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Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Unser Besuch in Ishevsk im Herbst 2004

Oliver Thomas: Das Verkehrswesen in Russland

Jedes Land hat so seine Eigenarten, und eine dieser bemerkten wir schon, als wir durch Moskau wandelten; voll wahrgenommen jedoch haben wir sie erst in Ishevsk:
Das russische Verkehrswesen schien sich vom deutschen doch recht drastisch zu unterscheiden. Als wir nämlich in Ishevsk von unseren Gastfamilien abgeholt wurden, staunten wir nicht schlecht über die dort üblichen Automobile.
Während ein deutscher Autokäufer wohl darauf achtet, dass sein Auto mit ABS, einem Katalysator, genügend Airbags und anderen "Spielereien" ausgestattet ist, besitzt der Großteil der russischen Autos nicht einmal Gurte.

Nur ein Beispiel für ein 'typisches' russisches Auto.

Nur ein weiteres Beispiel für ein 'typisches' russisches Automobil ...

Ein kleiner Eindruck vom Zustand vieler russischer Straßen.

Ich hatte Glück: Als meine Gastfamilie mich vom Bahnhof abholte und ich im Auto saß, hätte ich mich anschnallen können. Können, weil, als ich nämlich eben dies tun wollte, mich die Gastgeber doch sehr skeptisch musterten. Mein Gastbruder soufflierte mir dann, dass sich niemand in Ishevsk anschnallt. Es sei zwar vom Gesetz vorgeschrieben, aber das interessiere hier niemanden. Also fuhren wir - ohne ABS, Katalysator, Airbags und ohne angeschnallt zu sein - los; und wie …
Auch die russische Fahrweise hält eine gewisse Distanz zur deutschen. Gehört es in Deutschland doch zur Pflicht, die StVO, Geschwindigkeitsbegrenzungen und das Vorfahrtsrecht zu beachten, scheint dies in Ishevsk undenkbar. Z.B. war das Treffen zur Abfahrt um 11.45 Uhr vorgesehen; da der Bahnhof auch noch ein wenig außerhalb lag, war es nur zu gut, dass wir zeitig um 11.37 Uhr losfuhren.
Die Methodik, diesen Rückstand wieder aufzuholen, zeichnet sich, physikalisch gesehen, durch eine rapide Erhöhung Vs aus, oder einfacher: Mein Gastonkel "drückte auf die Tube". Während der Fahrt grinste mir das Tachometer fröhlich "87" entgegen, und ohne Gurt oder Airbags oder sonstige Dinge, die mir Sicherheit hätten versprechen können, kamen wir beinahe pünktlich (10 Minuten zu spät) am Bahnhof an.
Aber warum holperte es während der Fahrt so? Russische Straßen glänzen nicht dadurch, dass sie "schlaglochfrei" sind, nein, vielmehr dadurch, dass sich der Regen auf ihnen so ansammelt, dass sich der Himmel umfassend auf ihnen widerspiegelt. Ohne vernünftigen Rinnstein und Kanalisation kann man auch nichts anderes erwarten.

Noch ein kleiner Eindruck ...

Eine kleine Skizze zum russischen Verkehrswesen - gleichzeitig eine Skizze eines Teils des Weges, den ich täglich auf dem Weg zur Schule zurücklegen musste ...

Aber auch andere Teile des Straßennetzes waren zuweilen gewöhnungsbedürftig.
In Deutschland würde man eine Straße überqueren, indem man über einen Zebrastreifen oder eine Ampel geht. In Russland ist dies beinahe zu gefährlich, aber dazu gleich mehr.
Auf dieser Abbildung habe ich die Straße skizziert, über die ich jeden Morgen hinüberschreiten musste. Das Schwarze ist der Mittelstreifen, das Blaue sind Autos, das Dunkelrote die Zwischenstationen, die ich beim morgendlichen und nachmittäglichen Überqueren einlegte (das Weiße die Schlaglöcher).
Da es jedoch nicht vollkommen eindeutig war, ob die Straße nun drei- oder vierspurig sei, musste man situationsbedingt laufen und immer die richtigen Pausen einlegen.
Die gefährlichste hierbei ist die am Mittelstreifen, da es durchaus sein konnte, dass eben an exakt dieser Stelle ein Autofahrer den Drang verspürt, abbiegen zu müssen.
Aber warum sind nun die Ampeln so gefährlich?
Solange sie grün für die Fußgänger anzeigen, ist man in bester Sicherheit. Gemütlich kann man über die Straße hinüberschlendern - bis zu dem Moment, wo die Ampel rot anzeigt. Dann nämlich bleibt die deutsche Pause, die dafür sorgen soll, dass auch der letzte Depp auf der anderen Straßenseite angekommen ist und so nicht überfahren wird, aus. Rettung besteht darin, gar nicht erst über Ampeln zu gehen und sich nicht zu Fuß fortzubewegen.

Vorsicht! Eine Ampel ;-) ...

Ein Oberleitungs- (Trolley-) Bus, der für russische Verhältnisse sehr, sehr leer aussieht ...

Eine Straßenbahn. In Ishevsk müssen die Straßenbahnen auch gehörige Steigungen bewältigen.

Eine typische Szene beim Einsteigen: Während noch Passagiere aussteigen, drängen schon viele in den Bus hinein, und zwar an allen zur Verfügung stehenden Türen.


Es gibt ja schließlich auch öffentliche Verkehrsmittel (ÖVM), nämlich Bus, O-Bus (Oberleitungs-Bus, ein Bus, der wie eine Eisenbahn elektrisch mit einem Kabelgewirr über ihm verbunden ist) und Straßenbahn.
Prinzipiell läuft der Prozess immer gleich ab: Das ÖVM hält, die Menschen steigen ein (ohne zu bezahlen), das ÖVM fährt weiter. Bezahlt wird erst innerhalb des Busses. Dann nämlich bewegt sich eine weibliche, meist kleine und oft korpulente Fahrkartenverkäuferin quer durch den (meist überfüllten) Bus, um fünf Rubel von jedem einzusammeln, der ihres Erachtens nach nicht bezahlt hat.
Man erhält zwar eine Art Fahrkarte, aber da die immer gleich aussehen und eigentlich nichts aussagen und sich im Laufe der Zeit in meiner Jackentasche zuhauf sammelten, ist diese wohl eher sinnlos.
Alles in allem erscheint mir das Ishevsker Verkehrsystem und ihre Philosophie sehr kryptisch zu sein:
Sollte sich hinter alledem ein Sinn, eine Art Logik oder gar ein System verbergen: Ich habe ihn, sie oder es nicht gefunden.
Jedoch funktioniert das System anscheinend: Während unserer gesamten Zeit in Russland habe ich keinen einzigen Unfall gesehen und bei jeder Fahrt mit dem Bus wurde ich auch nur exakt einmal aufgefordert, eine Fahrkarte zu bezahlen.

nach oben Autor: Oliver Thomas; Web: EmailRainer Kunze Datum: Herbst 2004. Letzte Änderung am 05. Februar 2005
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