Archiv: Diese Seiten werden nicht mehr bearbeitet! 26.05.1998

Castor-Skandal wird in Paris von Jagd-Themen überstrahlt

Paris. Während in Bonn Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) zunehmend unter Druck gerät, kann ihre Amtskollegin in Paris - Dominique Voynet (Grüne), ungestört weiterregieren. Meldungen machte sie in der vergangenen Woche mit der Jagd auf Zugvogel oder einer Reform der Wasserwirtschaft - nicht aber mit den verstrahlten Atomzügen aus Deutschland und Frankreich. Drei Wochen nach Bekanntwerden des Skandals ist das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden. Unterdessen kündigte der Atomkonzern Cogema, der die Atomfabrik in La Hague betreibt, eine vollständige radiologische Kontrolle seines Verladeterminals in Valognes an. Dort werden die per Bahn ankommenden Behälter auf Straßen-Tieflader umgepackt. Auf den letzten 30 Kilometern nach La Hague besteht die Eskorte normalerweise aus einem Motorradpolizisten. Er sichert den Schwertransport - wegen Überbreite. Nicht nur bei La Hague haben sich die weitaus meisten Franzosen klaglos an die Atomanlagen gewohnt, aus denen sie billige Energie beziehen Das Land produziert etwa drei Viertel seines Stromes aus Kernkraft — in Deutschland ist es nur ein Drittel. Möglich macht dies ein breiter atompolitischer Konsens. Frankreichs Politik und Energiewirtschaft sind eng verflochten Der Strom-Monopolist Electricite de France ist staatlich, der Aufarbeitungskonzern Cogema ebenfalls samt seiner Transport Tochter Trans-Nuclemre Und die Bahngesellschaft SNCF sowieso Überwacht werden soll die sensible Branche von staatlichen Aufsichtsbehörden. Nur eine kleine Minderheit stellt dieses System in Frage Das sind etwa die Umweltorganisation Greenpeace oder die französischen Grünen, die den Ausstieg aus der Atomkraft fordern und in der Linksregierung von Premierminister Lionel Jospin das Umwertressort innehaben Doch ihre Ministerin Voy-net hat nicht die Macht zum radikalen Umlenken Bestenfalls kann sie ein wenig gegen den Filz angehen.Zwar sind Atomtransporte über Schiene und Straße vorerst gestoppt, aber selbst das bereitet den Verantwortlichen kein Kopfzerbrechen Die Lagerkapazitaten sollen für mehrere Jahre reichen.