Informationssystemsystem Johanneum Lüneburg Dr. Dörte Haftendorn
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Bernhard Riemanns Schulzeit am Johanneum zu Lüneburg

Aus Anlaß der 600-Jahr-Feier des Johanneums im September 2006 hat die Autorin einen Aufsatz verfasst, den sie auf einer
neuen Riemann-Site
im Web zugänglich macht.
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Der Aufsatz ist in der Schrift "Hervorragende ehemalige Schüler des Johanneums" von Gerhard Glombik erschienen.
Am 11. 9. 06 hielt sie um 19:30 Uhr am Johanneum einen öffentlichen Vortrag über Riemann   
Einladung zu dem Vortrag
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Diese Seiten sind entstanden für eine Veröffentlichung der Mathematischen Gesellschaft in Göttingen, die im Frühsommer 1999 ein Heft mit dem Schwerpunkt Riemann herausbringen will.
In diesem Blatt dürfte es kaum nötig sein, im Allgemeinen auf die überragende Bedeutung Bernhard Riemanns einzugehen. Neben seinen mathematischen Werken haben auch viele Quellen zur Erhellung seines Lebens und privaten Schicksals Eingang in die Gesamtausgabe gefunden, die 1990 von Narasimhan [GA Nar] besorgt wurde. Auf sie werde ich mich teilweise beziehen. Mein Ziel ist es aber vor allem, die schwer zugänglichen Informationen aus der Schulgeschichte des Johanneums für Riemanns Biographie zu erschließen. Es lässt sich zeigen, dass die schulische Situation in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich günstig für ihn war. Das Bild zeigt ihn wohl etwa als Abiturienten. [GA]

Das Hannoversche Wendland ist auch heute noch ein dünn besiedelter Landstrich, der die wendische Siedlungsform des Rundlings lange bewahrt hat. In einem solchen sehr kleinen Dorf, Breselenz am Rand des Höhenzuges Drawehn, kam Bernhard Riemann am 17. September 1826 als das zweite von sechs Kindern des Pastors zur Welt. In früher Kindheit brachte er den seine Kinder unterrichtenden Vater und später einen extra für Mathematik engagierten Hauslehrer an die Grenzen ihres Verständnisses. [GA Ded]. Obwohl der Vater inzwischen ein Pfarre in Quickborn in unmittelbarer Nähe des Städtchens Dannenberg innehatte, war eine höhere Schulbildung auch dort nicht möglich. Ein Gymnasium ist in Dannenberg erst in den 70-iger Jahren unseres Jahrhunderts entstanden. Zu Riemanns Jugendzeit in der Elbmarsch und in Lüneburg haben A. und D. Laugwitz [Lau] einen bebilderten Artikel auf Englisch verfasst.
Landkarten

Nach seiner Konfirmation Ostern 1840 wurde der begabte Junge zu seiner Großmutter, einer Hofratswitwe, nach Hannover geschickt, damit er dort die Tertia des Lyceums besuchen konnte. Dedekind [GA Ded], der die Korrespondenz mit der Familie ausgewertet hat, berichtet von besonderes innigen familiären Bindungen. Der Anschluss an fremde Menschen fällt dem jungen wie später auch dem älteren Riemann schwer.

In unserem Zusammenhang ist interessant, dass sein Mathematiklehrer zunächst verstimmt ist, dass der Schüler ihn fachlich berichtigen konnte, dann aber sein Können akzeptieren lernt und ihm "ein besonderer Freund" wird, wie Schering in seiner Gedächtnisrede erwähnt. [GA Scher]. Schering schätzt es als günstige Fügung ein, dass Riemann nach dem Tod der Großmutter an das Johanneum in Lüneburg wechselt.

Lüneburgs Geschichte ist geprägt von dem Reichtum, den die Stadt in Mittelalter und Renaissancezeit durch Gewinnung und Verkauf von Salz erlangte. So konnte sich die Bürgerschaft schon im Jahre 1406 von der Vorherrschaft von Klerus, Kloster und Herzog emanzipieren und unter der Schirmherrschaft der Stadtkirche St. Johannis eine eigene Schule, das Johanneum, gründen. Unsere gründliche Kenntnis der Schulgeschichte ist der Festschrift zum 500-jährigen Bestehen zu danken, in der das 19. Jahrhundert vom Direktor Dr. Nebe dargestellt wird. [FS Neb] Er schildert anschaulich die Bemühungen von Stadt und Schulaufsicht, den Lehrkörper nicht nur zu verjüngen, sondern vor allem mit gut ausgebildeten Lehrern auszustatten. Bis dahin gab es nicht eigentlich den Lehrberuf. Alle Fächer wurden von Theologen unterrichtet, die oft baldmöglichst eine Pfarre annahmen.

Diesem Übel abzuhelfen wurde 1823 der junge und überaus tüchtige Dr. Karl Haage aus Gotha berufen. Dank seines engagierten Wirkens blühte die Schule auf.

Er initiierte auch ein neues Gebäude, da das alte "zu eng und dumpf geworden" und keinen Raum bot "für ein Naturalien- und physikalisches Kabinett, wie es auf Dauer nicht zu entbehren sei." In Haages Zeit fiel 1829 die Neuorganisation des gesamten hannoverschen Schulwesens mit Einführung einer Schulbehörde und von Maturitätsprüfungen. "Es wurde ihm (Haage) die 'außerordentliche Freude und Genugtuung', dass die Arbeiten der Abiturienten des Johanneums bei der ersten Maturitätsprüfung die besten waren und dass bei der ersten Visitation der Schulrat Kohlrausch erklärte, 'dass das Johanneum nicht nur die beste Schule im Hannoverschen sei, sondern auch unter den dreißig Schulanstalten, die er in seinem vorherigen Wirkungskreise als preußischer Schulrat kennengelernt habe'. Die Anerkennung Haages reichte so weit, dass "ihn die Georgia Augusta zu Göttingen bei ihrer Jubelfeier 1837 zum Ehrendoktor ernannte".

Insbesondere hatte der Unterricht in Mathematik unter der alleinigen Herrschaft der Theologen und Philologen zu leiden gehabt bis Haage 1829 den ersten -und auf lange Zeit einzigen- studierten Mathematiker, Constantin Schmalfuß einstellte,"...der in seltener Weise strenge mathematische Schulung und Gedankenzucht mit Geschmack und ästhetischer Bildung verband und seinem Lehrfach mit einem Schlage die gebührende Stellung im Ganzen des Lehrplans und, was nicht zu unterschätzen ist, auch in der Wertung der Schüler eroberte."

Auch Schmalfuß stammte aus Thüringen und hatte in Halle und Berlin Mathematik studiert. Er war unter Haage Konrektor und übernahm nach dessen plötzlichen Tod im Dez. 1842 die Amtsgeschäfte. "Er war ein hervorragender Lehrer und ausgezeichneter Verwaltungsmann" und "hat es in den 6 Jahren seiner Amtsführung aufs Beste verstanden, das Ansehen des Johanneums zu wahren und die Bedenken 'ob ein Mathematiker für diesen Posten wohl recht geeignet sei' gründlich zu zerstören." Im Königreich Hannover "stand dieser Vorgang ohne Beispiel da."

Im Hinblick auf Bernhard Riemanns Biographie ist es ausgesprochen bemerkenswert, dass auch in den nachfolgenden 150 Jahren nie wieder ein Mathematiker oder Naturwissenschaftler Direktor des Johanneums war. Bis auf den Sohn des oben erwähnten Schulrats, der wenigstens Mathematik als Zweitfach hatte, hat es zwischen 1849 und 1867 keinen Mathematiker als Lehrer gegeben.

Bernhard Riemann trat Ostern 1842 in die Untersekunda (heute 10. Klasse) des Johanneums ein. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 281 Schüler die Schule.

Der Lehrplan (s.u.) bezeichnet die Klassen, in denen man sich zwei Jahre aufhielt, mit römischen Ziffern, II ist also Untersekunda und Obersekunda. Parallel zum altsprachlichen Zug gab es die Sekunda und Prima als "Realklassen", mit stärkerer Betonung der Mathematik, des technischen Zeichnens, der neuen Sprachen und der "Naturgeschichte". Riemann sollte nach den Vorstellungen seines Vaters Pastor werden und besuchte daher nicht diese Klassen. Außerdem brauchte man damals für eine wissenschaftliche Laufbahn unumgänglich gute Lateinkenntnisse. Da er ohnehin Schmalfuß als Mathematiklehrer hatte und sowieso schneller begriff als seine Mitschüler, gereichte ihm das nicht zum Nachteil.

Lehrplan 1842 (groß, 14 K)

Von Schmalfuß' Beziehung zu Bernhard Riemann wissen wir vor allem durch den Brief, den Schering vor der Verfertigung eines Nachrufes nach Riemanns Tod 1866 von Schmalfuß erhalten hat [GA /851ff]. Er schreibt dort: "...Die Fassungskraft für mathematische Gegenstände gab sich mir sofort kund und es bedurfte bei Riemann nur der Andeutung eines mathematischen Gesetzes, um dasselbe mit den weitesten Consequenzen in feste Form gebracht zu sehen, und zwar in größter Allgemeinheit."

.... Alles was ich besitze an Euklidischen Dingen, mit den Kommentaren ...; was ich von der Archimedischen Literatur besaß, Apollonios etc. alles dies las er, und unter dem Lesen ward es sein sicheres Eigenthum.

Newtons Arithmetica universalis und des Cartesius Geometria interessierten ihn nicht minder. ..."

Schmalfuß läßt ihn zwar am normalen Mathematikunterricht teilnehmen, aber "....vielmehr sann ich darauf, ihm in jeder Stunde etwas zu bieten, was seinen Kräften angemessen war, und jedesmal ist er über die Grenze, die ich als seine Schranke und wohl auch als meine betrachtete, hinausgegangen und brachte regelmäßig eine Fülle von Ergebnissen, die ich nicht in solchem Maße erwartet hatte."

Laugwitz [Lau] gibt zu Bedenken, dass, nachdem nun der Schüler berühmt geworden ist, möglicherweise zu "rosig" aus seiner Schulzeit berichtet wird. Es passt aber zu der von dem Altphilologen Nebe [FS Neb] ausführlich geschilderten Persönlichkeit Constantin Schmalfuß', dass er sich in Riemanns Situation und Persönlichkeit schon zur Schülerzeit eingefühlt hat und auch entsprechend tatkräftig gehandelt hat (s.u.). Es ist bei Nebe die Rede von "seiner feinen und gewandten, offenen und heiteren Art sich zu geben,...sicheren Geschäftsgewandtheit bei idealster Auffassung des Lehrerberufes,...weiches, ungemein wohlklingendes Organ,....Sachkenntnis und rasche Auffassung,..." So kann man es wohl ernst nehmen, wenn Schmalfuß schreibt: "...daß ich Riemann mehr verdanke, als er mir" "... ich bedaure sehr, daß mir nichts geblieben ist, von der Sinnigkeit und Einfachheit seiner Beweisführungen und Formelentwicklungen.

Schon damals war er ein Mathematiker, neben dessen Vermögen der Lehrer sich arm fühlte...."

Am Schluß schreibt Schmalfuß:

"Ich für meinen Theil habe es immer für ein großes Glück angesehen, daß ich einen solchen Schüler, wie Riemann, gehabt habe, und bin ihm heute noch für die vielfache Anregung, die er mir gegeben hat, und für die Freude, die ich an seiner wunderbaren Begabung und Entwickelung gehabt habe, für meine ganze Lebenszeit dankbar."



Ein weiterer Lehrer Riemanns, der Religions- und Hebräischlehrer Dr. Gustav Heinrich Seffer, hat sich Schering gegenüber in einem Brief vom Nov. 1866 geäußert.[GA /849] Er war erst 25 Jahre alt, als Riemann ans Johanneum kam. Mit dem zehn Jahre älteren Schmalfuß verband ihn eine Freundschaft. Die beiden versuchten mit vereinten Kräften, ein großes Problem des begabten Schülers zu lösen. Schmalfuß schreibt von Riemann: "... wie schwer es ihm wurde, in fließendem Vortrage seine Gedanken zu entwickeln. Dazu kam, daß kein Ausdruck ihm genügte, der nicht alles umfaßte, und daß er ungemein zaghaft war, eine Darstellung, die nicht, ... , von untadeliger Präcision war, als richtig anzuerkennen. ...." Seffer sagt: ".... daß er mit seinen deutschen und lateinischen Aufsätzen immer im Rückstande blieb,..., daß die Lehrer-Conferenz den Schulgesetzen gegenüber seinetwegen in Verzweiflung war." Mit heutigem Vokabular hieße das, Bernhard Riemann erfüllte nicht die Plichtauflagen. Da die beiden nicht tatenlos ansehen wollten, wie sein Abitur aus "formalen Gründen" in Gefahr geriet, nennt Seffer die Lösung: "...nahm ich ihn gegen ein ermäßigtes Kostgeld in mein Haus und verpflichtete mich gegen die Lehrer-Conferenz für prompte Ablieferung seiner Aufsätze von nun an sorgen zu wollen. .... und habe manchen Abend bis in die Nacht bei ihm gesessen...."

Laugwitz meint angesichts Seffers Wohnhaus an Riemanns Qualen denken zu müssen, sich als ein an Leib uns Seele Gefangener zu sehen...[Lau]. Für diese Auffassung habe ich keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Im Gegenteil erscheint Seffer eher wie ein großer Bruder, dessen Beharrlichkeit und Kompetenz helfen, dass Bernhard Riemann letztlich lernt, eine schriftlich Arbeit zuendezuführen.

Seffer verfasste zu derselben Zeit ein "Elementarbuch der hebräischen Sprache, das jetzt auf den Gymnasien Deutschlands und der Schweiz viel gebraucht wird." Das Werk sollte zu allen Kapiteln genau passende Übungsstücke enthalten. Diese aus der Bibel herauszusuchen, "war eine schwierige Aufgabe, für die sich Riemann lebhaft interessierte. ....daß mein Elementarbuch mehrere seiner Übungsstücke zum großen Theil dem großen Mathematiker Riemann zu verdanken hat."

Riemann hat Seffer Jahre später noch besucht, was besser zu einem Gefühl der Dankbarkeit und wenig zu dem des Hasses passt, und der Lehrer schreibt davon:

"später... hat er mir viel von seiner philosophischen Arbeit erzählt. .... Ich muß freilich gestehen, daß ich ihm keineswegs folgen konnte,...., aber doch die Großartigkeit seiner Ziele bewundern mußte."

Er schließt seinen Brief " Riemann war still, bescheiden und anspruchslos,..... namentlich im Verkehr mit Damen leicht verlegen....Ich habe ihn immer liebgehabt und behalten."

Es war abzusehen -und trat dann auch wirklich ein-, dass Riemann den Abituraufsatz in der gegebenen Zeit nicht vollenden würde. Schmalfuß aber wollte Riemann dennoch ein Zeugnis "erster Klasse" ermöglichen. Nun war ihm als einzigem Mathematiker klar, dass es schwer sein würde, die Altphilologen und Theologen von Riemanns mathematisch überragenden Können zu überzeugen. Er ersann folgende völlig legitime List: Bernhard hatte zu Pfingsten des Vorjahres für eine Woche Legendres Zahlentheorie ausgeliehen gehabt. Als er es so schnell zurückgab, mutmaßte der Lehrer, es sei wohl zu schwierig gewesen. Riemann hatte das verneint, das Buch interessant gefunden und ganz gelesen. Schmalfuß beschloß nun, ihn genau das ohne Ankündigung zu prüfen, dann müsse ja auch jeder mathematische Laie sehen, dass es sich um eine ganz ungewöhnliche Leistung handele. Er stellt in der Abiturprüfung fest: "daß ihm alles, worauf ich als Examinator mich nicht ohne Mühe vorbereitet hatte, ..., geläufig war".

So kam es tatsächlich zum Maturitätszeugnis "erster Klasse", das im Folgenden im vollen Wortlaut wiedergebeben sei. [Abi]


Maturitäts-Zeugniß erster Klasse



Bernhard Georg Friedrich Riemann, geboren 17. September 1826 zu Breselenz, Sohn des Pastors Riemann zu Quickborn bei Dannenberg, lutherischer Konfession, besuchte zwei Jahre lang das Lyzeum zu Hannover, seit Ostern 1842 das Gymnasium Johanneum, und zwar die erste Klasse seit Ostern 1844.

Seine sittliche Aufführung in und außerhalb der Schule war sehr gut. Sein Schulbesuch war regelmäßig, doch in letzterem Jahre mehrmal anhaltend durch Krankheit unterbrochen, seine Aufmerksamkeit recht gut, doch nicht in allen Unterrichtsgegenständen gleichmäßig, sein häuslicher Fleiß zwar angestrengt, aber durch eigene Neigung bedingt und deshalb den Forderungen der Schule nicht immer entsprechend, namentlich wurde die Ablieferung der freien Aufsätze häufig verspätet. Allgemeines Prädikat des Fleißes gut.

Kenntnisse

1. Religion. Er ist bekannt mit den Grundwahrheiten der christlichen Glaubens- und Sittenlehre mit den wesentlichen Unterscheidungspunkten der wichtigsten Konfessionen mit den Hauptmomenten der Kirchengeschichte und dem Inhalte der biblischen Bücher.

Allgemeines Prädikat recht gut.

2. Deutsche Sprache. Er ist wohlbekannt mit den Regeln der Grammatik und des Stils und hat sich durch Lektüre mit einer bedeutenden Anzahl Klassiker bekannt gemacht. Seine Aufsätze wurden mit großer Mühsamkeit und peinlicher Langsamkeit gearbeitet. Die Prüfungsarbeit ist unvollendet geblieben. Seine Aufsätze empfehlen sich durch logisch richtige Anordnung und Verbindung der Gedanken, durch Richtigkeit des Urtheils und durch eine zusammenhängende, schlichte, meist fließende und gewandte Darstellung, lassen jedoch Fülle des Inhalts und lebendigen Erguß der Phantasie vermißen. Sein mündlicher Ausdruck ist gut.

Allgemeines Prädikat gut.

3. Lateinische Sprache. Bei der Lektüre vermag er, wenn auch nicht rasch, in den Sinn und Zusammenhang auch der schwierigen Stellen einzudringen. Seine grammatischen Kenntnisse sind gut, seine stilistischen Arbeiten begründen ein günstiges Urtheil über die logische Durchdringung und Handhabung des lateinischen Sprachschatzes, wiewohl ihm ein reicher Vorrath an Redensarten und Wendungen nicht zu Gebote zu stehen scheint. Sein Ausdruck empfiehlt sich durch Präcision und richtige Erfassung der Proprietät, entbehrt aber des leichten Flusses. Im Sprechen ist er nur wenig geübt.

Allgemeines Prädikat gut.

4. Griechische Sprache. Von dem Verständniß der griechischen Schriftsteller gilt dasselbe, wie von den lateinischen. Seine Kenntnisse in der Grammatik sind gut. Allgemeines Prädikat gut.

5. Hebräische Sprache. Er liest mit hinreichender Geläufigkeit, besitzt gründliche Kenntnisse in der Grammatik und übersetzt mit Fertigkeit die leichten alttestamentlichen Schriften.

Allgemeines Prädikat Sehr gut.

6. Französische Sprache. Er übersetzt mit Leichtigkeit selbst die schweren Schriftsteller der neueren Zeit und schreibt beinahe frei von grammatischen Verstößen.

Allgemeines Prädikat gut.

7. Englische Sprache. In der Aussprache und in der Grammatik wird noch Sicherheit vermißt, im Verstehen und Übersetzen der Schriftsteller besitzt er eine ziemliche Fertigkeit.

Allgemeines Prädikat gut.

8. Geschichte und Geographie. Seine Kenntnisse in allen Theilen der Geschichte haben das Prädikat recht gut erhalten, in der Geographie gut.

9. Mathematik. Seine Kenntnisse sind durchaus gründlich und sicher und gehen an Umfang und Tiefe weit über das Maß hinaus, das der Mathematik an Schulen eingeräumt werden kann, in Auffaßung mathematischer Lehren besitzt er Scharfblick, Raschheit und Klarheit in seltenem Grade. Er wird unterstützt durch ein zuverlässiges Gedächtniß, eine ausgezeichnete Kombinationsgabe und Behendigkeit einer konstruierenden Phantasie. Überhaupt ist er durch seine Anlagen entschieden auf das Studium der mathematischen Wissenschaften hingewiesen.

Allgemeines Prädikat vorzüglich.

10. Physik. Dasselbe Urtheil, welches über seine Leistungen in der Mathematik gilt, findet Anwendung auf diejenigen Theile der Physik, welche eine mathematische Begründung und Behandlung zulassen.

Nach sorgfältiger Prüfung und Berathung ist dieses Zeugniß erster Klasse nach gewissenhafter Überzeugung beschlossen und ausgefertigt

von der Prüfungskommission des Gymnasiums Johanneum

zu Lüneburg den 10ten März 1846

Schmalfuß


Schmalfuß hat es nicht versäumt, dem Vater, der sich immer noch nicht von seiner Vorstellung, der Sohn müsse Pastor werden, hatte abbringen lassen, einen deutlichen Hinweis bei der Note für Mathematik ins Abiturzeugnis zu schreiben.


Bernhard Riemann ging nun nach Göttingen und studierte ein Semester Theologie, wie der Vater es wollte, konnte aber dann -sicher unter Verweis auf diese Abiturbemerkung- sich ganz der Mathematik widmen.

Auch seine beiden Lehrer verließen das Johanneum, Seffer gleichzeitig mit ihm, um in seiner Heimatstadt Alfeld das Inspektorat des Seminars zu übernehmen. Wenig später wurde er Regierungs- und Schulrat in Hannover.
1849 wurde Schmalfuß von der allgemeinen Lehrerkonferenz des Königreichs Hannover zum Präsidenten gewählt. Aufgrund seines Könnens und seiner überzeugenden Persönlichkeit wurde er ebenfalls Schulrat in Hannover.
Das Johanneum besteht noch heute als Gymnasium, das sich der altsprachlichen, der neusprachlichen, in besonderer Weise aber auch der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung verpflichtet fühlt.

Auf Riemanns weiteren Werdegang soll hier nicht mehr eingegangen werden. Im Hinblick darauf, dass aber allenthalben die Gründlichkeit, Prägnanz und Eigenständigkeit seiner Arbeiten gewürdigt wird, kann man wohl mit Recht sagen, dass er am Johanneum zu Lüneburg ein besonders günstige Konstellation angetroffen hat. Einfühlsame und kluge Lehrer förderten seine mathematische Begabung und halfen ihm, seine Schwächen so bewältigen, dass die dahinter verborgen ungewöhnlichen Stärken zum Tragen kommen konnten.



Literatur:

[GA Ded] Riemann, Bernhard: Gesammelte mathematische Werke und wissenschaftlicher Nachlaß. Herausgegeben unter Mitwirkung von Richard Dedekind und Heinrich Weber, Zweite Auflage, Leipzig 1892.

Neu gedruckt in [GA Nar]

[GA Nar] Riemann, Bernhard: Gesammelte mathematische Werke und wissenschaftlicher Nachlaß. Auf der Grundlage von [GA Ded] neu herausgegeben von Raghavan Narasimhan, Springer 1990

[GA /849] Brief von Seffer an Schering abgedruckt in [GA Nar]

[GA /851] Brief von Schmalfuß an Schering abgedruckt in [GA Nar]

[GA Scher] Ernst Schering: Rede zum Gedächtnis an Riemann vom 1.12.1899 Abgedruckt in [GA Nar /828]

[WA] Hans Wußing, Wolfgang Arnold: Biographien bedeutender Mathematiker Aulis/Deubner 1978

[FS Gör] Festschrift zum 500-jährigen Bestehen des Johanneums zu Lüneburg, Darin Wilhelm Görges: Geschichte des Johanneums von 1406 bis 1806

[FS Neb] Festschrift zum 500-jährigen Bestehen des Johanneums zu Lüneburg, Darin Dr.August Nebe: Geschichte des Johanneums von 1806 bis 1906
Sie ist in der Ratsbücherei Lüneburg im Magazin vorhanden.
Tel 04131 309609 Am Marienplatz 3 in 21335 Lüneburg

[Abiturzeugnis] Das Original ist im Archiv der Stadt Lüneburg einzusehen.

[Lau] Annette und Detlef Laugwitz: Impressions from Riemann's Native Country, The Mathmatical Intelligencer Vol 17 No 3 Springer 1995




Autorin: Dr Dörte Haftendorn, dipl. math.
Barckhausenstr. 44
21335 Lüneburg

http://www.fh-lueneburg.de/u1/haftendo

Oberstudienrätin am Johanneum, Dozentin an Universität und Fachhochschule Lüneburg



obenAutor:[Dr. Dörte Haftendorn]   Datum: Februar 99. Letzte Änderung am 19. September 2006
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