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Chronik   Hervorragende Schüler  Carl Peters

Der Fall Peters 1891/92


I. Die Persönlichkeit von Carl Peters

Der "Fall Peters", der sich auf Ereignisse der Jahre 1891/92 bezieht, ist ohne eine Gesamtbetrachtung der Persönlichkeit von Carl Peters nicht zu verstehen. Die Doppelnatur seines Charakter kann man einerseits beschreiben als: im Umgang gemütlich, humorhaft, "den guten alten Nietzsche am Kilimandscharo lesend". Zur "gemütlichen" Seite gehört auch seine Religiosität. Er spricht von seiner Demut vor Gott, von Wehmut und Mitleid mit sich selbst (!) und lässt sich in manchen Momenten zu rührseligem Schluchzen hinreißen. Echtes Schuldbewusstsein oder Selbstkritik findet sich aber bei Peters nicht. Seine "andere" Seite zeigte sich schon während der Schulzeit. Seine Lehrer wünschten ihm zum Abitur, das er in Ilfeld (Harz) ablegte, es möge "sein Glaube, ein Genie zu sein, recht bald erschüttert werden". Peters neigte offensichtlich zu Selbstüberschätzung und war mit einem übersteigerten Geltungsbedürfnis ausgestattet. Getrieben von Ehrgeiz und persönlichem Machtstreben pflegte er nach seiner Rückkehr nach Berlin 1883 im Konservativenclub mit Sporen und Peitsche zu erscheinen, ausgestattet mit dem Sendungsbewusstsein, seinen Namen "tief in die Weltgeschichte einzumeißeln". Dahinter steckte das verdrängte Minderwertigkeitsgefühl eines sich gegenüber dem Britischen Empire als zweitrangig einstufenden Deutschen. Herbert von Bismarck, der im auswärtigen Dienst tätige Sohn des Reichskanzlers, empfand Peters als "ganz üblen Burschen" und "phantastischen Tölpel" (Zitate nach Ulrich Wehler).

II. Sein Weltbild

Dass jedem Erdenbewohner ein harter Kampf ums Dasein bestimmt sei, war eines der Grundprinzipien in Carl Peters' Weltanschauung. Allerdings seien die Rassen mit unterschiedlichen Fähigkeiten dazu ausgestattet. Obwohl er den Begriff der Rasse noch eher im Sinne von "Volk" verstand, waren seine Anschauungen zum Teil rassistisch. Jede Rasse habe einen eigentümlichen Charakter. Die Afrikaner z.B. seien "von Gott zur Roharbeit" geschaffen, hätten aber kaum ein Bedürfnis nach Arbeit. Er klassifiziert sie als "subspezies". Den Deutschen attestierte er einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber anderen Völkern, einen sentimentalen Provinzialismus und eine Art Unreife, denn sie hätten ihre Bestimmung als "Herrenvolk" noch nicht erkannt. Rassenvermischung sah er nur in begrenztem Umfang als nützlich an. Er hielt eine verweichlichende Sentimentalität gegenüber Afrikanern, die sich durch eine übermäßige Lektüre von "Onkel Toms Hütte" gebildet habe, für unangebracht. Obwohl er die "blutdürstigen Despotien" der Stammesfürsten vor der europäischen Eroberung verurteilte und die Sklaverei ablehnte, setzte er sich für eine staatliche Arbeitspflicht für Eingeborene ein, was sogar in der "Deutschen Kolonialzeitung" auf Widerspruch stieß. Peters hat sich aber auch nicht in besonderer Weise als Vorkämpfer gegen die Sklaverei hervorgetan. Erwähnt sei aber das Antisklaverei- Abkommen mit Häuptling Mwanga von Uganda vom März 1890.

III. Verhalten gegenüber Eingeborenen

Peters' Verhalten gegenüber Eingeborenen zeigte sich bereits auf dem Rückweg der Usagara- Expedition im Dezember 1884. Gereizt durch die für ihn unerträgliche Hitze, Fieberanfälle, Proviantknappheit und eine Wunde am Fuß ließ sich Peters von 4 Eingeborenen tragen. Als diese zwei Mal die Trage fallen ließen, benutzte Peters die Peitsche und bedrohte sie mit dem Revolver. Während der Emin- Pascha- Expedition am 10. 6. 1890 wagte ein Angehöriger des Stammes der Gogo , den Weißen beim Frühstück im Zelt zuzuschauen und dabei zu grinsen. Peters war so empört, dass er ihn mit der Nilpferdpeitsche schlagen ließ. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Gogo. Im Oktober 1891 führte Peters als "Reichskommissar" einen Kriegszug gegen die Warambo, bei dem viele Menschen getötet und 17 Dörfer , sowie Bananenplantagen und Getreidelager zerstört wurden.

IV. Der "Fall Peters" 1891/92

Der "Fall Peters" bezieht sich auf zwei Todesurteile, die Peters 1891 und 1892 an Eingeborenen vollstreckte, was ihm später auch den Beinamen "Hängepeters" einbrachte. Im April 1892 erhielt von Soden, der deutsche Gouverneur von Ostafrika, einen Brief des anglikanischen Missionars Smythies, in dem dieser von zwei durch Peters vollstreckten Todesurteilen berichtete. Von Soden begann mit der Untersuchung dieser ihm unbekannten Vorfälle und informierte die Reichsregierung. Die spätere Rekonstruktion ergab folgendes Bild: Peters hatte seinen Diener Mabruk nachts zusammen mit dem Dschagga- Mädchen Jagodjo in einem Zimmer angetroffen. Sie war eine von Peters' Konkubinen, die ihm die Stammeshäuptlinge der Umgebung zum "Geschenk" gemacht hatten.
Peters und sein Diener Ramassan 1894
Peters und sein Diener
Ramassan 1894
Am 19.10. 1891 wurde Mabruk durch eine dreiköpfiges Kriegsgericht, in dem Peters selbst den Vorsitz führte, wegen nächtlichen Einbruchs und Vertrauensbruchs, wodurch das Leben von Weißen bedroht gewesen sei, zum Tode durch Erhängen verurteilt. Die zunächst geflohene Jagodjo wurde wieder gefangen, wie zwei weitere Eingeborenenmädchen mit menschenunwürdiger Auspeitschung hart bestraft und als angebliche Anführerin einer Verschwörung gegen die Kilimandscharo- Station am 5. 1. 1892 zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Anfang April marschierte Peters zur Küste und begab sich auf eine Reise nach Kapstadt. Von Soden kam zur Überzeugung, dass diese Todesurteile unrechtmäßig gewesen waren, da Peters sie aus gekränkter Eitelkeit und Rachsucht verhängt habe.
Obwohl das auswärtige Amt der Ansicht von Sodens zustimmte, wollte man den "Fall Peters" nicht an die große Glocke hängen. Von Soden protestierte und quittierte 1893 den Dienst. Peters wurde 1894 erneut zum "Reichskommissar zur Verfügung des Gouverneurs von Deutsch- Ostafrika" - allerdings ohne Aufgabe- ernannt. Als der "Fall Peters" 1895 und 1896 von der SPD im Reichstag aufgegriffen wurde (noch einmal 1897), versetzte Reichskanzler Fürst Hohenlohe den Reichskommissar in den einstweiligen Ruhestand und leitete 1896 ein Diszilinarverfahren ein. Die Kammer des Disziplinargerichts für Kolonialbeamte hielt am 24.4. 1897 Peters zwar nur teilweise eines Dienstvergehens für schuldig, sprach aber die Dienstentlassung unter Verlust von Titel und Pension aus. In der Berufungsverhandlung am 15.11. 1897 ging der Kaiserliche Disziplinarhof noch weiter, befand Peters in allen Punkten des Dienstvergehens für schuldig und verwarf seine Rechtfertigungen als nicht stichhaltig. Noch bemerkenswerter war die Aussage in der Urteilsbegründung, auch die Verdienste des Angeklagten könnten die Verletzung der Wahrheitsliebe, der Gerechtigkeit und des Anstandes nicht aufwiegen. Peters rechtfertigte die beiden Todesurteile in seinem eigenen Beitrag "Der Fall Peters" (Gesammelte Schriften) mit dem Kriegrecht und dem Belagerungszustand, in dem die deutsche Station am Kilimandscharo gestanden habe. Eine persönliche Schuld erkannte er nicht an. Er habe eben ein "temperamentvolles und offenes Wesen", seinen Trotz und seine Willensstärke. Das Ende seiner Laufbahn schrieb er den bösartigen Intrigen und Racheakten politischer Gegner, Konkurrenten und Neider zu. Dass der Kaiser ihm 1905 auf dem Gnadenwege seinen Titel als Reichskommissar wiedergab und ihm 1914 sogar eine Pension zubilligte, betrachtete Peters als Rehabilitation. Es waren aber erst die Nationalsozialisten, die 1937 das Urteil von 1897 aufhoben, Peters als Nationalhelden glorifizierten, seiner Witwe eine Rente gewährten und Straßen nach ihm benannten. So erhielt auch Lüneburg 1937 eine "Karl Peters Straße". (Das Johanneum setzt sich für eine Umbenennung der "Karl Peters Straße" in "Hermann Jacobsohn Straße" ein. Siehe unter Hermann Jacobsohn)
Literatur: Wehler, Hans- Ulrich: Bismarck und der Imperialismus, Berlin 1969
Schneppen, Heinz: Der Fall Peters: ein Kolonialbeamter vor Gericht, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49, 2001, 10 Berlin , S.869- 885


nach obenAutor und Web: Gerhard Glombik, Datum: März 2004. Letzte Änderung am 13. April 2004
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