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6. Verarbeitung des literarischen Erbes in Plenzdorfs Werk

In "Die neuen Leiden des jungen W." hat Ulrich Plenzdorf mit dem Werther-Stoff ein klassisches Thema der deutschen Literatur verarbeitet. Werther ist eine Roman Figur Goethes, die mit den Eigenschaften eines Helden der Sturm-und-Drang-Zeit ausgerüstet ist. Der Anspruch Werthers auf die vollständige Entfaltung seines Genies steht im Widerspruch zur bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit, während er durch Empfindsamkeit und Gefühlslastigkeit gegen die Rationalität der Aufklärung rebelliert. Die Unauflösbarkeit dieses Widerspruches, die Unmöglichkeit also, unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen seinen Lebensanspruch zu verwirklichen, treibt Werther letzten Endes in den Tod.

Ulrich Plenzdorf hat in seinem Werk die Konstruktion dieser Fabel auf seine eigene gesellschaftliche Realität übertragen. Es findet sich in "Die neuen Leiden des jungen W." eine Figurenkonstellation, die kongruent zu der Goethes ist. Edgar Wibeau fühlt sich wie Werther von den Normen seiner Gesellschaft eingeengt und spürt, dass er seine Fähigkeiten in dieser nicht vollständig entfalten kann. Wie dieser verliebt er sich in eine verheiratete Frau, Charlie, deren Mann , Dieter, in ebenso idealisierter Weise die Tugenden der DDR-Gesellschaft verkörpert wie Albert im goetheschen Original die der bürgerlichen und somit im Widerspruch zu Edgar steht. Auch ist der Verlauf der Handlung in beiden Werken kongruent konstruiert. In Reaktion auf die Unüberwindbarkeit der Verhältnisse ziehen sich Werther und Edgar beide in eine Selbstversenkung zurück , an deren Ende in beiden Fällen der Tod steht.

Die Übereinstimmungen in den beiden Werken beschränken sich jedoch auf diese strukturellen Analogien. Robert Weimann kommt in seiner umfassenden Interpretation, die in "Sinn und Form" veröffentlicht worden ist, zu dem Schluss, dass die scheinbare Parallelität eine Dialektik von Kongruenz und Diskongruenz in sich berge. Die Werther-Fabel sei von Plenzdorf als Folie verwendet worden, um die aktuelle Realität darzustellen. Der klassische Text erweise sich somit nicht als Abbild, sondern als "komplexe Metapher" der dargestellten Wirklichkeit. (Weimann)

Eine Nichtentsprechung tritt zum Beispiel auf dem Weg zum Ende der Handlung auf. Analog zu Werther zieht sich Edgar mit seinen der Gesellschaft entgegenstehenden Ansprüchen in sich selbst zurück. Ergebnis dieser Selbstversenkung ist in beiden Werken der Tod. Während Werther diesen jedoch verzweifelt als letzten Ausweg aus einem unauflösbaren Konflikt selbst wählt, tritt er bei Edgar mehr durch einen "dummen Zufall" ein, als er gerade am höchsten Punkt seiner Produktivität ist. Die Selbstversenkung und der Tod Werthers dienen somit als Folie, durch die jedoch unterschiedliche Gefühlszustände und Lebenssituationen ausgedrückt werden.

Ebenso tritt der Entsprechung in den Schicksalen der beiden Helden die Nichtentsprechung entgegen, dass die Tragik dieses Ausganges bei Plenzdorf durch die Verschiebung der Erzählperspektive abgeschwächt wird. Bei Goethe tritt der Tod Werthers unvorhergesehen ein und ist somit tragisch, während sich die Handlung bei Plenzdorf aus der Retrospektive entwickelt, der Tod des Helden also von vorne herein bekannt ist, wodurch er an Tragik einbüßt. Aus der Erzählperspektive entsteht darüber hinaus eine weiteres Moment der Nichtentsprechung. Durch die rückblickende Betrachtung der Handlung ist Edgar in der Lage sein Verhalten selbstkritisch zu betrachten. Diese Distanz wird durch gewisse parodistische Züge noch gesteigert. Mit der überzogenen Verwendung der jugendlichen Sprache ("Ich war das verkannteste Genie überhaupt") scheint Edgar sich selber zu ironisieren. Durch die Änderung der Perspektive also und die dadurch ermöglichte Distanz Edgars zu seinem eigenen Verhalten schafft Plenzdorf eine weitere Nichtentsprechung, die das Wirken der Originalfabel als Folie verdeutlicht.

Diese zweigeteilte Funktion der klassischen Vorlage als Analogie und Folie birgt eine Dialektik in sich, deren Synthese die Darstellung der aktuellen Realität ist. In dieser Methode Plenzdorfs liegt die Originalität seiner Umsetzung des literarischen Erbes (Weimann).



obenAutor: Eike M., Christoph M., Philipp M., Deutsch-LK Müller  Datum: April 2000, Letzte Änderung am 14. März 2001
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