Informationssystemsystem Johanneum Lüneburg Alphabetischer Index nach unten
Informationssystem
Kontakte   Ishevsk
Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Unser Besuch in Ishevsk im Herbst 2004

Antje Wienke: "... und erzähle zu Hause, dass wir Russen mit Bären kämpfen, alle rote Hemden tragen und den Wodka aus Samowaren trinken!"

Nach dem Schulwechsel ans Johanneum erfuhr ich im Laufe der Zeit, dass unsere Schule partnerschaftliche Beziehungen zu einigen Gymnasien in Europa hat - u.a. auch zum Lyzeum Nr. 22 in Ishewsk / Russland.
Da ich bereits mehrfach in den Ferien in Osteuropa war, hatte ich natürlich großes Interesse an diesem Austausch teilzunehmen und Schüler aus Russland kennen zu lernen. So kam es, dass im vergangenen Jahr [gemeint ist das Jahr 2003] Lena, meine Gastschwester, für ungefähr zwei Wochen bei mir zu Besuch war. Sie erzählte mir viel über Land und Leute, was mich immer neugieriger auf diese Kultur und die russische Lebensweise machte.
Meine Erinnerungen an Russland - ich bin mit zwei Jahren bereits durch Moskau spaziert - waren schon sehr verblasst. Also war es für mich gar keine Frage, nach Ishewsk fahren zu wollen.

In der Vorbereitungszeit der Reise wurde ich öfter von nicht mitreisenden und mitreisewilligen Schülern gefragt, ob ich wirklich dorthin fahren wolle und werde. Eine Frage, die mich etwas irritierte und ich sah mich zum ersten Mal mit Vorurteilen gegenüber Osteuropa konfrontiert, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Mich fragte zum Beispiel jemand, ob ich denn gar keine Angst hätte, in solch ein armes und chaotisches Land zu fahren. Ein anderer meinte sogar zu mir: "Na Genossin Antje, fahren wir bald zu den Kommunisten?!"
Laufen denn alle Russen außer Lena mit einer Pelzmütze auf dem Kopf herum und haben keine Lust zu arbeiten?! Wie leben sie denn so, wo es doch noch nicht überall fließend Wasser und Strom geben sollte?! Aber das wohl gängigste Vorurteil, das ich in diesen Tagen hörte, war, dass dort im fernen Russland jeder Wodka bis zum Umfallen saufe.

Je mehr Vorurteile und negative Meinungen ich zu diesem Thema erfuhr, desto erschrockener war ich über die Unwissenheit und Intoleranz einiger. Ohne jemals direkten Kontakt mit Osteuropäern gehabt zu haben, wurden Meinungen vertreten, die noch aus der Zeit unserer Groß- und Urgroßeltern stammen könnten.
Ich kenne die Kultur in einigen osteuropäischen Staaten und somit auch ihr Leben und weiß, dass sie nicht den Vorstellungen einiger meiner Mitschüler entspricht.

Abends mit unseren Gastgebern ...

Eine Bestätigung meiner Auffassung erhielt ich spätestens dann, als ich über die Türschwelle in die Wohnung meiner Gastfamilie trat. Es war eine völlig normal eingerichtete Wohnung, die durchaus unseren westlich orientierten Erwartungen und Ansprüchen entsprach. Gleich beim Begrüßungsessen am ersten Abend stellte sich sogar heraus, dass mein Gastvater beispielsweise überhaupt keinen Alkohol trinkt, also auch keinen Wodka! Nicht nur er, sondern auch andere Leute, die ich in Russland kennen lernte, schütteten den Alkohol nicht einfach hemmungslos in sich hinein.

Unsere Gastgeber mit einem ihrer Gäste ...

Ich konnte allerdings auch feststellen, dass russische Jugendliche bestimmt nicht weniger Alkohol konsumierten als deutsche. Wenn Lena und ich an manchen Abenden noch in eine Bar gingen oder einfach nur einen kleinen Spaziergang machten, fielen mir besonders die Bierflaschen in den Händen der meisten russischen Jugendlichen auf. Sowohl Jungen und Mädchen als auch Paare liefen mit ihnen durch die Stadt - auch in Moskau - als wäre dies die normalste Sache der Welt. Für uns Deutsche war dies sicherlich ein bisschen ungewöhnlich, doch nach ein paar Tagen in Russland hatte man sich daran ziemlich schnell gewöhnt.

Bei Stadtbummeln mit meiner Gastfamilie, aber auch bei Exkursionen mit unserer Gruppe ertappte ich mich des Öfteren dabei, dass ich Häuser unbewusst nach mit Zeitungen zugeklebten Fenstern absuchte. Denn auch von diesem Vorurteil hatte ich im Laufe der Zeit vor unserer Russlandreise gehört. Aber so sehr ich mich beim Suchen auch bemühte, ich fand einfach keine Fenster, die anstatt von Gardinen mit Zeitungen verziert waren.
Hierbei zeigte sich wiederum die Voreingenommenheit der Deutschen zu einer Kultur, die nicht der ihren entspricht.
Natürlich stellten sich leider nicht alle Vorurteile und Vorstellungen meiner Mitschüler und von mir als falsch heraus. Wenn ich versucht hatte, mir vor der Reise ein Bild von Russland zu machen, hatte ich immer auf Anhieb riesige Birkenwälder vor Augen, genau wie die in den russischen Märchen von früher. In den Lichtungen oder am Waldrand standen kleine gemütliche Holzhäuser, die schön verziert sind. Meine Vorstellung bewahrheitete sich bereits zum ersten Mal während der langen Zugfahrt mit der Eisenbahn, die übrigens völlig überheizt war, von Moskau quer durch Tatarstan nach Udmurtien. Sobald der Zug Moskau und die dazugehörigen Vorstädte verlassen hatte und weiter uns Landesinnere fuhr, bäumten sich links und rechts der Schienen große Wälder mit unvorstellbar vielen Birken auf. Es war ein wirklich grandioser Anblick - auch wenn das Wetter sehr schlecht war. Und falls man an einer Ortschaft vorbeikam, standen dort tatsächlich viele kleine Holzhäuser.

Während der Zugfahrt, ein Blick aus dem Fenster, und immer wieder sahen wir ein solches Bild: Birkenwälder, wohin das Auge blickt ...

Dazwischen aber immer auch kleine oder größere Ortschaften, wie hier auf diesem Bild zu sehen.

Auch in Ishevsk fand man immer wieder diese kleinen Holzhäuser, die wir während der Fahrt schon so oft gesehen hatten ...

Auch in Ishevsk fand man immer wieder diese kleinen Holzhäuser, die wir während der Fahrt schon so oft gesehen hatten ...

Auch in Ishewsk gibt es ein Viertel inmitten der gewaltigen Hochhäuser, das lediglich aus Holzhäusern besteht. Es sind zwar in ihrer Zahl nicht mehr sehr viele, aber dennoch ausreichend, um die Geschichte Ishewsks und das Bild von Russland zu repräsentieren.

Abschließend sollte noch eine letzte Sache erwähnt werden, die wahrscheinlich wirklich die Vorstellung von jedem um Weites übersteigt. Als unsere Gruppe in Russland war, wurde uns von den Einheimischen eine solch herzliche Gastfreundlichkeit - an dieser Stelle kann ich wohl im Namen aller sprechen - entgegengebracht, die unglaublich ist. Wo wir auch waren, wurden wir freundlich und herzlich empfangen und aufgenommen, obgleich es eigentlich teilweise sogar völlig fremde Menschen waren, die wir kennen lernten.
In der Schule bekamen wir so zum Beispiel während dem Essen traditionelle udmurtische Tänze geboten und man war sehr bemüht um uns, dass wir auch alles hatten. Doch ein Erlebnis ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben und zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Nach einer Besichtigung des Kinder - und Jugendzentrums in Ishewsk kam ein kleines Mädchen, ich schätzte sie auf ungefähr sieben, auf mich zu und schenkte mir ein hübsches Perlenarmband mit einem Krokodil darauf, welches sie zuvor selbst gemacht hatte. Viele solcher kleinen Gesten und Nettigkeiten erlebten wir im Laufe unserer Russlandreise und manchmal wünsche ich mir, dass sich so mancher Deutscher, statt so voller Vorurteile gegenüber fremden Kulturen zu sein, eine Scheibe "Gastfreundlichkeit" abschneiden könnte, um sich mit dem Leben anderer Völker vertraut zu machen.

Während des Mittagessens zu unserer Begrüßung am ersten Tag in der Schule 22 wurden uns verschiedene udmurtische und russische Tänze vorgeführt


Die zwei Wochen in meiner russischen Gastfamilie und in Ishewsk haben mir gezeigt, dass es gar nicht so große Unterschiede in unserer beider Leben gibt und dass bestehende Vorurteile, wie ich sie in der Zeit vor meiner Reise gehört habe, möglichst schnell beseitigt werden sollten.
Ich hoffe, dass wir alle durch unserer Berichte und Erzählungen hier zu Hause in Deutschland etwas dazu beigetragen haben und beitragen werden, dieses große Land, seine Menschen und seine Kultur den Deutschen hier ein Stück näher zu bringen. Ich würde mich freuen, wenn wir im nächsten Jahr [gemeint ist das Jahr 2005] wieder viele Gastschüler aus Ishewsk am Johanneum begrüßen können und sich noch mehr deutsche Gastfamilien bereit erklären, einen Schüler aus Udmurtien aufzunehmen.
In zwei Jahren werde auch ich wieder die weite, lohnenswerte Reise nach Ishewsk auf mich nehmen - hoffentlich sind neben vielen bekannten Gesichtern auch eine Menge neue dabei.

[Die Anmerkungen in Klammern wurden von Rainer Kunze hinzugefügt - zur genaueren zeitlichen Einordnung. Denn Antje hat diesen Text bereits im November 2004 verfasst für den ursprünglich geplanten Termin des Aula-Cafés (Ende November 2004)]

nach oben Autorin: Antje Wienke; Web: EmailRainer Kunze Datum: Herbst 2004. Letzte Änderung am 05. Februar 2005
Informationssystem [Informationssystem] [Kontakte] Überblick [Webteam] [Email] [Exposystem] Schulentwicklung