Bilder als Sprech- und Schreibanlass im Unterricht Deutsch als Fremdsprache

Bilder

Kunstbild und Sprache

Unterrichtsschritte

Auswahlkriterien

1. Allgemeine Kriterien zur Auswahl von Bildern

2. Spezifische Kriterien zur Auswahl von Bildern

Bild und Text

Methodische Hinweise zur Bildanalyse

Formulieren zum Bild

Das russische Wort für Malerei heißt  ЖИВОПИСЬ und besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil stammt vom Wort Leben, der zweite vom Verb schreiben. Malerei heißt somit wörtlich, das Leben (auf)schreiben, das Leben mit Farben und Formen schreiben.

Bilder haben im Deutschunterricht schon lange einen festen Platz. Alle neueren Lehrwerke arbeiten mit Bildern als einem zentralen Medium, sei es mit Fotos, Illustrationen, Comics, Bildgeschichten, oder Anderem mehr. Optisch aufbereitet und bildlich unterstützt ist der Sprachlernprozess, so wissen wir aus der Erfahrung, motivierender, lustvoller und effektiver.

Bilder

- können einen Gefühlsbereich und einen Assoziationsraum eröffnen,
- zeichnen sich aus durch prinzipielle Deutungsoffenheit,
- bauen Gedankenwelten auf und fördern die Fantasietätigkeit,
- ermöglichen authentische Sprachhandlungen,
- fördern kommunikative Fertigkeiten wie Fragen, Vermuten, Übertragen, Bewerten, Verallgemeinern, Abstrahieren, Spekulieren und Identifizieren,
- wecken Neugier, Zweifel und Widerspruch,
- sind grundsätzlich auch Landeskunde.

Bilder sind und waren schon immer eine feste methodische Größe und Stütze des Fremdsprachenunterrichts. Gab es in Zeiten der audiovisuellen Methode vor allem Illustrationen zu Lehrbuch oder auf Kassettte festgehaltenen Dialogen, so wurden Bilder später zur situativen Einbettung von Alltagsgesprächen benutzt oder wie Filmausschnitte in Standbildern behandelt, anhand derer eine Geschichte erzählt werden sollte.

Erst in neuerer Zeit wird die narrative (erzählende) und emotionale Kraft von Bildern betont und werden der den Bildern eigene Erzählimpuls sowie in ihnen sich spiegelnden landeskundlichen und interkulturellen Informationen (z.B.in "Sichtwechsel neu") fruchtbar gemacht.

 

Kunstbild und Sprache

In unserer in Zahlen, Systemen und technischer Logik denkenden unübersichtlichen Wirklichkeit, in der das Bewusstsein durch die Vielfalt der auf uns einstürzenden Informationen fragmentiert (und manipuliert) wird, kommt der Kunst eine besondere Bedeutung als Übung zu kreativem und selbstbestimmten Denken zu. Ein Kunstbild ist die Verwirklichung dessen, was ein Künstler als Erkenntnis und Gefühl auf dem Weg über den Entwurf und die praktische Ausführung zu einem Kunstwerk machte. Das Kunstwerk erzählt diese Geschichte, es erzählt von Erkenntnissen, Gefühlen und von seiner Herstellung. Die Kunst-betrachtung vollzieht das Erkennen dieses ästhetischen Sinnentwurfs, der dahinter liegenden Fragen und Ideen. Vom Betrachter wird ein komplexes Denken erwartet, das die unterschiedlichen Aspekte des Gesehenen zu einer sinnvollen Aussage verbindet.

Die Wirkung und Bedeutung von Kunst lässt sich oft nur schwer in Worte fassen. Es ist, als sei die Sprache ein Nadelöhr. Man hat etwas im Sinn, aber wie bekommt man es heraus? Am kulturellen Potential von Kunstbildern wird nie gezweifelt, jedoch daran, dass für diese Anderssprachigkeit von Bildern Sprache gefunden werden kann. Und wie verhält es sich dann erst mit einer Fremdsprache?

Für die Klärung dieses Zusammenwirkens von Wahrnehmung, Denken und Sprache kommt der Arbeit von Klaus Holzkamp große Bedeutung zu. Nach Holzkamp gehen Sprache und Denken im Prozess der Wahrnehmung eine Verbindung ein. Sprache definiert Holzkamp als verallgemeinernde Form und verbale Bezeichnung der Wahrnehmung von Bedeutungen (Holzkamp 1973).

Bild und Sprache sind als Medien hiernach gleichwertig, jedoch nicht gleichartig. Sie sind auch nicht austauschbar, treffen sich aber (in der Denkweise der Linguistik) im Begriff des Textes (von Textum: lat. Gewebe, Gefüge, Geflecht). Ein Bild ist so gesehen ein visueller Text, die Sprache ein verbaler Text. Beide sind bewusst gewoben und gefügt worden. Die Suche nach Affinitäten dieser beiden Medien ist fremdsprachendidaktisch sehr wichtig, denn Sehen lernen und Sprache lernen sind vewandte Akte.

In einem Aufsatz zur Bildanalyse formuliert Gunter Otto: …"die Differenz zwischen dem Bild und dem, was ich darüber im Medium der Sprache sagen kann, ist eine Grundgegebenheit der Bildanalyse, die auch dem Betrachter bewusst werden muss".

Was passiert, wenn ein Bild in Sprache gesetzt werden soll, noch dazu in eine Fremdsprache? Als würde ein Film zum Laufen gebracht, wird dem Bild eine Zärtlichkeit und Räumlichkeit gegeben, in ihm ein Prozess, ein Ereignis, eine Handlung gesucht.

Bildkunst ist interpretationsoffen, legt Spuren im Kulturbewusstsein, regt Kreativität an und löst individuelle Sprachleistungen aus.

 

Unterrichtsschritte

- Vorwissen / Erfahrungswelt der Schüler ansprechen (mentale Schemata aktivieren, Bekanntes identifizieren)
- Fremdes erkennen und benennen (Vorwissen und Vermutungen aktivieren)
- Suche nach der Bedeutung (gegebenenfalls mit Hilfe von Erklärungen, Zusatzbildern oder -texten)
- Vergleich (Ähnlichkeiten und Kontraste entdecken)
- Sinnverstehen (Integration des Fremden)
- Bewertung und Stellungnahme

 

Auswahlkriterien

Von der Auswahl der Bilder hängen die Motivation der Lernenden und ihre Lernfortschritte in starken Maße ab. Sie beeinflusst auch den weiteren Unterrichtsverlauf.

Ein "pädagogischer Blick" führt bestimmt zu anderen Auswahlkriterien als der übliche "Leserblick".

Man unterscheidet zwischen allgemeinen und spezifischen Kriterien. Die spezifischen Kriterien beziehen sich dabei auf Bilder, die speziell für landeskundliches Lernen eingesetzt werden sollen.

1. Allgemeine Kriterien zur Auswahl von Bildern:

- Grafische Qualität: Ist die technische Wiedergabe einwandfrei?
- Ästhetik: Ist das Bild ansprechend gemacht?
- Inhalt, Thema: Ist das Thema für die Schüler interessant? (Anschluss an die Erfahrungswelt der Lernenden)
- Räumliche Offenheit: Regt das Bild zum Ergänzen an? (Was könnte oben, unten, rechts oder links passieren?)
- Zeitliche Offenheit: Regt das Bild zu einer Geschichte an? (Was könnte vorher passiert sein? Wie könnte es weitergehen?)
- Kommunikative Offenheit: Was können die dargestellten Personen sprechen / denken? Gibt das Bild Anlass zu dieser Frage?
- Inhaltliche Offenheit: Gibt es viele Elemente, die zu Vermutungen anregen ("Detailüberschuss")?
- Vorwissen: Reicht das sprachliche Vorwissen der Schüler für die Interpretation aus?

2. Spezifische Kriterien zur Auswahl von Bildern:

- Authentizität: Ist das Bild im Land der Zielsprache gemacht?
- Aktualität
- Perspektive und Repräsentativität: Das Bild sollte nicht einseitig oder überzeichnet darstellen; notfalls muss es durch andere Bilder / Texte ergänzt werden.
- Soziale Offenheit: Regt das Bild zum Nachdenken über die sozialen und kulturellen Bedingungen des fremden Landes an?
- Vorwissen: Reicht das landeskundliche Wissen für eine vorläufige Interpretation aus?

Mit Sicherkeit können nicht alle Kriterien in einem einzigen Bild repräsentiert sein: "Ein Bild mit großer kommunikativer Offenheit" kann für den Unterricht geeignet sein, auch wenn es wenig Details (inhaltliche Offenheit) enthält.

Nehmen wir zur Veranschaulichung ein Bild, ein Beispiel für soziale bzw. zeitliche Offenheit.
Der Lehrer gibt den Schülern folgende Aufgabe:

Beschreibt zunächst:
- das Mädchen (Alter, Haltung, Mimik, Eigenschaften)
- die Umgebung (Achtet auf Details, die einen Bezug zu dem Mädchen herstellen!)
- die soziale Situation des Mädchens (soziale Offenheit)
Beschreibt kurz die Geschichte des Mädchens: Was war vorher? Warum ist sie hier? (zeitliche Offenheit)
Vergleicht eure Bildinterpretation mit dem Text aus "Jugendmagazin". Welche Informationen konntet Ihr dem Bild ohne den Text entnehmen?

 

Bild und Text

Landeskundliche Bilder bedürfen in den meisten Fällen einer Textergänzung , und das ist ja für die Spracharbeit auch sehr nützlich.

Texte und Bilder können in verschiedenen funktionalen Zusammenhängen zueinander stehen. Wichtig sind:

- Die darstellende Funktion: Das Bild veranschaulicht Inhalte des Textes, d.h. es wiederholt bestimmte Aussagen des Textes und macht ihn dadurch konkreter.
- Die Organisations-Funktion: Das Bild gliedert den Text, verdeutlicht den Kontext, verschafft einen Überblick.
- Die interpretative Funktion: Das Bild "übersetzt" schwer verständliche Inhalte des Textes. Es kann bestimmte Informationen effizienter mitteilen als eine umständliche Beschreibung und kann so auch eine Text-Ersatz-Funktion haben.

 

Methodische Hinweise zur Bildanalyse

Für die Arbeit mit Bildern im landeskundlichen Sprachunterricht bieten sich verschiedene methodische Möglichkeiten an. Wir unterscheiden zwischen

Methoden der Vorbereitung auf das Bild
(Das Thema im Unterrichtsgespräch vorbereiten, Assoziogramm, einen Teil des Bildes präsentieren usw.)

Methoden der Arbeit am und mit dem Bild
(Präsentation in Abschnitten, bekannte Elemente identifizieren, Informationen erfragen, Hypothesen über unbekannte Details aufstellen usw.)

Methoden mit Text-Bild-Kombinationen
(eine Bildüberschrift finden, einen Begleittext schreiben usw.)

Methoden der Erweiterung
(Eine Vor- und Nachgeschichte des Bildes schreiben, das Bild über den Rand hinaus ergänzen lassen, den Kontext darstellen: Wann, Wo, Warum ist das Bild entstanden? Themengleiche Bilder suchen, eine Collage anfertigen usw.)

 

Formulieren zum Bild

Bilder, die für das "Formulieren" geeignet sind, sollten Gefühle wecken, also den Betrachter abstoßen oder anziehen. Wichtig ist sodann, dass mehrere Bilder zur Verfügung stehen, damit die Schüler für ihre Formulierungen ein Bild auswählen können. Die Schüler schreiben zuerst einen Satz oder zwei, was ihnen einfällt. Das können auch nur ein paar Worte (Textkern) sein. Hier soll es ja darum gehen, Vorstellungen, Empfindungen, also etwas Komplexes und möglicherweise zunächst Unbestimmtes, in Worte zu fassen. Das trägt man zusammen (heftet man an die Tafel); da kann man lesen, was die anderen geschrieben haben, und dabei fällt den Schülern vielleicht wieder etwas ein. Am besten ist es, wenn sie in Postkartenformat zur Verfügung stehen, damit sie beim Schreiben unmittelbar präsent sind. Die Schüler nehmen einzelne Bilder in die Hand, legen sie wieder hin. Sie gehen auch an die Tafel oder an die Projektionsfläche, wenn das Bild mit Overhead-Projektor präsentiert wird, um Einzelheiten des Bildes genauer zu sehen.

Der erste methodische Schritt ist also die Produktion mehrerer Formulierungen; der zweite der Austausch darüber. Der dritte gilt der Auswahl einer Formulierung. Der Schüler trifft eine Entscheidung darüber, welche Formulierung am besten das aussagt, was er meint, und liest sie vor. Der vierte Schritt betrifft den Austausch über das Bild. Schließlich können die Formulierungen zu Gruppen zusammengestellt werden. Die letzte Aufgabe ist: "Schreib noch was du denkst, damit der, der deinen Text liest, das Bild vor seinem inneren Auge sieht - so wie du es siehst." Diese Form der analytischen Betrachtung fördert die Sprachbewusstheit.

 

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