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Kontakte   Ishevsk
Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Kontaktaufnahme

Der folgende Text wurde von Herrn Wilhelm Tietje, Rektor der Hauptschule Oedeme, verfasst!

Aus dem Bericht über eine Urlaubsreise nach Anapa

Der Leser, nicht der Teilnehmer, wird sich natürlich fragen, auf welch verrückte Idee die "Tietjes" in diesem Jahr gekommen sind, um ihren Urlaub wieder einmal anders als normale Leute zu gestalten. Diese hinlänglich bekannte Fragestellung wird, wir kennen das seit Jahren, meistens selbst beantwortet:
"Wir würden ja auch so etwas machen, wenn wir uns, wie Evelyn und Wilhelm als Lehrer, anschließend in den langen Ferien noch vom Urlaub erholen könnten."
Bei dieser Aussage bleibt es dann meist, um im nächsten Urlaub die nähere Umgebung eines Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels zu erkunden.

Doch zurück zum Anfangsgedanken. Im Herbst 1992 besuchte eine Gruppe aus der teilautonomen Republik Udmurtien die Heimvolkshochschule Barendorf. Der Gegenbesuch einer recht bunt zusammengesetzten Gruppe von Leuten aus und um Lüneburg fand im Oktober 1993 in Ishevsk statt. Im Januar 1994 fragte Helmut Harneit unter anderem in der Schulleiterrunde an, ob jemand vielleicht Interesse habe, im Sommer auf Einladung dieser Republik ans Schwarze Meer zu fahren. Ende Januar rief Helmut mich an und teilte mir mit, dass Dr. Andrej Nedobuch aus Ishevsk [Leiter der Jugendorganisation "Santa Lingua"], er kenne ihn auch nicht, im Rahmen des akademischen Austauschdienstes an der Universität Braunschweig weilte. Wir beschlossen ganz spontan, zu ihm Kontakt aufzunehmen, und drei Tage später lieferte Helmut Andrej bei uns an der Haustür ab. Am Abend gingen dann Helmut, Andrej, Arnold, Evelyn und ich in die konkretere Planung über. Andrej lernte im Schnelldurchgang Lüneburg, das Schulzentrum [Oedeme] und unsere häuslichen und familiären Verhältnisse kennen. Akribisch genau hielt er alles im Video fest. [...] Am Sonntag morgen reichten wir Andrej bei einer Ausstellungseröffnung im Seminaris herum. Helmut übernahm ihn für den Rest des Tages mit Besichtigungsprogramm des Landkreises. Mit recht dubios hergestellten Beglaubigungs- und Beauftragungsvollmachten für Helmut konnte jetzt das Programm
Urlaub in Anapa am Schwarzen Meer
starten.

Doch wie hängen Ishevsk und Anapa zusammen? Was ist und wo liegt die Udmurtische Republik? Wir erfreuten uns immer an dem ungläubig fragenden Augenausdruck unserer Gesprächspartner, nannten wir den Namen Udmurtien. Aber keine Bange, das hatten wir vorher auch noch nie gehört. Erst durch umfangreiche Sucharbeiten waren wir fündig geworden.

Udmurtien ist eine teilautonome Republik innerhalb Russlands. Die Hauptstadt mit 600.000 Einwohnern heißt Ishevsk. Diese Republik liegt an der Kama am mittleren Ural. Ihre Größe von 42.000 km2 entspricht etwa der Niedersachsens. Bis vor zwei Jahren war dieses Gebiet hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, da sich hier ein großer Teil der russischen Militärindustrie befindet. Die Folgen der mühsamen Öffnung zum Westen hatte schon die Gruppe im Herbst 1993 erfahren. Praktisch konnte kein Schritt außerhalb des offiziellen Weges unternommen werden, ohne staatliche Begleitung zu haben. Herr Kalashnikow [bekannter Konstrukteur von Schusswaffen] wohnt heute noch in Ishevsk. Mittlerweile sind amerikanische Abrüstungsexperten ständige Gäste dieser Teilrepublik. Mit dieser personellen Präsenz westlicher Art sind natürlich auch Wünsche "offizieller" Stellen geweckt worden, aus der staatlich verordneten Isolation herauszukommen, um bei der Neustrukturierung dieses riesigen Reiches nicht den Zug zu verpassen. Da Udmurtien aber immerhin 1.000 km östlich von Moskau liegt, ist es sehr schwer, überhaupt Interesse für Kontakte zu wecken. Nachdem Reisen des Staatssekretäres Puschkin in mehrere westdeutsche Großstädte keinen Erfolg brachten, werden nun auf kleinen Wegen Beziehungen aufgebaut. Hier schließt sich der Kreis zu Dr. Andrej Nedobuch.

Andrej arbeitet als Sprachwissenschaftler im Fachbereich "Deutsch" an der Universität von Ishevsk. Ihren Nachwuchs an Studenten der deutschen Sprache bildet sich die Universität ganz zielgerichtet über das "Republikanische Zentrum" heran. Dieses Zentrum ist eine staatliche Einrichtung zur Ergänzung des normalen schulischen Angebotes. Im klassischen Sinne würde man es als eine "Eliteschule" bezeichnen. Es führt seit mehreren Jahren Sprachferienlager in Anapa am Schwarzen Meer durch. Erstmals hat das Zentrum 1994 einen Belegungsvertrag mit dem größten Sanatorium am Ort abgeschlossen.

Wir singen gerade das Lied 'Auf der Lüneburger Heide'

Da unsere Gruppe vom Zentrum eingeladen war, ist es nur logisch, dass wir fern von Udmurtien unseren "Urlaub" in Anapa verbrachten. Wir begaben uns also auf völliges Neuland, sowohl für die Gastgeber als auch für uns. Sicherlich sind dadurch einige Reibungsverluste zu erklären, die in meinem Bericht als typisch russische Organisationsformen beschrieben werden.

Vieles gäbe es noch zu erklären und zu beschreiben. Wir haben den Versuch gewagt, Beziehungen aufzubauen, Absichten zu erkennen und uns einiges dazu einfallen zu lassen. Wünschen wir der Republik Udmurtien und den vielen Freunden, die wir inzwischen schätzen gelernt haben, dabei viel Glück, das sie wirklich gebrauchen können. Vielleicht zahlt sich unsere Anwesenheit für die nächste Gruppe deutscher Besucher und ihrer russischen Gastgeber schon aus, dann haben wir mehr erreicht, als wir uns vorgestellt haben.

Toi, toi, toi!

nach oben Autor: Wilhelm Tietje Web:EmailRainer Kunze Datum: Frühjahr 2003. Letzte Änderung am 05. November 2004
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