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Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Erster Gegenbesuch im Herbst 2002

4. Medieninteresse in Ishevsk

Für uns alle überraschend, war das Interesse von Medien in Ishevsk an unserer Gruppe recht groß. So wurde unsere Gruppe bereits am Dienstag, 1. Oktober, von zwei Fernsehteams interviewt. Beide Beiträge wurden noch während der Zeit unseres Aufenthaltes in Ishevsk im Fernsehen gesendet.

Aber auch eine Reporterin der Zeitung "Udmurtskaja Prawda" ("Udmurtische Wahrheit") kam in die Schule 22, um sich mit uns zu unterhalten und aus ihren Gesprächen für ihre Zeitung eine Reportage anzufertigen. Diese Reporterin war Ramziya Zaynutdinova, die im Jahr 2001 bei Seda zu Gast gewesen war.

Ihre Reportage erschien auf Seite 5 der "Udmurtskaja Prawda" vom 6. November 2002, illustriert mit zwei Bildern, die sie selbst geschossen hatte. Die Übersetzung dieses Artikels ins Deutsche hat Herr Dr. Zimmer besorgt, ehemaliger Lehrer am Gymnasium Johanneum.


Die graue Stadt - der Hüter der Sonne

29. September 2002, Ishevsk, Bahnhof
Heute ist Sonntag. Wir, Schüler und Studenten, Eltern und Lehrer, stehen an den Bahngleisen. Ein bisschen aufgeregt durchblättern wir zum hundertsten mal die ausgegebenen Veranstaltungspläne.
Genau vor einem Jahr, im warmen September 2001, reiste eine Gruppe Schüler des Lyzeums 22, Ishevsk, in die Bundesrepublik Deutschland.
Und heute erwarten wir Schüler, Lehrer und Studenten aus einem der Bezirke Lüneburgs, die die Reise gewagt haben.
Ich dachte nach darüber, welchen Gewinn diese jungen und älteren Vertreter Niedersachsens hier haben werden, und erinnere mich daran, wie die Bewohner während der historischen Eroberung durch die Franken (8. bis 9. Jahrhundert) sich den Ruf erworben haben, langsame und bedächtige Menschen zu sein.
Frau Müller, Lehrerin mit Deutsch und Geschichte am Gymnasium "Johanneum", denkt zurück: "Ja, auf dem Bahnsteig wurden wir äußerst warmherzig begrüßt. Ich hatte das Gefühl, als sei ich nach Hause gekommen, wo man mich erwartet hat."
Alle ausländischen Teilnehmer des Schüleraustauschs machten einen frischen und glücklichen Eindruck. Nach ihren Worten sind die russischen Züge wie gemacht dafür, dass man sich nach einem Flug gut ausschläft.

30. September 2002
Während sie sich zu einem ersten Frühstück in der russischen Familie niederließen, schoben einige Deutsche taktvoll und unter Entschuldigungen die Früchte morgendlicher Arbeit unserer Mamas von sich, wobei sie sich auf eine "geringe Schwere für den Magen" beriefen. "Das ist nun mal morgens so," seufzten die gastfreundlichen Hausfrauen und tauschten die kräftige Borschtsch (Rote-Rüben-Suppe) auf dem Teller verdrossen gegen Müsli und Fruchttee ein.
Eine Schülerin des Gymnasiums "Johanneum", 17 Jahre: "Heute, mit der ersten Wahrnehmung am Morgen und nach dem gestrigen gastlichen Abendessen habe ich den Eindruck, als könnten die Russen, wann immer es beliebt, nach Herzenslust essen (Pause), obgleich natürlich das Ausgebackene und die Salate nach meiner Ansicht besondere Beachtung und besonderes Lob verdienen."

Das Sprachlyzeum, das den Namen A. S. Puschkin trägt
Vor einer halben Stunde fand eine Art kalt-warmes Büffet statt. Die auserlesenen tatarischen, udmurtischen und natürlich russischen Kochkünste fanden großen Beifall bei allen Teilnehmern.
Im Ohrläppchen einer der niedersächsischen Schülerinnen hatten bereits Ohrringe im Ethno-Stil einen würdigen Platz gefunden. Unter allen möglichen Piercing-Artikeln sind auch Erzeugnisse unserer Meister und sogar voller Harmonie, wie ich mit Befriedigung bemerke.
Hier schlug einer der Lehrer von russischer Seite vor, ein Gespräch über Russland anzustoßen. "Herzlich willkommen im extremsten Land der Welt," sagte ich und setzte mich schwer auf den Platz, nachdem ich (für mich) entschieden hatte, dass die Begrüßungsrede nicht geglückt war. Aber als ich das verständnisvolle Lächeln und die Blicke der Gäste sah, versuchte ich, das Wesen einer solchen Solidarität in Erfahrung zu bringen, indem ich eine journalistische Befragung zum Thema: "Was versetzt Sie im ersten Augenblick in unserem Land in Erstaunen?" durchführe.
Eine Schülerin des Gymnasiums "Johanneum", 17 Jahre: "Die Frauen im Zollamt. Sie schauten uns äußerst unfreundlich an, waren erschöpft. Und auf alle meine 'priwet' ('Hallo!') und 'poka' ('Tschüß!') haben sie - warum eigentlich? - nicht geantwortet."
Herr Kunze, Lehrer für Geschichte und Religion: "Mir fiel auf das Grau der Ishevsker Hochhäuser. Es sieht trostlos aus, tut einem weh, doch braucht man nur hinein zu gehen und schon öffnet sich so eine helle, warme, sonnige Welt."
Frau Müller: "Viele leben sehr bescheiden. Sie arbeiten notgedrungen von morgens bis abends, um sich mit den elementaren Dingen zu versorgen."
Herr Bodenstedt, ein Vertreter der Schulaufsicht in der Bezirksregierung: "Ich habe vor meiner Reise hierher viel über Russland gelesen und daher empfinde ich sowohl den Flug und die Lebensbedingungen als auch die Besonderheiten der Küche als absolut normal, in keiner Weise als unbequem und schockierend."

4. Oktober 2002
Wir entschlossen uns, die Zeit für einen üblichen Bummel in der Stadt zu nutzen. Unsere ausländischen Gymnasiasten konnten sich auf nichts einigen, außer Shopping. Na ja, man kann sie verstehen. Und obwohl der Jubel über die Preise für Disco, Zigaretten, Kosmetika und Spiele grenzenlos war, gingen die Ansichten über die Qualität der Waren des russischen Marktes auseinander.
Den Standard unserer Technik und die Güte der amerikanischen und französischen Kosmetika fanden die Deutschen außerordentlich gering. Aber hier mit Discos und Tabakerzeugnissen glückte es sehr viel besser. In den pragmatischen Köpfen der Nachfahren Goethes reifte augenblicklich der Plan, sich mit einem Sortiment - sagen wir "Marlboro" und "Shakira" - hier nach russischem Preis einzudecken und nach der Rückkehr nach Hause bei allen ihren Bekannten zum amtlich sanktionierten Preis loszuschlagen ...

6. Oktober 2002
Heute sind die Deutschen von einer der letzten kleinen Reisen durch Udmurtien zurückgekehrt. Während der ganzen Zeit besuchten sie Sarapul, Wotkinsk, Staraja Monija. Mehrmals fuhren sie auch auf Exkursion in die Hauptstadt Udmurtiens.
Meinem Gast - der "Gastschwester" -, entschloss ich mich, alle Reize der russischen "Gastgänger" zu zeigen. Als Gast interessierte sie buchstäblich alles. Als sie die weichen Stofftiere auf dem Sofa bemerkt, ruft sie aus: "Oh, in meiner Kindheit hatte ich davon so viele. Interessant, dass sie bei Dir zu Hause geblieben sind!" - "???" - "Ich habe sie, als ich größer wurde, an arme Kinder in meiner Straße verschenkt ..."
Bei uns vollzieht sich die Trennung von der "glücklichen Kindheit" nicht so schnell und leicht. Die Spielzeuge sind wie Erinnerungen, wie ein Teil unseres Lebens.
Vor der Abreise flüstert sie leise: "Übersetze bitte, dass es mir hier sehr gefallen hat. Alles ist so behaglich, so schmackhaft, so gastfreundlich. Als ich in Deinem Zimmer war, schien es mir, als sei ich bei mir zu Hause ..."

9.Oktober 2002, 19.24 Uhr - Abschiedsabend
Zehn Menschen aus einem anderen Land wurden zu echten "Erstdurchgängern". Viele (ihrer) Mitschüler machen sich auf den in ihren Ferien üblichen Weg durch Europa. Einige tippten sich an die Stirn, als sie von ihnen den Vorschlag hörten, sich einer Reise anzuschließen in eine andere, unbegreifliche und etwas wilde Welt.
"Wenn irgendein Mensch abfällig über euer Land urteilt, werde ich niemals auf seiner Seite stehen, sondern ihm von ganzem Herzen dazu raten, doch einmal selbst hinzufahren."
"Uns alle (die Deutschen) setzte die Kenntnis der deutschen Sprache in Udmurtien in Erstaunen. Sogar in weit entfernten kleinen Dörfern, wo es insgesamt zwei Lehrerinnen für Fremdsprachen gab, hörten wir von den Kindern dort unsere heimatliche Sprache, die sie anerkennenswert beherrschten. Das war eine wirklich erstaunliche Entdeckung."
"Es wäre schön, wenn die Menschen in Deutschland ebenso gastfreundlich und verständnisvoll wären wie in Russland."
"Ich bin fest entschlossen und werde unbedingt im nächsten Jahr hierher fahren! Warten Sie!"

Ramziya Zaynutdinova

nach oben Autor: Ramziya Zaynutdinova Web:EmailRainer Kunze Datum: Frühjahr 2003. Letzte Änderung am 05. November 2004
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