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7. Die Situation der Jugend in der DDR

Jugend in der DDR, wie sah sie aus? Sicherlich anders als in der BRD. Warum anders? Anders in dem Sinne, dass man als junger Mensch zwischen vierzehn und zwanzig Jahren in der DDR nicht nur als junger Erwachsener und junger Sozialist und somit als eigentlicher Motor und Vorreiter des Sozialismus in der DDR gesehen wurde, sondern auch, dass aufgrund dieser ideologischen Definition von Jugend jegliche Phase des Absetzens gegenüber dem Elternhaus oder jeglicher Versuch zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung von vornherein durch eine starke Einbindung der Jugendlichen in die Berufs- und Alltagsleben der Erwachsenen unterbunden wurde. Die Deutsche Demokratische Republik beruht auf dem Gemeinbesitz aller Produktionsmittel und kennt nur eine allgemein verpflichtende Weltanschauung, die kommunistische Ideologie. Der Staat wird von einer einzigen Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), geführt.

Jenseits der Mauer in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) sieht es ganz anders aus. Hier wird der Staat von mehreren demokratisch gewählten Parteien getragen, die untereinander in einem harten Wettbewerb stehen. Die Regierung ist abwählbar und die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung beruht anders als die in der DDR auf privatem Besitz. Es gibt die verschiedensten Weltanschauungen mit den unterschiedlichsten Ziel- und Wertvorstellungen.

Jedem einzelnen wird ein relativ großer Freiraum gelassen, in dem er sich entfalten kann, der Staat nimmt keinen Einfluss auf solche Freiräume.

In der DDR hingegen geht die SED von einer Interessengleichheit von Volk- Arbeiterklasse – Partei – Parteiführung aus. Deshalb beansprucht sie nicht nur die absolute Kontrolle über den Staat, sondern auch über das gesamte gesellschaftliche Leben und will auf alle Bereiche des menschlichen Lebens starken Einfluss ausüben und es maßgeblich lenken.

So kommt in diesem geschlossenen politischen Staat der Erziehung der Jugend eine große Rolle zu. Die allgemein gültige Voraussetzung der Jugendpolitik ist die Annahme, dass die Interessen der Jugend mit denen von Staat und Gesellschaft, so wie sie von der SED bestimmt werden, identisch sind.

Diese Voraussetzungen sind dafür verantwortlich, dass der einzelne Jugendliche in der DDR eingeengt wird, in einem starren Korsett von Institutionen. Da wären zunächst einmal SED, FDJ (Freie Deutsche Jugend), FDGB (der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund), die Schule, der ausbildende Betrieb, staatliche Sportvereine und schließlich das Elternhaus selbst.

All diese Faktoren wirken auf den einzelnen Jugendlichen ein, um das zu erreichen, was das Jugendgesetz der DDR von 1974 formuliert: Die Jugend hat "die Aufgabe, aktiv an der Gestaltung der sozialistischen Demokratie mitzuwirken und ihre Fähigkeit zur Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben zu erhöhen".

Das wichtigste Instrument der SED zur ideologischen Beeinflussung und politischen Mobilisierung der eigenen Jugend ist der eigens dafür gegründete staatlich organisierte Jugendverband der DDR, die schon erwähnte FDJ. Diese Organisation hat klar den Auftrag seitens der " klassenbewußte Kämpfer für den gesellschaftlichen Fortschritt heranzubilden, und dafür zu wirken, daß alle Jugendlichen die Möglichkeiten nutzen, Arbeit, Studium und Freizeit, ihr gesamtes Leben sinnvoll zu nutzen, daß sie zu aktiven Erbauern und standhaften Verteidigern des Sozialismus und Kommunismus werden.".

Man kann davon ausgehen, dass etwa 2,3 Millionen junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren und damit mehr als zwei Drittel dieser Altersgruppe 1972 Mitglied der FDJ sind. Die Mitgliedschaft ist zwar auf freiwilliger Basis, aber meist Voraussetzung für den Besuch der zum Abitur führenden Erweiterten Oberschule und zum Studium. Wie sehr die FDJ – Mitgliedschaft den sozialen und beruflichen Aufstieg in der DDR fördert, wird deutlich, wenn man die Schwankungen der Mitgliedszahlen zwischen den einzelnen Gruppen betrachtet. Während bei den Studenten, Oberschülern und Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) mindestens 80% Mitglieder sind, liegt die Ziffer für junge Arbeiter bei 50% und erreicht für junge Mitglieder der Landwirtschaftlichen Genossenschaften (LPG) gar nur 20%.

Wichtigstes Erziehungsziel im "Staat der Jugend" ist die "sozialistische Persönlichkeit". Diese kennzeichnet der Staat durch folgende Attribute: höhere Bildung, Liebe zur Arbeit und zum arbeitenden Menschen, Fleiß, Treue zu den sozialistischen Idealen und Disziplin. Über den Weg zu dieser "sozialistischen Persönlichkeit" schreibt das "Kleine politische Wörterbuch der DDR 1982 ":

"Die Entwicklung des Menschen zur sozialistischen Persönlichkeit kann nur in der Gemeinschaft und durch diese geschehen. Die Tätigkeit des einzelnen zum Nutzen der Gesellschaft ermöglicht es dieser erst, alle Bedingungen zur Entfaltung der Persönlichkeit zu schaffen."

Hinzu kommt noch, dass Kinder und Jugendliche der DDR in der Schule und in der Ausbildung einer autoritären Erziehung unterworfen sind, schon früh wird ihnen Anpassung abverlangt. Durch diese Art der Unterweisung sollen den jungen Menschen Werte vermittelt werden, wie z.B. Gründlichkeit, Leistungsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Hilfsbereitschaft, Ein- und Unterordnung, Rolle der Berufstätigkeit von Frauen u.a..

Man sieht also, dass schon früh die Beeinflussung der Jugendlichen einsetzt, um das genannte Erziehungsziel zu erreichen. Diese allumfassende Erziehung ist nicht nur auf das berufliche und schulische Leben ausgelegt, sondern auch auf die Freizeit. Im Jugendgesetz der DDR wird in einer Fülle von Paragraphen vorgeschrieben, wie die Jugendlichen auch durch Kultur, Sport und andere Freizeitgestaltung zu "sozialistischen Persönlichkeiten" herangebildet werden sollen. Deshalb sind Freizeitgestaltungen jeder Art, Sport und Kultur keine Privatangelegenheiten, sondern bekommen eine gesellschaftspolitische Funktion. Die Freizeit muss, wie es in der DDR Verfassung heißt, "sinnvoll und effektiv" verwendet werden. Weiter ist zu lesen: "Inhalt und Umfang ihrer (der Freizeit) sinnvollen Nutzung werden durch gesellschaftliche Erfordernisse beeinflußt und begrenzt."

Zu diesen "gesellschaftlichen Erfordernissen" gehören neben der wirtschaftlichen Lage besonders die politischen Zielsetzungen der SED, die Ursache dafür sind, dass die Möglichkeit der freien Gestaltung der eigenen Freizeit enorm eingeschränkt ist und dass sie starken Eingriffen und Reglementierungen durch Staat und Partei unterliegt. Nach der Auffassung der Partei führt eine unkontrolliert verbrachte Freizeit, die mit dem Konsum der westlichen Popkultur und dem Kontakt mit Freunden dient, nicht zur Steigerung der ökonomischen Leistungsbereitschaft.

Wenn sogar das Bedürfnis nach Tanz, Musik und modischer Kleidung staatlicher Fürsorge unterliegt, dann ist es nicht verwunderlich, dass viele Jugendliche die oft im politischen Sinne organisierte Freizeit, die auch zur Weiterbildung genutzt werden soll, als Fortsetzung der Lenkung und Kontrolle von Schule und Beruf mit anderen Mitteln empfinden und sich dem allgegenwärtigen Leistungsdruck des Staates und dem enormen Anpassungsdruck an die Masse in der Freizeit durch den Rückzug ins Private entziehen.
Dieser Rückzug in einen Bereich, aus dem bewusst die Politik ausgeklammert ist, zeigt deutlich das Fortbestehen einer Spannung zwischen dem Anspruch des Systems nach sozialistischer Gestaltung aller menschlichen Lebensbereiche seiner Bürger und der sozialen Realität an, in der verständlicherweise besonders Jugendliche auf jede Art der Bevormundung empfindlich reagieren. Viele von ihnen neigen dazu, ein gespaltenes Leben zu führen, einerseits ein öffentliches in Betrieb, Schule etc. und andererseits ein privates. In einer derart gestalteten Gesellschaft sind in besonderem Maße "die Konflikte, die zwischen den drei normgebenden Instanzen Schule, Elternhaus und Partei in der Beziehung von Jugendlichen untereinander und zwischen den einzelnen Generationen entstehen, (...) vorprogrammiert".

In einer solchen Gesellschaft, die immer weiß, was richtig ist und für jeden Einzelnen denkt, wird das Spontane, Kreative, das selbstständige Probieren, bei dem man eigene Wege gehen und auch Fehler machen kann und nicht immer schulmeisterlich geregelt wird seitens der Institutionen, ausgegrenzt. Diese Kreativität und Spontaneität fordert Plenzdorf mit seiner Gestalt "Edgar Wibeau" ein.



obenAutor: Eike M., Christoph M., Philipp M., Deutsch-LK Müller  Datum: April 2000, Letzte Änderung am 14. März 2001
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