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Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Erfahrungen einer Reise im Jahr 2001 - Ishevsk

Rainer Kunze (Lehrer am Gymnasium Johanneum) erzählt hier - anlässlich eines Vorbereitungstreffens im Jahr 2002 - von seinem Besuch in Ishevsk in den Herbstferien des Jahres 2001 (die genauen Reisedaten waren 28.09.-12.10.2001). Sämtliche Zeitangaben in der folgenden Erzählung sind Angaben der jeweiligen Ortszeit.

Vorbereitungen

Die Reise beginnt

Veranstaltungen in Ishevsk

Die Schule 22

Der Pädagogische Kongress

Unterricht an der Schule 22

Der Tag des Lehrers

Der Tag der Selbstverwaltung

"Welt in 'ner Tasche"

Austausch?

Zurück in Lüneburg

Gegenbesuch!


Vorbereitungen: Manchmal gibt es Gründe, schnell von Lüneburg nach Ishevsk zu wollen, der "letzten Abfahrt Europa", wie ein mitreisender Journalist seinen Beitrag überschreiben wird (wenigstens war das der Arbeitstitel). Das trifft auch bei mir zu, und so mache ich mich daran, melde mich sehr spät zu dieser Reise an, habe richtig Hektik bei der Vorbereitung ... all das wollen wir uns dieses Jahr ersparen. Im Johanneum ist es kein Problem, einen Tag frei zu bekommen, denn die Reise beginnt am letzten Schultag vor den Herbstferien - wie dieses Jahr auch - eigentlich ein voller Arbeitstag für Lehrerinnen und Lehrer. Frau Dr. Krämer gibt mir einen Brief mit für die Direktorin der Schule 22, Frau Smorkalova, ein Gastgeschenk (Günter Grass liest aus seinem Buch "Mein Jahrhundert"). Mit einigen Grüßen von Kolleginnen und Kollegen, die ich der russischen Gegenseite überbringen soll, mache ich mich auf den Weg - und mit ein wenig Herzklopfen: Wie wird es werden? Wie werde ich die Russen erleben? Werde ich mich dort zurechtfinden? Was erwartet mich in Moskau, was in Ishevsk, was in der Schule 22? Und damals natürlich auch: Werden wir den Flug überleben - immerhin lagen die Ereignisse des 11. September gerade mal 17 Tage zurück.

Die Reise beginnt am Morgen des 28. September um 9 Uhr am vereinbarten Treffpunkt, dem Haupteingang der Universität Lüneburg in der Scharnhorststraße. Dort besteigen wir einen Bus, der uns unmittelbar zum Flughafen Hamburg bringt - das wird auch in diesem Jahr so sein. Der Preis für diesen Bus (Hin- und Rückfahrt schlagen mit € 16 zu Buche) ist im Gesamtpreis bereits enthalten; wer auf ihn verzichtet, bekommt das Geld meines Wissens von der Universität zurückerstattet.

Am Flughafen angekommen, warten wir, bis es Zeit ist einzuchecken. Dann heißt es erneut zu warten. Um 12.55 Uhr hebt die Maschine aber endlich ab, und um 17.50 Uhr kommen wir nach drei Stunden Flug in Moskau an. Nach dem Auschecken werden wir zu unserem Hotel gebracht, und dann gehen wir daran, mit einer Reiseleiterin Moskau zu entdecken (Metrostationen, Roter Platz ...). Am nächsten Morgen und Mittag erkunden wir Moskau weiter (Roter Platz, Universität, Kirchen, ...) - auf dem Roten Platz glaube ich, meinen Augen nicht mehr trauen zu können: Dutzende von Brautpaaren, von denen wir einige später vor der Universität Moskau wiedersehen werden, und Hunderte von Roten Pionieren - haben wir jetzt eine Zeitreise gemacht? Dann ist es Zeit, sich zum Kasaner Bahnhof zu begeben, von wo aus der Zug abfahren wird (sämtliche Bahnhöfe in Moskau sind Kopfbahnhöfe - wie in Paris). Um 18 Uhr beginnt die lange, aber nicht unendliche Fahrt, und viele Unterhaltungen, einige Getränke (nein, kein Wodka!) und wenige Stunden Schlaf später erreichen wir am Sonntag um 14 Uhr Ishevsk. Dieser Ablauf wird wohl auch in diesem Jahr so sein.

Veranstaltungen in Ishevsk: In Ishevsk angekommen, werden wir vom Stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Protosanov, Vertretern der Udmurtischen Staatlichen Universität und vielen anderen Menschen begeistert willkommen geheißen - entsprechend der russischen Sitte bekommen wir Brot und Salz, und erst nach einigen Begrüüßungsworten dürfen wir in unsere Gastfamilie bzw. unser Hotel gehen (ich selber wohne in einem Hotel).

In den nächsten zehn Tagen nehme ich an einigen Veranstaltungen des gemeinsamen Programms teil, u.a. an der Stadtrundfahrt - vor der städtischen Bibliothek steht noch ein Lenin-Denkmal - mit anschließendem Empfang beim Vize-Bürgermeister, ich höre im Anschluss den Vortrag eines udmurtischen Ethnologie-Professors über sein Heimatland und nehme darin einige udmurtisch-nationalistische Töne wahr, oder ich fahre mit in das udmurtische Museumsdorf Ludorwaj. Diese Programmpunkte werden dieses Jahr wahrscheinlich auch auf der Tagesordnung stehen - für die Programmplanung ist die russische Seite zuständig. Am Programm der Fachschaften der Universität (Kulturwissenschaftler, Betriebswirtschaftler, Lehramtsstudierende u.v.a.m.) nehme ich nicht teil - und die gleiche Aufteilung ist auch für dieses Jahr vorgesehen: Wir von der Gruppe des Johanneum können am gemeinsamen Programm teilnehmen (jedenfalls an den meisten Veranstaltungen - genau geklärt ist das noch nicht), am Fachprogramm der einzelnen Fachschaften jedoch nicht - Ausnahmen sind eventuell möglich für die Erwachsenen, sofern sie sich in der jeweiligen Fachschaft beheimatet fühlen und sicher sind.

Die Schule 22: Die meiste Zeit verbringe ich jedoch in der Schule 22, wo ich bei vielen verschiedenen Deutschlehrerinnen an deren Deutschunterricht teilnehme. Ich bin dort ein gern gesehener Gast, und für mehr oder weniger alle Schülerinnen und Schüler bin ich der erste deutsche Muttersprachler, dem sie in ihrem Leben begegnen; zum ersten Mal erleben sie den "Ernstfall", sich mit einem Deutschen, der des Russischen nicht mächtig ist, unterhalten zu können - das geht also nur, wenn sie jetzt zeigen, dass sie Deutsch beherrschen. In einer Lerngruppe gebe ich auch eine Doppelstunde Geschichte (mein zweites Fach) - natürlich auf Deutsch. Ich lerne dort auch, wieviel Zeit russische Schülerinnen und Schüler täglich für die Schule aufwenden - vielen bleibt kaum mehr Zeit für irgend etwas anderes. Ach ja, Samstagsunterricht ist selbstverständlich, und ein Teil der Schülerinnen und Schüler hat von 13 bis 18 Uhr Schule (das Gebäude ist zu klein für die vielen Schülerinnen und Schüler)!

Ich spreche dort nicht nur mit vielen Schülerinnen und Schülern, sondern auch mit vielen Kolleginnen - Kollegen gibt es dort kaum: drei (!) Lehrer und 80 Lehrerinnen bilden den Lehrkörper der Schule 22. Etwa 12 von ihnen bilden die Fachschaft Deutsch, und alle freuen sich sehr über meinen Besuch.

Der Pädagogische Kongress: Ich bekomme auch den Verknüpfungspunkt zwischen der Reise der Universität und der Schule 22 mit: Es ist der Pädagogische Kongress, zu dem Deutschlehrerinnen und -lehrer aus Ishevsk und Umgebung sich für einen Tag in der Schule 22 treffen. Von der Universität hören sie einige Vorträge, durch die sie sich fortbilden können (die Schule 22 ist die einzige Schule in Ishevsk, die überhaupt Fortbildungen für Deutschlehrerinnen anbietet), lernen die eine oder andere neue Methode kennen. Frau Tütken, die an der Universität Göttingen "Deutsch für Ausländer - Deutsch als Fremdsprache" unterrichtet, ist voll in ihrem Element. Ich berichte über das neue Unterrichtsvorhaben des Gymnasiums Johanneum (Bilingualer Unterricht im Fach Geschichte) und erhoffe mir davon, dass vielleicht eine Deutschlehrerin anfängt, das mal auszuprobieren, denn alle Lehrerinnen und Lehrer in Russland haben zwei Fächer studiert, auch wenn die allermeisten nur eines davon unterrichten. Aber diese Hoffnung war dann wohl doch zu hoch gegriffen, na ja ...

Unterricht an der Schule 22: In der Schule 22 lerne ich aber nicht nur den Unterricht kennen, der mit - für unsere Maßstäbe - sehr einfacher (auch technischer) Ausstattung geleistet werden muss: Die Bücher sind häufig veraltet, der Kopierer steht im Zimmer der Direktorin - oft fehlt Papier oder Toner -, ja, einen Overhead-Projektor gibt es auch, ein Ding, das aussieht, als würde es jeden Moment seinen Geist aufgeben; seit zwei Wochen stehen auch einige alte Computer des Johanneums hier, sind aber noch nicht angeschlossen, TV, Video. Aber nicht nur Unterricht ...

Der Tag des Lehrers: Häufiger singen wir mit Lilja, einer Musiklehrerin vom Sprachlyzeum, die ganz in der Musik aufgeht, und wir verstehen uns sehr gut - obwohl sie kein Wort Deutsch kann und ich kein Wort Russisch. Ich feiere auch den "Tag des Lehrers" mit, bekomme von zwei Schülerinnen, die ich rein gar nicht kenne, sogar ein Geschenk - es ist üblich, dass die Schülerinnen und Schüler an diesem Tag ihren Lehrerinnen und Lehrern etwas schenken. An diesem Abend werde ich vom Kollegium der Schule 22 eingeladen, an der Feier teilzunehmen. Wir gehen also in ein Restaurant, wo reichlich aufgetischt wird (ob dieser Tag wohl ein Vorbild für Deutschland sein könnte?). Im Laufe des Abends kämpfe ich - relativ erfolgreich - gegen eine russische Sitte: Es wird sehr viel Alkoholisches getrunken, aber ich mag nicht zu viel in mich schütten. Also verhandle ich, und es bleibt bei einem Glas Wein und zwei Wodka - puh, noch einmal davongekommen!

Der Tag der Selbstverwaltung: Auch den "Tag der Selbstverwaltung" bekomme ich mit - das ist ein Tag mit vertauschten Rollen: Die Schülerinnen und Schüler gestalten den Tag, geben in den unteren Klassen Unterricht, und es herrscht eine Stimmung fast wie an Karneval, den man - eine kleine persönliche Bemerkung - hier im Norden leider fast gar nicht kennt. Ich esse mittags in der Schulmensa, und weil ich Lehrer bin, brauche ich mich nicht in die Schlange der wartenden Schülerinnen und Schüler zu stellen, und weil ich Gast bin, werde ich sogar bedient, was mir beides gar nicht so ganz recht ist - eine Sonderrolle will ich gar nicht haben.

"Welt in 'ner Tasche": Aber natürlich unterhalte ich mich auch außerhalb des Unterrichts mit den Kolleginnen und Kollegen, oft auch über das Johanneum und über die Schule 22 und ihr Verhältnis zueinander. An einem Nachmittag ist die nächste Sitzung des Clubs "Welt in 'ner Tasche", einer Art Debattierclub (natürlich auf Deutsch, und den Namen haben die Schülerinnen und Schüler dem Club selber gegeben - worauf sie sehr stolz sind). An diesem Nachmittag - es ist die erste Sitzung nach der Rückkehr der Gruppe, die kurz zuvor in Lüneburg zu Gast gewesen ist - steht auf dem Programm, über die dort gemachten Erfahrungen nachzudenken.

Austausch?: Während dieses Gesprächs formuliert Frau Galina Novitskaja, an der Schule 22 so etwas wie die Fachobfrau der Fachgruppe Deutsch, sie habe sich oft gefragt, ob der Austausch lohne, denn er sei von Seiten der Lehrerinnen (v.a. von ihrer Seite) aus mit sehr viel Arbeit verbunden. Die gerade aus Lüneburg zurückgekehrten Schülerinnen und Schüler beantworten die Frage aber mit einem eindeutigen "Ja" und begründen dies mit Nicht erst während dieses Gesprächs wird mir klar, dass man sich an der Schule 22 endlich einen Gegenbesuch aus Lüneburg wünscht, weil Zurück in Lüneburg: Als ich nach Lüneburg zurückkehre und begeistert von der freundlichen Aufnahme in Ishevsk erzähle, ist im Kollegium erst einmal Skepsis da. Als ich die vielen Geschenke aus Ishevsk überbringe, merke ich, dass einige der deutschen "Geschwister" den Wunsch nach einem Besuch in Ishevsk haben; Anna-Verena und Seda haben sogar schon begonnen, sich nach den Preisen für einen Flug nach Ishevsk zu erkundigen (der Gruppentarif lag übrigens im Jahr 2001 bei 550 DM). Dabei kommen wir auch ein wenig ins Gespräch über die Gastgeschwister, und ich erinnere mich noch einmal an das Gespräch im Club "Welt in 'ner Tasche". Bei dieser Gelegenheit formulierten die russischen Gastgeschwister in Ishevsk oder wünschten, dass Gegenbesuch!: Und dann steht für mich sehr bald fest, dass ich versuchen werde, wenigstens einen Gegenbesuch des Gymnasiums Johanneum nach Ishevsk zu organisieren. Was daraus in Zukunft werden wird, bzw. ob daraus mehr werden wird, weiß im Moment niemand, aber zumindest einmal sollten wir uns auf den Weg machen ... auf den Weg zur "letzten Abfahrt Europa".

Rainer Kunze

Über diesen Besuch (und noch mehr) berichtete die Ishevsker Zeitung "Karriere".

nach oben Autor und Web:EmailRainer Kunze Datum: Herbst 2002. Letzte Änderung am 05. November 2004
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