein solides Fahrzeug mit Radachsen und auswechselbaren Deichseln, je nachdem, ob ich ein oder zwei Pferde einspannen wollte, mit Lederkissen fürs Abladen der Fässer, mit Peitschen und Bremsen am Kutschbock. Dieses Spielzeug war ein Kunstwerk! Im letzten Jahr hatte er mir einen wunderschönen Pferdestall gebastelt. Mit Krippen, Stallbesen, Haferkisten und natürlich Pferden mit echter Mähne und Schweif. Ich weiß, dass alles mit sehr viel Liebe angefertigt ist. Deshalb habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich Mutter ein bisschen mehr drücke als Vater. Von Mutter bekam ich Rollschuhe, Hanteln und Keulen für den Turnverein, einen Faustball für den Hof, Schlittschuhe, Wanderstiefel und einen Zauberkasten.
Wieder freute ich mich links - zur Freude meiner Mutter - und wieder rechts - zur Freude meines Vaters -. Nirgends zu viel und nirgends zu flüchtig. Es war eine Art Konkurrenzkampf aus Liebe zu mir. Ich tat uns Dreien zu Liebe so, als wisse ich von nichts. Aber manchmal denke ich darüber nach, ob es richtiger wäre, ihnen die Wahrheit zu sagen. Ob es etwas nützen würde, wenn sie wüssten, wie traurig ich eigentlich an so einem Weihnachtsabend bin? Gern würde ich auf all die Geschenke verzichten, wenn sie sich ein wenig lieb hätten. Dann müsste ich auch nicht dauernd ein schlechtes Gewissen haben und überlegen, ob ich einen von ihnen zu lange umarmt habe.
Dann verteilte ich meine Geschenke. Dem Vater eine Kiste mit fünfzehn Zigarren und meiner Mutter einen Schal. Ich gab meinem Vater die Zigarren zuerst, dann konnte ich, während er die Kiste mit dem Taschenmesser öffnete und sie beschnupperte, ein bisschen länger bei Mutter bleiben. Ich drückte sie heimlich, als ob es eine Sünde wäre. Ob Vater es wohl bemerkt hat?
Endlich holte mein Vater ein Portmonnee aus der Tasche, dass er im Keller geschnitzt und genäht hatte, hielt es Mutter hin und sagte: “Das hätte ich ja beinahe vergessen!“ Meine Mutter zeigte nur auf die eine Seite des Tisches, auf der für ihn warme Socken, lange Unterhosen und ein Schlips lagen. Es macht mich immer wieder traurig wie kaltherzig sich meine Eltern beschenken! Dabei ist Weihnachten doch ein Fest der Liebe! Aber ich weiß eigentlich genau, dass sie sich schon lange nicht mehr lieben. Wenn ich es ändern könnte, würde ich es ohne zu zögern tun! Ich weiß nicht, was ich tun könnte. Beide wollen, dass es mir später einmal besser geht, sagen sie. Also lerne ich. Sie sind zufrieden mit mir und lieben mich auch, nur ihre Beziehung zueinander wird dadurch nicht besser.
Anschließend gingen wir zu Onkel Franz. Wir aßen Stollen und Pfefferkuchen und tranken Kaffee und Rheinwein. Lina zeigte mir ihre Geschenke. Später probierten wir Weihnachtslieder auf dem Klavier zu spielen. Wie schön hätte es sein können, wenn nicht diese Kälte zwischen Vater und Mutter wäre.
Mein Vater genoss es, dass meine Mutter nicht das letzte Wort hatte, als Onkel Franz wieder einmal davon erzählte, wie meine Mutter ihre Brüder beim Vater verpfiffen haben soll, Kaninchen gezüchtet zu haben. Für meinen Vater war es das schönste Weihnachtsgeschenk der ganzen Welt! Meine Mutter verteidigte sich so gut sie konnte, doch gegen meinen Onkel war kein Kraut gewachsen.
Es fiel mir schwer, diese Situation zu ertragen.



obenAutoren dieser Seite: Katharina Wiens und Müller .  Datum: Januar 99.  Letzte Änderung am 08. März 2000
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