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Austausch zwischen dem Gymnasium Johanneum, Lüneburg, und der Schule 22, Ishevsk

Der Besuch aus Ishevsk im Jahr 2001


Dieser Besuch in Lüneburg erregte erneut das Interesse der Zeitung in Ishevsk. Die Zeitung "Karriere" berichtete in ihrer Nr. 39 vom 17. Oktober 2001 auf S. 8 darüber (und nicht nur darüber) wie folgt:
Die Übersetzung dieses Artikels ins Deutsche hat Herr Dr. Zimmer besorgt, ehemaliger Lehrer am Gymnasium Johanneum.


Dialoge auf Deutsch

Warum erfreuen sich alle möglichen Fremdsprachenkurse einer solchen Beliebtheit? Ja, weil es nicht möglich ist, in den zwei bis drei Stunden des Schulunterrichts, den zwei bis vier Doppelstunden an der Hochschule in der Woche alle Feinheiten eines fremdsprachigen Briefes und einer Rede zu bewältigen und sich klar zu machen. Ohne ständige sprachliche Praktika und Kommunikation, eben einfach durch Sprechen, bleibt Sprache für Schüler eine tote Sprache.

Es gibt noch keinen anderen Weg, um die Feinheiten einer Sprache kennenzulernen: den gründlichen vertieften Unterricht.
In der Schule 22 in Ishevsk findet ständig eine aktive Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache statt. Während des ganzen Jahres lernen hier alle die fremde Sprache - sowohl Lehrer wie Schüler.

Auf welche Weise wird in der Schule gelehrt?
Jedes Jahr zu Beginn des Schuljahres begibt sich eine Gruppe von zehn besonders gut lernenden Schülern mit zwei Lehrerinnen nach Lüneburg, um zehn Tage am Gymnasium Johanneum am Unterricht teilzunehmen.
Der Grundstein zur Zusammenarbeit dieser beiden Schulen wurde vor längerer Zeit gelegt. Als vor Jahren einmal Wilhelm Tietje, Rektor der Grundschule in Oedeme, am Schwarzen Meer Urlaub machte, schloss er Bekanntschaft mit Lehrern der Ishevsker Schule 22. Dabei kam er auf den Gedanken, warum soll man nicht helfen, wenn es hier doch Menschen gibt, die Hilfe brauchen. Sein Freund, Wolfgang Senne, vormals Direktor des Gymnasiums Johanneum, unterstützte diesen Gedanken ohne Einschränkung und bot seine Unterstützung an.
Schon zwei Jahre später traten zwei Studenten der Udmurtischen Universität die Reise als Gäste zu den deutschen Lehrern an. Darauf fuhr eine Delegation von Schülern der Schule 22 alljährlich nach Lüneburg. Natürlich müssen sie sich die Erlaubnis dazu erst einmal verdienen - das heißt für sie lernen und nochmals lernen!
Das Programm des vertieften Unterrichts in deutscher Sprache umfasst einen siebenwöchentlichen Unterricht (fünf Wochen davon in Form praktischer Übungen, zwei berufsorientiert mit dem Programm "Technik des Übersetzens", "Technologie mündlichen Übersetzens", "Berufswahl"). Darauf werden 15 der besten Schüler in einem Schul-Lager weiter ausgebildet. Hier wird der Unterricht nicht selten von einem Lehrer aus Deutschland ("einem Repräsentanten der deutschen Sprache") erteilt.
Die Kinder verkehren hier ausschließlich in der Art des Auslandes. Sie werden unterwiesen, wie man Messer und Gabel benutzt, wie man ein weichgekochtes Ei isst. Sie erfahren, wie man sich in Deutschland üblicherweise in der Familie begrüßt (nicht nur mit "Guten Morgen", sondern man ist auch daran interessiert, wie man geschlafen hat). Man tauscht sich im Lager auch darüber aus, welche Kleidung in der Schule angemessen ist. Zur Zeit ist es Mode, Hosen mit um die Hüften weitem Zuschnitt zu tragen. In diesem Fall schmückt man den Nabel mit irgendeiner Nippessache. Die Deutschen sind erstaunt darüber, dass wir uns etwas "geziert" kleiden. Wir gehen zur Arbeit, als bereiteten wir uns auf einen Besuch im Theater vor.
Irgendwann hat man in der Schule zwei Arten von Klassenprofilen eingeführt: einen mathematischen und einen sprachlichen Zug. Zur Zeit arbeiten die Sprachler und Mathematiker im Tandem. Schon vier Jahre gibt es, wie in Schule 22, sprachlich-mathematische Klassen. Die Absolventen dieser Klassen haben gute Zukunftschancen. Sie können ihre sprachliche Ausbildung an der Staatlichen Udmurtischen Universität fortsetzen oder ein Studium zum Ingenieur-Dolmetscher an der Technischen Udmurtischen Universität absolvieren (15 bis 20 Menschen treten jährlich ohne Examen als Ergebnis einer Olympiade in die Hochschule ein.)

Lehren - selbst lernen
Die Pädagogen der Schule 22, die sich vor vielen Jahren für eine Priorität des Fremdsprachen-Unterrichts entschieden haben und mit Schülern in Deutschland gewesen sind, führen mit den ausländischen Kollegen fachliche Korrespondenz und laden sie zu sich nach Hause ein. Und nachdem Anfang der 90er Jahre zur Zweigstelle des Goethe-Instituts in Moskau freundschaftliche Kontakte entstanden sind, erhöhen sie ständig die Qualifikation auf Seminaren dieser Bildungseinrichtung. Für die Lehrer, die schöpferisch arbeiten, besteht auch die Möglichkeit, an einem Praktikum in Deutschland teilzunehmen. Seit kurzem können sich Pädagogen im Alter bis zu 45 - jetzt 55 - Jahren für diese Möglichkeit entscheiden. Verbunden damit ist die Verpflichtung, nicht weniger als zwei, drei Jahre im Schuldienst zu arbeiten. Von Bedeutung ist dabei, wann der Lehrer zum letzten Mal zu einem Praktikum in Deutschland war (nicht früher als nach vier Jahren besteht erneut die Möglichkeit). Außerdem muss der potentielle Schüler-Lehrer vorher an einem Wettbewerb teilnehmen - einen von fünf Texten auswählen und eingehend über seine Methode der Erarbeitung Auskunft geben. Den hohen Ausbildungsstand der Lehrer von Schule 22 bestätigt eine kompetente Kommission des Goethe-Instituts beständig: Acht von 20 Lehrern haben ein Praktikum in Deutschland absolviert, einige von ihnen mehrmals.
Jetzt haben sich drei Vertreterinnen der Schule zur Ausbildung im Ausland aufgehalten. Sie lebten und studierten dort drei Wochen im Sommer. Dazu mussten sie nicht eine Kopeke aus eigener Tasche beisteuern. Mit der Einladung war ein Stipendium für die Lehrer verknüpft. Lediglich die Fahrtkosten nach Moskau und zurück gingen auf ihre Rechnung (aber wenn der Preis dafür 80 Mark überstieg, wurde auch dafür ein Zuschuss gezahlt). Man hat unsere Lehrer dort nicht an die Hand genommen. Man hat ihnen sogleich eine Karte der Stadt und der Metro ausgehändigt - lernt, und was Euch nicht klar ist, erfragt bei einem, den Ihr zufällig trefft.
Das Prinzip der Unterrichtsführung sowohl in der deutschen Schule als auch im Goethe-Institut ist für uns sehr ungewöhnlich. Der Unterricht dort orientiert sich an den Teilnehmern. Ein so traditioneller Unterricht, bei dem der Lehrer verkündet, worum es geht, und die anderen zuhören, findet fast nicht statt. Jedem Praktikanten (oder Schüler) gibt man eine Aufgabe, die es zu irgendeinem Thema im Rahmen des Projekts zu erfüllen gilt. Nachdem sie gemeinsam ihre Ergebnisse zusammengetragen haben, tauschen sich die Schüler über die erhaltenen Informationen aus. Der Lehrer, der die Aufgabe gestellt hat, bewertet das Endergebnis und prüft, wie die gewonnenen Ergebnisse in der Schule praktisch genutzt werden können.
Die Lehrer werden nicht verwöhnt - trotz des Sommers dauert der Unterricht täglich von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr abends. Die Gruppe, in der Russen, Ungarn, Kroaten, Spanier, Schweden, Italiener, Südafrikaner, Inder, Kirgisen studieren, verkehren den ganzen Tag nur in deutscher Sprache (bei dieser Gelegenheit: Die Gruppen finden sich auf die Weise zusammen, dass sich beispielsweise ein Drittel der Schüler des Seminars aus solchen Schülern zusammensetzt, die sich in der deutschen Sprache heimisch fühlen). Die Pädagogen aus den verschiedenen Ländern wurden nicht allein gelassen in ihrem Bemühen, die harte Nuss zu knacken und das Wissen zu erwerben für einen fremdsprachigen Verkehr miteinander - noch im Juli setzte sich der Unterricht in einer Schule in der Stadt Görlitz fort (in Deutschland bestimmt jedes Bundesland selbständig Anfgangs- und Enddatum des Lehrbetriebs).

Tag der Freunde der Schule
Nach solchen Seminaren in Deutschland fühlten sich die Lehrer der Schule 22 einfach verpflichtet, ein Seminar für die Schüler der Stadt und der Republik durchzuführen. Und so eine Lehrveranstaltung erfolgt jedes Jahr.
Gäste erwarten immer etwas Besonderes, zunächst einmal ein Treffen mit den deutschen Kollegen. Diesmal sind zum Seminar in der Schule die Dozentin [für Deutsch als Fremdsprache] von der Universität Göttingen, Tütken, der Geschichtslehrer Kunze und andere Vertreter der wissenschaftlichen Intelligenz Deutschlands gekommen. Im Unterschied zum vergangenen Jahr ging das Seminar über einen Tag. Deswegen fand morgens ein intensiver Gedankenaustausch der Lehrer mit den Gästen statt, aber nach dem Mittagessen erhielten die Kinder das Wort. Traditionsgemäß für die 22. Schule brachten sie das Gespräch auf das Thema "Sind wir verschieden oder sind wir gleich?" - natürlich in deutscher Sprache. In der Mittagspause wurde vor den Gästen getanzt, eröffnet mit charakteristischen Darbietungen von udmurtischen Nationaltänzen, zum Schluss mit den deutschen Gästen.
Wörtlich übersetzt vom Deutschen ins Russische lautete das Thema des Seminars so: Schöpferische Lehrer lehren besser - schöpferische Schüler lernen besser. Treffender kann man es meiner Meinung nach nicht sagen. Zumindest haben die Pädagogen der Schule 22 ihr Ziel, "immer und überall schöpferisch tätig zu sein", mit Erfolg erreicht.

Auf den [hier nicht abgedruckten] Bildern: Schüler der Schule 22 auf Lüneburgs Straßen; das alte Gebäude des Gymnasiums Johanneum

Alexandra Büstrowa (Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind von Rainer Kunze zum besseren Verständnis hinzugefügt worden.)

nach oben Autor: Alexandra Büstrowa Web:EmailRainer Kunze Datum: Frühjahr 2003. Letzte Änderung am 05. November 2004
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