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Exposystem Johanneum zur EXPO 2000 Alphabetischer Index

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Die Natur als Erfindung des Menschen
Jahr 2000   Pädagogischer Kongress   Workshops

Workshop 10: Hans-Wilfried Haase, Schule als Sinnstiftungsinstanz

Vorbemerkung 3. Kann die Schule Werte vermitteln?
1. Kritische Nachfrage zum Titel:"Sinnstiftungsinstanz" 4. "Wenn`s der Wahrheitsfindung dient..." Umgangsformen schaden nicht
2. Schule soll Wertorientierung vermitteln 5. Zusammenfassung

Vorbemerkung

Ob ich hier als Fachmann rede (wie in der Einladung versprochen wird), ist mir sehr fraglich. Vermutlich war dabei der Pastor als eine Art "professioneller Sinnstifter" im Blick. Und natürlich ist es so, dass ich als Pastor mit Sinnfragen zu tun habe. Ein ziemlicher Laie bin ich allerdings in Sachen Schule. Zu ihr habe ich nur noch in distanzierter Weise Kontakt gehabt: in meiner Rolle als Vater von drei Kindern. Meine eigene schulischen Erfahrungen liegen weit zurück. Ich habe die Schule erstmals 1950 betreten und sie 1963 verlassen. Ich habe noch Rohrstock und Ohrfeigen erlebt; es gab feste Klassenverbände bis zuletzt. Nur 5% eines Jahrgangs machte Abitur, und wer es geschafft hatte, konnte sich aussuchen, was er studieren wollte. Arbeitsplatzprobleme waren den angehenden Akademikern fremd. Ich kann also im Grunde nicht mitreden, wenn es um die heutige Schule geht.

1. Kritische Nachfrage zum Titel:"Sinnstiftungsinstanz"

"Schule als Sinnstiftungsinstanz" - das ist ein ziemlich großes Wort. Ich könnte es nicht einmal auf die Kirche anwenden. Wie viele der großen biblischen Gestalten sind dadurch geprägt, dass ihnen der Sinn ihres Lebens gerade zerbricht: Hiob, Jeremia, Elia. So etwas wie Glaube oder Lebenssinn kann kein Mensch herbeizaubern, auch kein Pastor oder Papst. Er ergibt sich oder nicht. Die Gründe bleiben uns verborgen. (In der Theologie redet man an dieser Stelle vom Wirken des Geistes Gottes, um diese Grenze des Machbaren zu markieren.) Als Theologe würde ich so etwas wie Sinnstiftung allenfals von Gott erwarten. Sein irdisches Bodenpersonal mag dabei manchmal förderlich sein und manchmal im Wege stehen, aber Sinn stiften kann es nicht. Erst recht würde ich dieses Wort nicht auf die Schule anwenden. Die Vermittlung von Sinn ist nicht pädagogisch methodisierbar. "Sinn" kann man nicht machen, man kann bestenfalls auf ihn hinweisen.

Weiter zur Rolle der Schule: Eine pluralistische Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass es in ihr eine ganze Reihe von unterschiedlichen Antworten auf die Sinnfrage gibt. Das unterscheidet sie von einer totalitären Gesellschaft, die den ganzen Menschen vereinnahmen will. Darum muss sich der Staat aus dem Bereich der sog. letzten Fragen, des Glaubens und der Religion heraushalten. Er muss diese Frage offen halten. Das geschieht in der Schule so, dass der Sinn des Lebens eben nicht Teil eines vorgegebenen staatlichen Lehrplans ist; stattdessen gibt es evangelischen, katholischen, jüdischen und hoffentlich bald auch muslimischen Religionsunterricht, in dem sich jede Konfession und Religion selbst definieren kann. Sie kann aber sehr wohl Rahmenbedingungen schaffen, unter denen die Sinnfrage wahrgenommen und behandelt werden kann. Dabei geht es nicht nur um Selbstvergewisserung und die eigene Identität, es geht zugleich um das Kennenlernen fremder Antworten und die Einübung toleranten Umgangs mit anderen Überzeugungen. Schule kann also nicht Sinn stiften wollen. Sie soll aber dazu anleiten, sich der Sinnfrage zu stellen und sie als eine elementare Frage des menschlichen Lebens wahrzunehmen.

2. Schule soll Wertorientierung vermitteln

Wenn nach Sinnstiftung gefragt wird, geht es allerdings häufig um eine viel bescheidenere Frage: die Frage nach der Vermittlung von Werten und Verhaltensnormen. Dazu eine Meldung aus den Frühnachrichten von heute: Nach dem Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge hat der Vorsitzende des Zentralrates der Juden gefordert, der Holocaust solle stärker im Schulunterricht thematisiert werden. Gemeint war das offensichtlich als eine Art Präventivmaßnahme: Die Jugendlichen müssen mehr über die grauenvolle Geschichte des Juden in Europa erfahren, damit sie künftig vor Antisemitismus bewahrt bleiben. Mich interessiert an dieser Meldung im Augenblick nur das Schema, das hier sichtbar wird. Es kommt in ähnlicher Weise an vielen Brennpunkten zur Geltung: Man nimmt in der Gesellschaft ein Problem wahr: Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz, Mangel an Zivilcourage, Ellenbogenmentalität usw. Und sofort heißt es: Was tut die Schule? Wird in der Schule das Richtige gelehrt? In der Schule werden die Verantwortlichen sofort zurückfragen: Wie sollen wir in der Schule alle Defizite aufarbeiten, die in der Gesellschaft entstehen, weil andere Instanzen versagen? Was geschieht eigentlich in den Familien?

Das ist sicherlich für uns jetzt die entscheidende Frage: Was kann die Schule leisten? Wo ist sie überfordert? Welche Rolle sollte die Vermittlung von Werten und Verhaltensformen in der Schule haben?

Zunächst eine allgemeine Anmerkung. Man sollte nicht von der Schule sprechen. Nach dem, was ich erlebe und höre, ist die Situation von Jahrgang zu Jahrgang, von Klasse zu Klasse, von Schule zu Schule, von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Wenn bei der Umfrage, die wir gerade gesehen haben, fast zwei Drittel angeben, sie hätten etwas gelernt, das über die Schule und Unterrichtsfächer hinausgeht; wenn dann von diesen zwei Drittel 58% angeben, dieses Mehr habe mit sozialem Verhalten zu tun - dann kan ja nicht nur alles schlecht gewesen sein. Also Vorsicht vor Schwarz-Weiß-Malerei! Es ist darüber hinaus nicht gut, wenn einfach der schwarze Peter zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen hin und her geschoben wird, um sich selber zu entlasten. Es wäre viel sinnvoller, man würde die Vermittlung von Werten und Verhaltensnormen als ein gemeinsames Problem ansehen, das jede Instanz und jede Institution an ihrer Stelle, mit ihren Möglichkeiten und inerhalb ihrer Grenzen wahrnimmt.

Welche Rolle sollte die Vermittlung von Werten und Verhaltensnormen in der Schule haben? Diese Frage ist derzeit erneut dringlich geworden, weil sie auf ein akutes gesellschaftliches Problem hinweist: Angriffe auf Ausländern, NS-Schmierereien, Missachtung der Menschenwürde, aber auch die alltäglichen Erfahrungen wie Anmache, Egoismus, Respektlosigkeit aller Art. Dahinter steckt die Angst, demokratische Grundtugenden könnten verloren gehen, die eine Gesellschaft lebensnotwendig braucht. Das Grundproblem ist allerdings nicht neu. Ich erinnere mich an eine Debatte um den Wert humanistischer Bildung; die Anfang der 60er Jahre die Gemüter erregte. Ich verdanke ihr das Thema meines Deutsch-Aufsatzes im Abitur.

Damals wurde ein höherer Stellenswert für die naturwissenschaftlicher Fächer eingefordert Ingenieure braucht das Land! Effektive Wissensvermittlung, Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Arbeitswelt waren angesagt. Wozu Goethe und Homer, wozu Latein? Andere widersprachen vehement und verwiesen auf die grundlegende Bedeutung humanistischen Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen. Später verschob sich die Fragestellung im Gefolge der 68er Ereignisse: Schule als Ort der Einünbung in gesellschaftsveraänderndes Handeln, in soziale Verantwortung; soziales Lernen, gemeinsame Suche nach Problemlösungen wurden wichtig. Heute droht offenbar wieder ein neuer Pendelschlag: Wissensvermittlung steht im Vordergrund oder auch die Technik des Lernens in einer explodierenden Wissenskultur.

Was brauchen wir in der Schule? Gewiss das Wissen, gewiss die geistigen Entdeckungsreisen, die einen weiten Blick und den weiten Horizont geben. Aber ebenso deutlich auch jene moralische Komponente, die in dem alten Begriff der Bildung enthalten ist oder mehr noch in dem alten Begriff "Weisheit".

In seinen Tagebüchern hat Dietrich Bonhoeffer 1943 auf die zurückliegenden 10 Jahre NS-Herrschaft zurückblickt. Er schreibt dort über die Dummheit. Für ihn ist sie kein intellektueller Mangel, sondern zuerst ein menschlicher Defekt. "Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind." Diese Dummheit sei nicht angeboren, sondern erworben. Sie basiere auf einem soziologisch-psychologischen Gesetz, das er so beschreibt: Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist der, dass unter dem überwältigenden Eindruck der Machterhaltung dem Menschen seine innere Selbststäandigkeit geraubt wird...Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es garnicht mit ihm selbst, mit ihm persönlcih, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat."

In diesem Zusammenhang ist mir eine Erinnerung wichtig, die ich meiner Großtante verdanke. Sie erzählte mir vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Es ist die Zeit, in der sich die Elite der deutschen Wissenschaft mit einem Manifest an die Öffentlichekti wendet und der ohnehin vorhandenen Kriegsbegeisterung eine geistige Legitimation verschafft. Meine Tante erzählte von den Soldaten, die vor ihrem Haus vorbeizogen: Musik, Blumen, jubelnde Menschen, die die Straße säumten. Und dann sagte sie: "Ich habe das nicht ausgehalten. Ich bin in mein Zimmer gegangen und habe geweint - ich hatte doch vier Brüder." Sie war das, was man gern eine "einfache Frau" nennt. Keine höhere Bildung, nur Volksschule. Aber sie hatte offensichtlich "Weisheit": Selbststaändigkeit des Wahrnehmens und Urteilens, Weitblick und Kraft einfacher menschlicher Gefühle.

Wir brauchen beides: Wissen und Wertorientierung. Beides kommt übrigens in dem alten Wahlspruch zur Geltung, dem das Johanneum verpflichtet ist: doctrinae, virtuti, humanitati!

3. Kann die Schule Werte vermitteln?

Wie aber werden Werte vermittelt? Gewiss nicht dadurch, dass man die Zehn Gebote auswendig lernt, das Grundgesetz und die Menschenrechte im Unterricht behandelt. Das ist sehr wohl auch nötig. Aber es gehört noch in den Bereich des Wissens. Indem man aber Normen kennt, sind sie noch nicht zu Werten geworden, die man für sich in Geltung setzt. Bekanntlich war einer der Leiter des KZ Auschwitz ein promovierter Germanist und Goethekenner. Tagsüber Verwaltung des organisierten Massenmords und nach Feierabend Goethe.

Forderungen und Erwartungen an die Schule kommen hier an die Grenze. Man kann Jugendlichen wissensmäßig vermitteln, dass man Mitmenschen nicht töten und verletzen soll. Aber ob man sie innerlich gewinnt, ob das zu ihrer eigenen Überzeugung wird, das hat man nicht im Griff. Ob sich Jugendliche sich bestimmte Überzeugungen und Werte aneignen oder nicht, das folgt schwer durchschaubaren Abläufen. (Entwicklungspsychologisch bedingte Abgrenzungsversuche spielen z.B. herein. Unter meinen Lehrern gab es viele Alt-Nazis und noch mehr Frontkämpfer. Die Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Idelogie trug natürlich auch Züge einer Vater - Sohn - Problematik. Aber das habe ich erst später begriffen. Ähnliches wiederholte sich, als die berühmten "68er" in die Jahre kamen.)

Nach meiner Erfahrung geht die größte positive Wirkung immer noch vom vorgelebten Vorbild aus. Das mögen Lehrer sein, Eltern oder Großeltern oder auch irgendwelche anderen Menschen - immer sind es einzelne Personen, die für das eigene Leben und die eigene Lebensorientierung ein besonderes Gewicht erhalten. Dabei geht es garnicht so sehr um die großen Ideale, die sie propagieren. Vielmehr ist es ihre Praxis, ihr Lebensstil, die Worte, die durch Taten gedeckt sind: in der Öffentlichkeit der vorgelebte Mut, das Aufbegehren gegen das Unrecht; im persönlichen Bereich die Zuwendung, das Zuhören und Raten, die Hilfsbereitschaft und Verlässlichkeit. Der das Vorbild tragende Lebensgrund wird dann spürbar und wirkt als Einladung. Werte und Normen werden also nicht durch Pauken eingetrichtert, sondern eher unscheinbar und indirekt durch poersönliches Vorleben. Manchmal braucht man dazu allerdings eine übermenschliche Geduld. Das soll nicht verschwiegen werden.

4. "Wenn`s der Wahrheitsfindung dient..." Umgangsformen schaden nicht

Anders sieht es aus im Blick auf die einfachen Regeln zwischenmenschlichen Umgangs miteinander, die berühmten Sekundärtugenden: Freundlichkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, ein Minimum an Respekt usw. Sie sind bekanntlich nach 1968 in Misskredit geraten. Die Äußerung eines Berliner Kommunarden, mit der er die Aufforderung kommentierte, sich vor Gericht zu erheben, ist fast zu einem geflügelten Wort geworden: "Wenn`s der Wahrheitsfindung dient..." Regelverstoß in kritischer Absicht! Mich hat es damals amüsiert. Wenn aber der Regelverstoß zur Regel wird und man vergebens nach einer kritischen Absicht forscht, gerät man in schwieriges Fahrwasser.

Umgangsformen schaden niemand! Ohne sie ist so etwas wie Unterricht nicht möglich. Sie sind nicht nur leere Formalismen, sondern drücken Achtung vor anderen Menschen aus. Ich denke, hier kann und sollte man einfordern und bestimmte Standards durchsetzen.

Schule ist hier in einer schwierigen Situation, weil sehr oft die Familien sich der Aufgabe der Erziehung in den einfachsten Umgangsformen entziehen. Die Folgen kenne ich aus eigener Anschauung im Konfirmandenuntericht. Da muss man dann manchmal schon zu pädagogischen Notwehrmasßnahmen greifen, um sich Gehör zu verschaffen. Man kann die Situation beklagen, aber das hilft nicht weiter. Man muss sich der Realität stellen. Wichtig wäre es, in solchen Fragen einen Minimalkonsens zu gewinnen, der alle umfasst, die mit der Aufgabe der Erziehung befasst sind. Wichtiger aber ist ein Konsens im Kollegium einer Schule. Was fordern wir ein? Wo sind die Grenzen des Tolerablen?

5. Zusammenfassung:

Schule ist nach wie vor ein zentraler Ort der Vermittlung moralischer Normen. Dies ist nicht dem Anspruch nach so, sondern geschieht auch de facto, wie nicht zuletzt die vorgeführte Umfrage unter Schülern und Schülerinnen ergab.
Hier ist allerdings eine dreifache Stufung zu beachten:
  1. Sinnstiftung kann nicht das Ziel pädagogischen Handelns sein. Die Schule soll aber der Ort sein, wo Sinnfragen thematisiert werden können.
  2. Werte und Normenwerden an der Schule vermittelt, aber kaum als unmittelbarer Inhalt von Lehrplänen, sondern eher indirekt durch den vorgelebten Denk- und Lebensstil, durch das Vorbild. Die personale Ebene spielt hier eine entscheidende Rolle.
  3. Bestimmte Verhaltensstandards sollten durchgesetzt werden, wo immer möglich. Dabei ist ein Konsens von Schule, Kollegium und möglichst weiten Teilen der Elternschaft unerlässlich.



obenAutor: Hans-Wilfried Haase Datum: Februar 2000. Letzte Änderung am 07. März 2001
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